Suche nach dem Ehec-Erreger Experten zerpflücken spanische Kistensturz-Theorie

Gelangten die hochgefährlichen Ehec-Keime auf Gurken, als Gemüsekisten in einem deutschen Großmarkt umstürzten? Spanien und Deutschland schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Auch die Niederlande wehren sich gegen Berichte, wonach eine der verseuchten Gurken aus Holland stammen soll.

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Hamburg - Der Streit entzündet sich an vier Gurken, drei davon stammen zweifelsfrei aus Spanien. Im vierten Fall gibt es inzwischen Hinweise auf Lieferwege aus den Niederlanden, gab die Hamburger Gesundheitsbehörde am Freitag bekannt. Die Ermittlungen seien aber noch nicht abgeschlossen, so dass zunächst kein Unternehmen benannt wurde.

An den vier Gurken wurde der Erreger nachgewiesen, der die dramatischen Durchfallerkrankungen auslöst. Im noch schlimmeren Fall erkrankt der Infizierte auch am hämolytisch-ürämischen Syndrom (HUS), das schwere Nierenschäden verursachen kann. Die Werte sind alarmierend: An einem Tag erkrankten mehr Patienten an HUS, der schwersten Komplikation bei einer Ehec-Infektion, als sonst in einem ganzen Jahr. Und noch immer ist die Frage ungeklärt: Wie und wo kam das Bakterium auf die Gurken?

Die Theorie der Spanier lautet: Eine Gurkenladung fiel in einem deutschen Großmarkt zu Boden - und wurde dabei mit den Ehec-Keimen verseucht. Doch die Hypothese bezweifeln Experten: "Diese Erreger werden zu allererst von Fäkalien von Nutzvieh übertragen. Dieses trifft man in deutschen Großmärkten im Normalfall nicht an", erklärt Mikrobiologe Masyar Monazahian vom Landesgesundheitsamt Niedersachsen in Hannover. Der Wissenschaftler ist intensiv in die Diagnostik bei Patienten mit möglichen Ehec-Infektionen eingebunden.

Auch andere Szenarien, wie etwa die Kontamination über Kleidung oder Schuhwerk hält Monazahian für wenig wahrscheinlich. "Dass die Erreger auf diesem Weg auf das Gemüse geraten sind, ist zwar nicht vollkommen ausgeschlossen - aber sehr, sehr unwahrscheinlich. Ein solcher Übertragungsweg existiert bestenfalls theoretisch." Stattdessen vermutet der Biologe die Ursache der Keimbelastung im Anbauland, ausdrücklich nicht im Verkaufsland. "Ich denke, mit solchen Theorien sollen vor allem die Argarindustrien in den Erzeugernationen geschützt werden."

Schwerpunkte: Hamburg, Lüneburg und Cuxhaven

Das Ausmaß der Krankheit überrascht den Fachmann: "So viele HUS-Fälle habe ich in mehr als 25 Jahren Laufbahn noch nicht erlebt." Neben Hamburg gilt Niedersachsen als am schwersten betroffen. "Besonders die Städte Lüneburg und Cuxhaven sind echte Hotspots, in denen sich die HUS-Erkrankungen ballen", so Monazahian.

Das hämolytisch-urämische Syndrom ist eine besonders schwere Verlaufsform der durch Ehec ausgelösten blutigen Durchfälle. Dabei können die giftigen Stoffwechselprodukte des Bakteriums zu Nierenschäden führen. Im schlimmsten Fall endet eine solche Komplikation tödlich.

Auch Martin Müller, Vorsitzender des Bundesverbands der Lebensmittelkontrolleure, hält die spanische Kistensturz-Theorie für nicht haltbar. "Das ist zwar eine Möglichkeit, aber eine sehr, sehr, sehr geringe", sagte er am Freitag. "So etwas kann passieren, aber da müsste ein ganzer Lkw und noch mehr auf den Boden gefallen sein. Bei der Häufigkeit, die wir jetzt haben, erscheint mir das eher unwahrscheinlich. Ein, zwei Fälle - ok. Aber wie viele Gurken müssen da hingefallen sein, damit dieser Fall eintreten kann?"

Spanien protestiert in Brüssel gegen Deutschland

Am Freitag legte Spanien bei der Europäischen Union und der Bundesregierung eine Beschwerde ein, gab das Madrider Agrarministerium bekannt. Begründung von Staatssekretär Josep Puxeu: Indem die deutschen Behörden zuerst die Presse unterrichtet hätten und nicht wie vorgeschrieben die Instanzen der EU, habe Deutschland gegen die EU-Regeln verstoßen. Dadurch drohten der spanischen Landwirtschaft große Verluste.

Am Donnerstagabend hatte das Gesundheitsministerium in Madrid eine Untersuchung eingeleitet. Die Behörden hätten sich mit zwei Agrarbetrieben in den Provinzen Málaga und Almería in Verbindung gesetzt, aus denen die kontaminierten Gurken stammen könnten. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die Gurken in Deutschland verunreinigt worden seien, hatte das Ministerium erklärt.

Eines der betroffenen Unternehmen, Pepino Bio Frunet mit Sitz in Málaga, erklärte, dass eigene Tests an den Gurken des betroffenen Bauern keine Verunreinigung ergeben hätten. Eine Sprecherin erklärte, ihr liege eine E-Mail des Großhändlers in Hamburg vor, wonach eine Palette mit 180 Kisten Gurken vom Transporter gekippt und auf den Boden gefallen sei. Außerdem seien die deutschen Proben zweieinhalb Wochen nach Auslieferung genommen worden, als die Gurken schon halbverschimmelt in einem Lager gestanden hätten. "Wir wollen auch nach der Wahrheit suchen", sagte die Pepino-Bio-Frunet-Mitarbeiterin. Sie hoffe, dass Tests in Spanien und anderen Exportländern der Gurken die eigenen Proben bestätigen.

Dass die Gurken beim Sturz von einer Palette verunreinigt wurden, wies Hamburgs Gesundheitssenatorin Cornelia Prüfer-Storcks (SPD) zurück. "Dass die belasteten Gurken von einer einzigen Palette stammten, die durch ein Umkippen verseucht wurden, können wir aufgrund der Probenentnahme an unterschiedlichen Stellen ausschließen", so Prüfer-Storcks.

In Dänemark und Schweden wurden nach Angaben der Gesundheitsbehörden in Kopenhagen und Stockholm bis zum Freitag 32 Ehec-Fälle nachgewiesen. Alle Betroffenen seien zuvor in Deutschland auf Reisen gewesen. Auch in zwei dänischen Supermärkten wurden Gurken aus Spanien mit den Ehec-Bakterien gefunden. Die Behörden forderten alle Händler auf, Importe des betreffenden Herstellers sofort aus dem Handel zu nehmen.

Auch Niederlande wehren sich gegen Berichte

Die Niederlande wiesen die Berichte über eine infizierte Gurke, die aus Holland stammen soll, als unzutreffend zurück. "Wir haben bislang keinerlei derartige Erkenntnisse", sagte Marian Bestelink, die Sprecherin der zuständigen Behörde für Warenprüfung (VWA). Berichte über eine in Hamburg entdeckte infizierte Gurke aus Holland beruhten "vermutlich auf einem Missverständnis", sagte Bestelink. "Sie gehen möglicherweise darauf zurück, dass einer der betroffenen Gemüsebauern in Spanien, von wo wohl infizierte Gurken nach Deutschland geliefert wurden, Niederländer ist." Auf Veranlassung der VWA gingen in den Niederlanden stichprobenartige Prüfungen von Gemüse sowie die gezielte Suche nach möglicherweise betroffenen Gurken aus Spanien weiter. "Sollten wir dabei fündig werden, würden wir natürlich sofort darüber informieren und die Waren umgehend vom Markt nehmen."

Mit Material von dpa/dapd



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Seite 1
fareast 27.05.2011
1. Hier koennte Ihr Titel stehen
Zitat von sysopGelangten die hochgefährlichen Ehec-Keime auf Gurken, als Gemüsekisten in einem deutschen Großmarkt umstürzten? Spanien und Deutschland schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Auch die Niederlande wehren sich gegen Berichte, wonach eine der verseuchten*Gurken aus Holland stammen soll. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,765296,00.html
Wenn die Daenen ihre verseuchten Gurken nicht aus Hamburg bezogen haben, ist die Kistensturztheorie damit wohl hinfaellig.
SMüller 27.05.2011
2. Kistensturz-Theorie
Ehrlich gesagt finde ich Kistensturztheorien relativ uninteressant, vor allem angesichts der Tatsache, dass es in Spanien momentan andere Geschehnisse gibt, die m. M. einen deutlich höheren Nachrichtenwert haben. http://www.20minutos.es/noticia/1064155/0/consenso/minimos/acampadasol/
klarafall15 27.05.2011
3. Sieh an!
"Auch in zwei dänischen Supermärkten wurden Gurken aus Spanien mit den EHEC-Bakterien gefunden." Entweder habe ich einen kapitalen Denkfehler begangen oder die Theorie mit der umgekippten Palette ist damit klar widerlegt. Schade, dass man diesen Satz erst im vorletzten Absatz nachlesen konnte.
Olaf aus der Hauptstadt 27.05.2011
4. Bio hat spezielle Risiken
es geht nich um irgendwelche Gurken, sondern um sogenannte BIO-Gurken. "wurden bis dahin vier Gurken positiv auf Ehec getestet, wovon drei aus biologischem Anbau in Spanien stammten. Bei der vierten sei die ......" http://www.faz.net/artikel/C31034/ehec-epidemie-bio-gurken-aus-spanien-als-traeger-identifiziert-30375489.html Gülle auf Felder funktionierte, als jegliches Gemüse noch gekocht wurde und Rohkost was für Ziegen und Karnckel war (so sagte es mir meine Oma vom Lande)
Flari 27.05.2011
5. Lieferant?
---Zitat von Spiegel--- Auch in zwei *dänischen *Supermärkten wurden Gurken aus Spanien mit den EHEC-Bakterien gefunden. Die Behörden forderten alle Händler auf, Importe des betreffenden Herstellers sofort aus dem Handel zu ziehen. ---Zitatende--- Schade, dass der dortige Erzeuger noch nicht benannt wurde.
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