Stammzellen aus Nabelschnurblut Wie die Angst der Eltern zu Geld gemacht wird

Unternehmen preisen tiefgefrorene Stammzellen aus Nabelschnurblut als "Notfallpaket fürs Leben" an und locken werdende Eltern mit großen Versprechen. Im Internet findet sich "gesundheitliche Aufklärung" zum Thema - doch auch die wird oft von privaten Zellbanken finanziert.

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Es ist der Alptraum aller Eltern: Ein Kind, zweieinhalb Jahre jung, soll am Darm operiert werden. Während der Vorbereitung der Operation kommt es zu Komplikationen, das Herz hört auf zu schlagen. Das Gehirn des Kindes ist eine Zeit lang ohne Sauerstoff. Das Kind überlebt, doch bleibt es nach der Operation im Wachkoma, es entwickelt spastische Lähmungen an Armen und Beinen. So geschehen in einer Klinik in Bochum im Jahr 2008.

Umworbenes Blut: Unternehmen versprechen mit den Stammzellen aus der Nabelschnur eine Art biologischer Lebensversicherung
DDP

Umworbenes Blut: Unternehmen versprechen mit den Stammzellen aus der Nabelschnur eine Art biologischer Lebensversicherung

Die Eltern entscheiden sich für eine äußerst seltene Therapie: Die Transplantation von Stammzellen, gewonnen aus dem Nabelschnurblut des Kindes. Es war gleich nach der Geburt entnommen und vom Unternehmen Vita 34 in Leipzig tiefgefroren worden. Was danach geschah, ist für beide ein Glücksfall - zuallererst für das Kind, aber auch für Vita 34. In den Wochen nach der Transplantation hörte es erst auf zu wimmern, dann reagierte es wieder auf die Außenwelt, zudem gingen die spastischen Lähmungen zurück.

Seit einigen Jahren bieten öffentliche und private Anbieter Eltern die Möglichkeit, Nabelschnurblut einzufrieren. Mit den Stammzellen aus dem Blut wollen Mediziner in Zukunft Krankheiten wie Parkinson, Diabetes und Herzinfarkt heilen - und womöglich sogar einmal neue Organe züchten. Ob das tatsächlich einmal gelingen wird, ist völlig ungewiss. Zwar macht die Stammzellforschung derzeit rasante Fortschritte. Bisher gibt es aber nur wenige sichere Therapien mit Stammzellen wie etwa die Behandlung von Leukämie, dem Blutkrebs. Laut Statistiken des Kinderkrebsregisters erkranken 14 von 100.000 Kindern bis 15 Jahren jährlich an Krebs, ein Drittel dieser Fälle sind Leukämien.

"Es ist und bleibt ein Heilversuch"

Ganz anders klingt das aber in der Werbung der privaten Nabelschnurblut-Lagerer: Vita 34, nach eigenen Angaben mit inzwischen rund 62.000 eingelagerten Proben Marktführer unter den privaten Anbietern in Deutschland, macht auf seiner Internetseite auf den Fall des hirnkranken Kindes aufmerksam. Oben auf der Seite werden Stammzellen aus Nabelschnurblut als "Notfallpaket fürs Leben" angepriesen, unten wird über das Kind berichtet. Überschrift: "Medizinische Erfolge", Hintergrund des Textes: Grün - die Farbe der Hoffnung.

Die hat auch Arne Jensen, Professor an der Uniklinik Bochum, der gemeinsam mit Eckhard Hamelmann von der Universitätskinderklinik St. Josef-Hospital die Transplantation durchführte. Jensen hofft, dass die Transplantation tatsächlich zu der Genesung des Kindes geführt hat - er weiß es aber nicht. "Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise, dass hier Ursache und Wirkung zusammenhängen, es ist und bleibt ein Heilversuch", räumt Jensen ein. Er plant nun eine Studie, um die Wirkung der körpereigenen Stammzellen aus Nabelschnurblut bei Kindern mit Schädigungen des Gehirns näher zu untersuchen. "Es bleibt, die Ergebnisse abzuwarten, um von Erfolg zu sprechen." Wenn die Darstellung des Falles über sachliche Information hinausgehe, sei das "nicht korrekt".

So steht der Bochumer Fall beispielhaft für den Umgang mit Stammzellen aus Nabelschnurblut: Auf der einen Seite Wissenschaftler und eine Forschung im Experimentalstadium. Auf der anderen Seite sechs Unternehmen, die werdende Eltern überzeugen wollen, dass das Einfrieren von Nabelschnurblut für den Eigengebrauch eine biologische Lebensversicherung für das Kind darstellt - gegen entsprechende Bezahlung natürlich.

Vita 34 etwa lagert für einmalig 1990 Euro und eine Jahresgebühr von 30 Euro Nabelschnurblut tiefgefroren ein. Dazwischen stehen: Die fünf öffentlichen Stammzellbanken, die um Spenden für die Allgemeinheit werben, das Nabelschnurblut kostenlos einlagern und im Bedarfsfall an kranke Kinder weitergeben.

Entschließt man sich zur Spende des Blutes an eine öffentliche Bank, ist es damit nicht zwangsläufig für den Spender verloren: Sollte er erkranken und die Zellen benötigen, kann er sie bekommen - vorausgesetzt, sie sind noch nicht verwendet worden. Denn eine Spende reicht nur für eine Behandlung.

Die Vision, mit der die Unternehmen werben, ist eine individuelle, auf den einzelnen Patienten maßgeschneiderte Medizin. Man entnimmt ihm eine Zelle, die den Bauplan für den gesamten Organismus in sich trägt und züchtet aus ihr alles nach, was man braucht. So zumindest die Theorie. Der Vorteil: Da es körpereigenes Gewebe ist, wird es vom Immunsystem nicht abgestoßen.

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km16 07.08.2009
1. Artikel zu Nabelschnurblut
Wichtig wäre noch anzumerken, dass bisher in Deutschland nur bei 3 Prozent aller Geburten das Nabelschnurblut weiterverwendet wird. Sei es nun als Spende oder für die private Einlagerung: Hier sollte in jedem Fall eine neutrale Aufklärung der Eltern stattfinden. Und nicht alle Anbieter sind teuer. Das von Ihnen zitierte Unternehmen Seracell bietet die Einlagerung für monatlich 6 Euro und einmalig 180 Euro an.
Hovac 07.08.2009
2. Preise
Zitat von km16Wichtig wäre noch anzumerken, dass bisher in Deutschland nur bei 3 Prozent aller Geburten das Nabelschnurblut weiterverwendet wird. Sei es nun als Spende oder für die private Einlagerung: Hier sollte in jedem Fall eine neutrale Aufklärung der Eltern stattfinden. Und nicht alle Anbieter sind teuer. Das von Ihnen zitierte Unternehmen Seracell bietet die Einlagerung für monatlich 6 Euro und einmalig 180 Euro an.
Dafür hätten wirs es vielleicht gemacht, habe aber nur Angebote um die 2000 gesehen.
Dieter Neth 07.08.2009
3. Jeden Tag steht ein Dummer auf
Als ob da irgendwelche Garantien bestünden dass in der heutigen Zeit diese Firmen wirklich noch existieren, wenn man die Zellen brauchen sollte. Nur mal versuchen, eine Versicherung zum Zahlen zu bewegen. Der menschliche Koerper haelt bei guter Pflege 100 Jahre, da braucht es kein Ersatzteillager. Die ganze heutige Wissenschaft nimmt immer mehr die Züge eines Voodoo Kultes an-verbunden mit einem mittelalterlichen Ablasshandels, und einem Hollywood Starkult a la Elvis Presley, speziell die Medizin. In Wirklichkeit braucht man die ganzen Aerzte Heerscharen gar nicht, gute Hygiene, ein paar Basisimpfungen, korrekte Ernaehrung reichen aus. Aber heute ist ja angeblich jeder krank, von Geburt weg. Die wenigen wirklich gefaehrlichen Infektionskrankheiten koennte man heute noch gut mit Antibiotika behandeln, wenn man diese nicht für jeden kleine Kratzer verschrieben haette. Das beste Beispiel für die ganze Hysterie ist die gegenwaertige Schweinegrippe, welche nicht gefaehrlicher ist als Windpocken. Das ganze ist Geldverschwendung, weil die Lebenserwartung trotzdem nicht über 75 Jahre zu bringen ist, rechnet man mal das mehrjaehrige Dahinsiechen in Spitaelern und Altersheimen wieder raus. So alt wurde man schon zu Zeiten Mose, wenn nicht ein kleiner Krieg oder Hungersnot dazwischen kam.
ergoprox 07.08.2009
4. Provisionen
Unsere Frauenärztin hatte es auch empfohlen, nach ein wenig Recherche wusste ich warum: Es gibt Provisionen der Firmen. Nach etwas Internetrecherche haben wir uns entschlossen dies nicht zu tun. Wir haben das Blut gespendet.
DerGriller 07.08.2009
5. Nabelschnurblut ist wertvoll!
Wenn man im Umland einer größeren Stadt sein Kind zur Welt bringt, sollte man das Nabelschnurblut besser unentgeltlich öffentlichen Forschungseinrichtungen wie Unikliniken spenden. Gerade in der Forschung zur Behandlung von Blutkrankheiten oder sogar HIV/AIDS sind Blutstammzellen aus Nabelschnurblut sehr wertvoll. Die Proben werden selbstverständlich nur mit Einverständnis der Mutter weitergegeben. Einfach die Hebamme oder den zuständigen Gynäkologen fragen. Auf diese Weise schenkt man langfristig vielleicht sogar mehr als einem Menschen das Leben.
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