Tamiflu & Co. Deutschland zahlte 330 Millionen Euro für fragwürdige Grippemittel

Ihr Nutzen ist umstritten - doch Deutschland bunkerte massenhaft antivirale Medikamente für den Pandemie-Fall. Transparency International hat nun die Kosten für die Grippemittel Tamiflu & Co. publik gemacht.
Umstritten, dennoch eingekauft: Grippemittel Tamiflu

Umstritten, dennoch eingekauft: Grippemittel Tamiflu

Foto: Peter Kneffel/ picture alliance / dpa

Berlin - Dass viel Geld für Tamiflu und Relenza ausgegeben wurde, ist nicht neu. Nur wie viel genau, darüber hüllten sich Bund und Länder bislang lieber in föderalistisches Schweigen. Zwischen 2005 und 2009 wurden zwei Medikamente eingelagert: in erster Linie Tamiflu (Hersteller: Roche, Wirkstoff: Oseltamivir), zum Teil zusätzlich Relenza (Hersteller: GlaxoSmithKline, Wirkstoff: Zanamivir). Im Notfall sollten diese sogenannten Neuraminidase-Hemmer für 20 Prozent der Bevölkerung reichen. So stand es im Pandemieplan, so hatte es die Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlen.

Doch schnell meldeten Wissenschaftler Zweifel an, Tamiflu wirke lange nicht so wie durch den Hersteller Roche versprochen. Über das Medikament und die Ausgaben dafür wurde heftig gestritten. Einer aktuellen Studie zufolge verringert Tamiflu die Dauer von grippeartigen Symptomen gerade einmal um einen halben Tag. Dafür riskierten die Patienten jedoch erhebliche Nebenwirkungen. Die Bundesregierung erklärte, rund 70 Millionen Euro bezahlt zu haben . Doch weil die Gesundheitsversorgung im Pandemiefall Ländersache ist, war ein Großteil der Ausgaben bislang nicht genau bekannt.

Nun hat Transparency International Deutschland  (TI), unterstützt von der Deutschen Gesellschaft für Informationsfreiheit , die Kosten für den Pillenkauf ermittelt. Es sind 330 Millionen Euro in der Zeit von 2002 bis 2009. Berechnet wurden die Ausgaben des Bundes - und für jedes einzelne Bundesland - sämtliche Zahlen finden sie hier in den Tabellen .

Unabhängige Experten, unabhängige Kommissionen

"Beide Mittel sind für eine Pandemiebekämpfung nicht geeignet", sagte Angela Spelsberg von TI bei der Vorstellung der Daten in Berlin. Dank unzähliger Anfragen nach Informationsfreiheitsgesetz habe man die "Fehlkäufe und die Verschleuderung von Steuerngelden" mit der aktuellen Untersuchung nun offen legen können. Es sei schon bei der Erstzulassung durch die amerikanische Arzneimittelbehörde von Tamiflu umstritten gewesen, ob das Mittel im Pandemiefall das richtige ist.

Bei der zwei Jahre dauernden Recherche über den Medikamentenkauf habe man auch das Informationsfreiheitsgesetz genutzt, um Einblick in die Vertragsunterlagen zu bekommen, erklärte TI.

Die Nichtregierungsorganisation fordert, dass Tamiflu sofort von der Liste der unentbehrlichen Medikamente der WHO gestrichen wird. Für den Fall eines erneuten Pandemieplans solle eine wissenschaftlich neutrale Untersuchung einschätzen, welche Mittel eingelagert werden sollen. Die Pandemie, die die WHO 2009 ausrief, erfolgte laut Transparency durch Gremien, deren Mitglieder "mannigfaltige Verflechtungen zu Medikamentenherstellern" aufwiesen. Daher fordert TI außerdem, dass die zuständigen Kommissionen bei WHO und in den Ländern ab sofort mit unabhängigen Experten besetzt werden.

Tatsächlich überarbeitet das Robert-Koch-Institut (RKI) zurzeit - und auch schon etwas länger - den Pandemieplan. Ob die Behörde weiterhin den staatlichen Grippemitteleinkauf empfehlen wird, ist noch offen. Die Kritik von TI folgt auf zahlreiche wissenschaftliche Studien, die den Einkauf von Tamiflu kritisieren. Erst Ende Januar war im Fachblatt "Lancet" eine Analyse veröffentlicht worden, wonach Tamiflu nur ein geringer Nutzen zugesprochen wird. All das dürfte die Entscheidung des RKI beeinflussen.

Von dem in den vergangenen Jahren massenhaft eingebunkerten Tamiflu wird schon bald nichts mehr übrig sein. Entweder ist das Haltbarbarkeitsdatum der Medikamente längst abgelaufen - oder dies geschieht in Kürze. Einige Bundesländer haben große Chargen der Pillen bereits vernichtet.

Hinweis der Redaktion: In der ursprünglichen Version dieses Artikels waren Quellen nicht vollständig angegeben. Wir haben diese Angaben ergänzt und bitten um Entschuldigung!

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