Gefahr für Robben und Pinguine Rieseneisberg auf Kollisionskurs mit Südgeorgien

Der gewaltige Eisberg A-68A steuert im Südpolarmeer auf Südgeorgien zu und bedroht die reiche Tierwelt. Satellitenaufnahmen zeigen, dass der Klotz womöglich schon am Schelf der Insel kratzt.
Eisberg auf Kollisionskurs: Der Brocken ist größer als die Insel, auf die er zusteuert

Eisberg auf Kollisionskurs: Der Brocken ist größer als die Insel, auf die er zusteuert

Foto: NASA Earth Observatory

Das britische Überseeterritorium Südgeorgien steht kurz vor einer möglichen Naturkatastrophe: Der Eisberg A-68A mit einer Fläche von 4200 Quadratkilometern steuert auf die nur 3800 Quadratkilometer große Insel zu. Befürchtet wird, dass der viele Milliarden Tonnen schwere Eisblock im Schelf vor der Insel steckenbleibt und zehn Jahre dort verharrt – mit weitreichenden Folgen für das dortige Leben.

Derzeit befindet sich der Koloss weniger als 100 Kilometer vor der Küste Südgeorgiens, wie ein Bild des Satelliten »Suomi NPP« der amerikanischen Weltraum- und Ozeanbehörden Nasa und Noaa vom Montag  zeigt. Anfang November hatte der Abstand noch 500 Kilometer betragen (mehr dazu lesen Sie hier).

Eisberg (gelb umrahmt) vor Südgeorgien (14. Dezember): Auflaufen aufs Schelf

Eisberg (gelb umrahmt) vor Südgeorgien (14. Dezember): Auflaufen aufs Schelf

Foto: NASA Earth Observatory

Die Aufnahme zeigt, dass sich der Eisberg – mit einer Fläche deutlich größer als das Saarland – gefährlich nah am Schelf der Insel bewegt (siehe Bild oben). Das Wasser ist hier nicht mal 200 Meter tief. Wissenschaftler vermuten, dass der untere Teil des Eisbergs ähnlich weit in den Atlantischen Ozean ragt und nun bald am Meeresboden stecken bleiben wird.

In den vergangenen Tagen hat sich der Koloss im Uhrzeigersinn gedreht, sodass ein Ende nun ins flachere Wasser hineinragt. Klaus Strübing, Wissenschaftler bei der International Ice Charting Group (IICWG), vermutet, dass der Eisberg bereits auf Grund getroffen sein könnte. Teile des Brockens befanden sich demnach bereits am Sonntag in nur 76 Meter tiefem Wasser.

Artenreich wie die Galapagosinseln

Biologen sind besorgt, dass der Eisberg den zahlreichen Pinguinen und Robben auf der Insel den Zugang zu Nahrung versperren könnte. Weil die Wege für die Nahrungssuche im Meer länger werden, könnten die Jungtiere verhungert sein, bevor die Eltern mit Futter von den Jagdgründen im Meer zurück sind.

Auch kleinere Lebensformen am Meeresgrund und in höheren Wasserschichten, etwa Krill, Plankton, Krebse, Schwämme und Weichtiere, die wiederum größeren Tieren Nahrung bieten, könnten Schaden nehmen und das Ökosystem aus dem Gleichgewicht bringen.

»Die Artenvielfalt in diesem Gebiet ist so reich wie auf den Galapagosinseln«, sagte der Ozeanograf Geraint Tarling vom British Antarctic Survey (BAS) laut »Guardian« .

Zur Gefahr für die Natur könnten auch die enormen Frischwassermengen werden, die beim Schmelzen des Eisbergs vor der Insel ins Salzwasser gelangen sowie ein Abfallen der lokalen Wassertemperatur. Üblicherweise hat das Wasser in Südgeorgien etwa vier Grad Celsius. Durch das kalte Schmelzwasser droht der Wert, regional um einige Grad zu fallen.

Expedition zum Eisberg

Menschen leben fast keine auf Südgeorgien. Je nach Saison sind lediglich ein paar Museumsmitarbeiter, Beamte und Forscher dort zu finden. BAS-Wissenschaftler wollen in den kommenden Wochen etwa die Folgen der Anwesenheit des Rieseneisbergs vor der Insel untersuchen.

Sie planen, am 11. Januar 2021 auf die Falklandinseln zu fliegen, sich in Quarantäne zu begeben, damit sie das Coronavirus nicht nach Südgeorgien bringen, und anschließend in einer dreitägigen Reise mit einem Forschungsschiff zum Eisberg zu reisen.

Bis dahin wird auch klarer sein, wie sich der Koloss weiterbewegt. Es ist bekannt, dass Eisberge auf ihrem Weg vom Südpolarmeer nach Norden in die wärmeren Gewässer des Südatlantiks komplexe Wege zurücklegen. IICWG-Forscher Strübing beobachtet den Eisberg A-68A seit dieser im Juli 2017 aus dem Larsen C-Schelfeis der Antarktis herausgebrochen ist.

Die Strömung entscheidet

Demnach änderte sich die Rotationsrichtung des Eisbrockens bereits mehrfach. Teils bewegte er sich zügig vorwärts, teils blieb er nahezu auf der Stelle stehen, mal driftete er geradeaus, mal im Kreis. Auch derzeit besteht noch die Möglichkeit, dass er von Meeresströmungen wieder zurück in den Ozean und um Südgeorgien herum gelenkt wird.

Die weitere Route des Eisbergs liefert Forschern Erkenntnisse über die Strömungen im Südatlantik. Strübing erhofft sich davon bessere Modelle zur Route von Eisbergen, die auch Schiffen gefährlich werden können, wenn sie deren Routen kreuzen.

Falls A-68A tatsächlich auf Südgeorgien trifft, wäre es nicht das erste Mal. Im Jahr 2004 war ein Exemplar namens A38 vor der Inselgruppe auf Grund gelaufen. Forscher hatten damals zahllose tote Pinguinküken und junge Robben an den Stränden gefunden.

jme
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