Neue Daten Grippemittel Tamiflu nutzt nichts

Tamiflu ist das meistverkaufte Grippemittel der Welt, aus Angst vor einer starken Grippe-Epidemie haben es viele Länder eingelagert. Nun zeigt eine aktuelle Analyse: Das Medikament verkürzt die Symptome der Krankheit nur um einen halben Tag.
Grippemittel-Kampagne in San Salvador (Archivbild): Tamiflu wurde 2009 weltweit eingelagert

Grippemittel-Kampagne in San Salvador (Archivbild): Tamiflu wurde 2009 weltweit eingelagert

Foto: LUIS GALDAMEZ/ Reuters

London - Der Nutzen der Grippemittel Tamiflu und Relenza ist nach einer groß angelegten Studie fraglich. Insbesondere sollten sich die Staaten überlegen, ob es sinnvoll gewesen sei, diese Medikamente millionenfach für den Fall einer großen Epidemie einzulagern, heißt es in einer Mitteilung der Cochrane Collaboration  und des "British Medical Journal". Sie berücksichtigten auch bislang unveröffentlichte Daten. Der Hersteller von Tamiflu, das Unternehmen Roche, widersprach diesen Empfehlungen.

Die Cochrane Collaboration

Nach der neuen Studie können die Medikamente zwar die Dauer von grippeartigen Symptomen um etwa einen halben Tag verringern. Dafür riskierten Patienten jedoch Nebenwirkungen. Hinweise darauf, dass die Mittel bestimmte Komplikationen und Einlieferungen ins Krankenhaus verhindern, fanden die Forscher um Tom Jefferson vom Cochrane-Team nicht, wie sie im "British Medical Journal"  ("BMJ") berichten. Die Cochrane Collaboration erstellt große Übersichtsarbeiten und berät unter anderem Politiker in Gesundheitsfragen.

Der Nutzen von Tamiflu und anderen Neuraminidase-Hemmern ist seit Jahren umstritten, auch weil viele Studiendaten der Hersteller nicht zugänglich waren. Im Jahr 2009 hatten Regierungen weltweit zum Schutz vor der sogenannten Schweinegrippe H1N1 Milliardenbeträge für Vorräte ausgegeben, vor allem um schweren Komplikationen wie Lungenentzündungen vorzubeugen. Seitdem sei der Einsatz des Mittels drastisch gestiegen, schreibt das "BMJ".

Nun werteten Cochrane-Mitarbeiter 20 Studien zu Tamiflu und 26 zu Relenza mit insgesamt mehr als 24.000 Teilnehmern aus - beide Mittel hemmen das Virenenzym Neuraminidase. Die Ergebnisse: Relenza reduzierte die Zeit der Grippesymptome bei Erwachsenen um etwa einen halben Tag. Einen Einfluss auf die Todesrate durch Grippe hat es demnach nicht. Bei Einnahme von Tamiflu sank die Dauer der grippeartigen Symptome bei Erwachsenen von 7 auf 6,3 Tage, bei Kindern war der Effekt noch geringer. Allerdings erhöhte das Mittel bei Kindern und Erwachsenen das Risiko für Übelkeit und Erbrechen um vier bis fünf Prozent.

Der Hersteller von Tamiflu, das Unternehmen Hoffmann-La Roche, widersprach den Schlussfolgerungen der Cochrane-Gruppe: "Die Entscheidungen von weltweit 100 Zulassungsbehörden sowie die in der Anwendungspraxis gewonnenen Daten belegen, dass Tamiflu ein wirksames Arzneimittel zur Behandlung und Prävention der Influenza-Infektion ist", schreibt der Pharmakonzern.

Bei Glaxo Smith Kline, dem Hersteller von Relenza, hieß es: "Wir sind weiterhin davon überzeugt, dass Relenza ein wesentlicher Bestandteil von Maßnahmen ist, das Ausmaß einer Influenza zu mindern. Korrekt und bei den richtigen Patienten eingesetzt, kann Relenza die Dauer der Grippesymptome verkürzen." Das hätten Studien des Pharmakonzerns gezeigt. Für die Cochrane-Analyse habe man 30 klinische Studienberichte an das Forschungsnetzwerk weitergegeben.

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Erst vor einem Monat war eine vom Tamiflu-Hersteller finanzierte Studie im Fachblatt "The Lancet Respiratory Medicine" zu einem anderen Ergebnis gelangt als das Cochrane-Team. Demnach senkten Neuraminidase-Hemmer wie Tamiflu bei Patienten, die während der H1N1-Epidemie 2009/2010 in Krankenhäuser kamen, das Sterberisiko um 25 Prozent. Die Gefahr sank den Angaben zufolge insbesondere dann, wenn sie derartige Medikamente früh einnahmen.

Dass die zwei Analysen zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommen, überrascht Professor Bernd Mühlbauer nicht. Was in "The Lancet Respiratory Medicine" veröffentlicht wurde, sei keine klassische zusammenfassende Analyse mehrerer randomisierter, kontrollierter Studien, sagt Mühlbauer. Der Pharmakologe sitzt im Vorstand der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Störgrößen wie zum Beispiel Alter oder Vorerkrankungen seien nicht miteinbezogen worden. Daher sei die Analyse quasi aussagefrei.

Mühlbauer sieht die Einnahme von Tamiflu deshalb sehr kritisch: Er rät Patienten davon ab, das Medikament zu nehmen. Das neueste Update der Cochrane Collaboration habe sogar noch eine Schippe draufgelegt: Je mehr Daten für die Metaanalysen vom Hersteller zur Verfügung gestellt worden seien, desto mehr habe der therapeutische Nutzen des Mittels abgenommen. Nun seien in der aktuellen Auswertung in Form von Nebenwirkungen sogar noch Risiken hinzugekommen.

Es ist ein großes Versprechen, das Roche mit dem Start seines neuesten Grippemittels Tamiflu machte. Die Weltgesundheitsorganisation WHO folgte jedenfalls dem Wort des Konzerns ("Flu" bedeutet "Grippe", "tame" zähmen) und empfahl 2002, das Medikament für den Notfall einzulagern. Seither betrachten es viele Menschen als Lebensversicherung. Als 2009 die Schweinegrippe grassierte, fand das Medikament reißenden Absatz. Auch diverse Staaten, darunter Deutschland, haben Tamiflu für mögliche Epidemien gehortet. Sie alle vertrauen darauf, dass es die Ausbreitung von Grippeviren im Körper von Infizierten hemmt.

nik/dpa/Reuters
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