Umstrittene Corona-Studie Die Mär vom unfehlbaren Wissenschaftler

Wie ansteckend sind Kinder? Die Studie des Virologen Drosten dazu zog scharfe Kritik auf sich. Jetzt hat er sie überarbeitet. Kein Skandal, sondern ein ganz normaler Vorgang. Denn Wissenschaft lebt vom Streit.
Eine Analyse von Nina Weber und Heike Le Ker
Virologe Christian Drosten während einer Pressekonferenz am 2. März in Berlin

Virologe Christian Drosten während einer Pressekonferenz am 2. März in Berlin

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Reiner Zensen/ imago images

"Drosten bleibt bei Aussagen zur Ansteckungsgefahr durch Kinder", war an diesem Mittwoch beim SPIEGEL zu lesen - und der Satz kann vermutlich deutlich emotionaler wirken, als er es eigentlich ist. Denn das ist kein trotziges, kein unbelehrbares "Ich bleib dabei", sondern fasst lediglich zusammen, dass sich eine überarbeitete, nun neu veröffentlichte Studie  im Kern nicht von der Vorversion unterscheidet.

Was passiert ist: Ein Team um den Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité hatte die erste Version einer Studie öffentlich gemacht, in der die Forscherinnen und Forscher die Viruslast aus Rachenabstrichen von Menschen unterschiedlichen Alters verglichen hatten.

Der Teil der Arbeit, in dem es um Statistik geht, wurde von anderen kritisiert. Ein üblicher Prozess in der Wissenschaft, den die "Bild" skandalisieren wollte, indem sie die Studie aufgrund der Kritik als "grob falsch" diffamierte und fragte, ob die "deutsche Schulpolitik einer falschen Studie zum Opfer" gefallen sei.

Wer in wissenschaftlichen Arbeiten allgemein und in Vorveröffentlichungen ganz besonders nur die Gegensätze "grob falsch" und "absolut richtig" lesen kann, hat Wissenschaft nicht im Ansatz verstanden. Gut gemachte Studien führen immer auch ihre Grenzen auf, kommunizieren transparent, welche Lücken noch zu schließen wären, warum die Ergebnisse nicht uneingeschränkt für jeden und alles gelten, und was noch zu untersuchen wäre.

Gut gemachte Studien führen immer auch ihre Grenzen auf

Gut gemachte Studien führen immer auch ihre Grenzen auf

Foto: Malte Mueller/ fStop/ Getty Images

Das kostbare Gut Zeit

Um auf ein so hohes Niveau zu kommen, durchlaufen wissenschaftliche Ergebnisse normalerweise ein sogenanntes Peer-Review, bevor sie veröffentlicht werden. Dabei reichen die Studienautoren ihre Arbeit bei einem Journal ein, das unabhängige Experten beauftragt, die Daten zu begutachten. Dieser Prozess läuft doppelblind ab, weder Studienautor noch Gutachter kennen den Namen und die Herkunft des oder der jeweils anderen. Das Ziel ist klar: Qualitätskontrolle unter klar definierten Bedingungen.

Für Wissenschaftler ist es völlig normal, dass ihre Erhebungen, ihre statistischen Analysen und auch ihre Interpretationen im Rahmen dieses Prozesses kritisiert und nicht selten auch abgelehnt werden. Sie arbeiten dann nach und präzisieren. Und versuchen es erneut. Mal mit Erfolg, mal ohne.

In der Corona-Pandemie kürzen viele Forscher diesen Prozess nun ab. Sie veröffentlichen ihre Ergebnisse schon vor der Begutachtung durch andere Experten, damit Wissenschaftler rund um den Globus die Daten bereits nutzen können. Denn eines war und ist bei diesem Ausbruch kostbarer denn je: Zeit. Ein langwieriges Peer-Review zu durchlaufen, würde unter Umständen viele Menschen das Leben kosten, weil Kenntnisse über das Virus, die es vielleicht in einem Land schon gibt, nicht in das andere gelangen könnten.

DER SPIEGEL

Einfluss auf politische Entscheidungen

Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, dass nicht nur Wissenschaftler mit den schnell publizierten Daten arbeiten, sondern aktuell auch Politiker. Erste kleine Untersuchungen zu dem Malariamittel Hydroxychloroquin etwa haben US-Präsident Donald Trump vermutlich dazu bewogen, es als neues Wundermittel zu preisen. Dabei ist das noch längst nicht bewiesen, die Forschung geht weiter. Und auch Journalisten greifen die Veröffentlichungen auf und machen sie einer breiten Masse zugänglich - mal mit, mal ohne kritische Einordnung.

Wenn sich Wissenschaftler jetzt gegenseitig kritisieren, findet das daher in der Öffentlichkeit statt. Wer noch immer an den Halbgott in Weiß geglaubt hat und Wissenschaftler für unfehlbar hält, der wird nun eines Besseren belehrt.

Im SPIEGEL-Interview  beschreibt Drosten denn auch die Kritik an der Studie anders, als es die "Bild" vermitteln wollte, ganz unaufgeregt und wissenschaftlich. "Viele der Anregungen, die wir von den Statistikexperten bekamen, waren trotzdem sehr wertvoll für uns. Inzwischen haben wir die Studie überarbeitet und wollen sie zur Veröffentlichung einreichen. Einen der Kritiker konnten wir sogar als Co-Autoren gewinnen." So geht wissenschaftliches Arbeiten, im besten Fall.