Unendliche Geschichte Schutz durch Tamiflu bei Grippewelle ist nicht belegt

Seit vier Jahren wollen Forscher die ganze Wahrheit über das Grippemittel Tamiflu herausfinden. Hersteller Roche will nun weitere Studiendaten zur Verfügung stellen. Experten bezweifeln, dass die "Tamiflu-Saga" damit beendet ist.

Umstrittenes Grippemittel Tamiflu: Streit um Studiendaten
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Umstrittenes Grippemittel Tamiflu: Streit um Studiendaten


Im Jahr 2009 stellten Peter Doshi und weitere Wissenschaftler der unabhängigen Cochrane Collaboration eine scheinbar einfache Frage: Wirkt das Grippemittel Tamiflu im Pandemiefall? Bei Ausbruch der Schweinegrippe 2009 lagerten es Länder weltweit ein, auch bunkerten es viele Deutsche im heimischen Kühlschrank. Dem Hersteller, dem Schweizer Pharmakonzern Roche, bescherte es Milliardenumsätze.

Die Forscher von Cochrane - eine gemeinnützigen Organisation, die medizinisches Wissen verfügbar machen will - ahnten nicht, dass die Klärung ihrer Frage alles andere als einfach werden würde. Sie stellten damals fest, dass Roche längst nicht alle Studien publiziert hatte, auf deren Basis die Weltgesundheitsbehörde WHO Tamiflu als Notfall-Grippemittel empfohlen hatte. Auch das British Medical Journal (BMJ) verlangte Transparenz vom Schweizer Pharmariesen. Es entspann sich ein heftiger Kampf um die Deutungshoheit von Daten. Heute, vier Jahre später, kann Doshi immer noch keine eindeutige Antwort geben.

Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat nun ein Update seiner Bewertung zu Tamiflu veröffentlicht, die bis Juli 2013 zuverlässigsten und aktuell verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse wurden betrachtet. Ergebnis: Tamiflu soll vor allem schwere Verläufe einer Grippe, wie eine Lungenentzündung, verhindern. Allerdings sei das nicht durch Studien belegt. Daten zeigten bislang nur, dass allgemeine Grippebeschwerden durch eine Behandlung etwas früher abklingen könnten, schreiben die Experten. Trotz vieler klinischer Tests lassen sich die Vor- und Nachteile derzeit nicht verlässlich bewerten.

Wirkt es jetzt oder nicht?

Anders sieht das Jonathan Van-Tam von der britischen University of Nottingham. Er hat Daten von über 168.000 Menschen in 37 Ländern, die während der Schweinegrippe-Pandemie 2009 im Krankenhaus mit Tamiflu behandelt wurden, ausgewertet. Er berichtet, dass diejenigen, die Tamiflu innerhalb von zwei Tagen erhalten hatten, weniger krank wurden, als die, die es zu spät oder überhaupt nicht bekamen. Vorläufige Ergebnisse wurden im Februar veröffentlicht.

Andere Forscher haben festgestellt, dass Tamiflu Todesfälle durch die Schweinegrippe (H1N1) reduziert - und dass im Jahr 2009 weniger Menschen in den Ländern mit großen Tamiflu-Vorräten daran starben, schreiben sie im Fachblatt "PLoS One". Allerdings handelte es sich bei diesen Untersuchungen nicht um Studien, die den strengen Anforderungen von Chochrane genügen.

Mehr durch Zufall war ihm und dem Epidemiologen Tom Jefferson bekannt geworden, dass von den zehn wichtigsten Studien, die damals für den weltweiten guten Ruf des Mittels gesorgt hatten, nur zwei auch tatsächlich veröffentlicht waren. Wie aber sollten die Forscher dann über Tamiflu urteilen können, ohne die Daten zu kennen?

Forderung nach mehr Transparenz

Doshi und Jefferson berichteten im Dezember 2009, dass es Zweifel gebe an der Wirksamkeit des Medikaments. Das British Medical Journal veröffentlichte die Arbeit und auch eine eigene Untersuchung zu Tamiflu, so habe der Pharmakonzern Roche Ghostwriter engagiert, um Positives über das Grippemittel zu lancieren.

Die Veröffentlichungen im BMJ lösten heftige Diskussionen aus. Seither müssen sich große Pharmakonzerne der Forderung nach mehr Transparenz stellen. Roche gab schließlich weitere Rohdaten zu Tamiflu heraus. Doch auch nach deren Auswertung erneuern die Forscher um Doshi 2011 ihre Kritik: Die bisher veröffentlichten Angaben zur Effektivität und Verträglichkeit des Grippemedikaments seien teilweise zu positiv, schreiben die Wissenschaftler.

Roche verweist auf bereits Publiziertes

Der Pharmakonzern Roche erklärt während der gesamten Zeit immer wieder, man habe den Gesundheitsbehörden weltweit vollständige Daten aus klinischen Studien mit Tamiflu im Rahmen des Zulassungsverfahrens zur Verfügung gestellt. Die Ergebnisse seinen in Fachjournalen veröffentlicht oder auf der Firmenseite abrufbar. Auch müsse der Datenschutz der in den Studien teilnehmenden Patienten gewahrt bleiben.

Dennoch, ein Jahr später, kam die Überraschung: Im Einklang mit neuen Regeln zum Zugang zu klinischen Studiendaten kontaktierte Roche am 2. April die Cochrane Collaboration und erklärte, auch die noch fehlenden 74 Studien sollten nun nach und nach offengelegt werden.

Bei Cochrane bewertet man die jüngsten Ankündigungen von Roche als Schritte in die richtige Richtung, bleibt aber skeptisch. Nicht nur, weil Roche schon öfter angekündigt habe, alle Studien offenzulegen - und dann doch entscheidende Fakten vorenthalten habe, erklärte dazu Gerd Antes, Leiter des Deutschen Cochrane-Zentrums.

Obwohl die Frage um die Wirkung also noch immer nicht geklärt ist: Die New York Times schrieb kürzlich über die "Tamiflu-Saga", die Cochrane-Forscher hätten dennoch viel erreicht: Die öffentliche Wahrnehmung darüber, wie Pharmakonzerne mit ihren Studiendaten umgehen sollten, habe sich grundlegend geändert.

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analyse 10.07.2013
1. 1.die Gefahr einer Grippevirusmutation besteht nach wie vor !
2. niemand weiß ,ob und wann das geschieht. 3.Niemand weiß,wie hoch die Mortalitätsrate der neuen Grippe ist:unter 10% über 30% über 60%? Für alles gibt es Beispiele aus dem Seuchengeschehen ! 4.Sollte die Mortalitätsrate sagen ewir mal 5% betragen und die Wirksamkeit von Tamiflu betrügen nur 10% der geringsten,nachgewiesenen Wirkung,dann wäre der Einsatz schon gerechtfertigt,da es bisher kein hochwirksames Mittel gegen solche Virusinfektionen gibt ! Von 80 millionen Infizierten 400000 weniger Tote ! Da sollte sich der Einsatz aber gelohnt haben und die Kritiker würden es auch für sich und ihre Familie kaufen,egal was es kostet !
ReneMeinhardt 10.07.2013
2. Viruswahn
macht halt vielen Leuten Spaß. Lassen wir es ihnen. Die Mortalitätsrate unseres Lebens beträgt auf jeden Fall 100%.
schmic79 10.07.2013
3. Es wäre doch so einfach....
Zitat von sysopDPASeit vier Jahren wollen Forscher die ganze Wahrheit über das Grippemittel Tamiflu herausfinden. Hersteller Roche will nun weitere Studiendaten zur Verfügung stellen. Experten bezweifeln, dass die "Tamiflu-Saga" damit beendet ist. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/tamiflu-weiterhin-kein-beleg-fuer-schutz-bei-grippewelle-a-910010.html
Unsere lieben Politiker müssten nur entsprechende Regeln aufstellen: 1. jede Studie von Arzneimittel & Medizinprodukten an Menschen oder Tieren muss gemeldet werden. 2. Alle Aufzeichnungen während der Studie sind mit max. 2-4 Wochen Zeitverzug zu digitalisieren (falls sie nicht schon digital vorliegen) und anonymisiert an eine zentrale staatliche Stelle zu übermitteln. Dort werden Sie für evtl. Kontrollen bei Zulassungsverfahren gespeichert. 3. Alle Endergebnisse der Studien sind max. 6-12 Monaten nach Ende der Studie zu veröffentlichen - spätestens zum Zeitpunkt einer Zulassungserteilung. 4. Ärzte müssen Auffälligkeiten beim Einsatz von Medikamenten, welche noch nicht allgemein bekannt waren, sowohl an den Hersteller als auch an die Aufsichtsbehörde melden. 5. Grundsätzlich findet nach 1, 2 und/oder 3 Jahren (nach Erstzulassung) ein "Review" der Ergebnisse des Einsatzes des neuen Medikaments durch die Aufsichtsbehörden statt. 6. Medikamente, deren späterer Verkaufspreis eine bestimmte Grenze überschreiten soll (in Bezug auf die Kosten pro Monat bei normaler Behandlung eines Patienten), müssen vor Beginn von Studien benannt werden. Es gibt zum Beispiel Medikamente gegen MS, Krebs, Epilepsie, bei denen mit monatlichen Kosten von 20.000, 50.000 oder gar 80.000 EUR zu rechnen ist. Bei solchen Medikamenten müssen klinische Studien durch neutrale Beobachter begelitet werden (um sicherzustellen, daß keine Daten laufend / nachträglich verfälscht werden) Das gleiche sollte irgendwie auch für Medikamente gelten, die zwar pro Patient & Monat weniger kosten - aber in Summe eine Riesen-Umsatzbringer für ein Pharma-Unternehmen sind. Das alles - so oder in ähnlicher Form - könnte man von politischer Ebene aus vorschreiben ... wenn man wollte. Wenn man nicht so korrupt & abhängig wäre, als Politiker. Druck von der Pharma-Lobby...vielleicht auch noch ein paar gespendete EUROs für die Parteikasse oder sonstige Annehmlichkeiten ... Angst, nicht von der Clientel wiedergewählt zu werden, ....
privatier2 10.07.2013
4. Ist
doch klar. Das Einzige was hilft ist SPIEGEL lesen!!!
tz88ww 10.07.2013
5. Komisch
Genau das haben doch damals die "Verschwörungstheoretiker" gesagt.
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