"Tatort"-Faktencheck Sind Unis auf Leichen angewiesen?

Nach dem Tod dem Leben dienen - im Franken-"Tatort" werden Körperspenden in hohen Tönen gepriesen. Sind Leichen für die Forschung wirklich so wichtig? Der Faktencheck.
Das Ausguss-Präparat zeigt die Gefäße der Darmschlingen

Das Ausguss-Präparat zeigt die Gefäße der Darmschlingen

Foto: Anatomie Würzburg/ Prof. Ergün (Vorstand Institut)

"Der hier ist meiner Meinung nach falsch", sagt der Doktorand und hält einen Schädel hoch. Obwohl alle Körperspenden im anatomischen Institut der Universität Würzburg sorgsam an Füßen, Händen und an beiden Ohren markiert werden, sitzt auf einem Skelett ein falscher Kopf.

"Schauen Sie, der Schädel passt im Articulatio atlantooccipitalis nicht zum Skelett", erklärt die Institutsleiterin. Gemeint ist das Gelenk, das Schädelbasis und ersten Halswirbel verbindet. Schließlich stellt sich heraus, dass ein Mitarbeiter versucht hat, das Opfer eines Gewaltverbrechens unauffällig im Institut zu entsorgen.

Mehrfach wird im "Tatort" betont, wie wichtig Körperspenden für die medizinische Forschung und Ausbildung sein sollen. Spielen sie heute tatsächlich noch eine so große Rolle? Der Faktencheck.

Wie wichtig sind Körperspenden?

"Sehr wichtig", sagt der echte Leiter des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Uni Würzburg, Süleyman Ergün, der die "Tatort"-Macher wissenschaftlich beraten hat. Allerdings habe sich inzwischen ein ganz gutes Gleichgewicht zwischen der Zahl der Spender und dem Bedarf der Universitäten eingestellt.

Jedes Jahr verwendet die Uni Würzburg ungefähr 45 Leichname für die Forschung, berichtet Ergün. In anderen Institutionen in Deutschland sind es ähnlich viele.

Wozu brauchen Universitäten Körperspenden?

Medizin- und Zahnmedizinstudenten lernen an ihnen die menschliche Anatomie kennen. Über den Zeitraum von einem halben Jahr präparieren sie die gespendeten Leichname und verinnerlichen den exakten Aufbau des Körpers. "Das fängt an bei der Haut, geht über die oberflächlichen Leitungsbahnen wie Nerven und Blutgefäßen über die Muskeln und Organe wie Herz und Lunge bis zu den Knochen", sagt Ergün.

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Anatomiepräparate: Mensch von innen

Foto: Anatomie Würzburg/ Prof. Ergün (Vorstand Institut)

Außerdem üben bereits ausgebildete Ärzte neue Operationsmethoden an den Leichen. Sie bauen Implantate ein, testen, wie sich Knochenbrüche am besten verschrauben lassen oder üben minimalinvasive Methoden. Wissenschaftler entnehmen zudem Gewebeteile oder Organe, um deren Funktionsweise zu erforschen.

Ist es realistisch, dass das Opfer eines Gewaltverbrechens heimlich in einem anatomischen Institut entsorgt wird?

Ergün schließt ein solches Verbrechen "zu 99 Prozent" aus. Denkbar sei es aber grundsätzlich schon. "Wenn jemand die nötige kriminelle Energie aufbringt, lässt es sich umsetzen", sagt er. Dazu müsste ein Außenstehender aber gezielt die richtigen Kontakte suchen. "Nur wenige Mitarbeiter an einem anatomischen Institut wissen, wie man ein Skelett fachmännisch präpariert und alle Spuren beseitigt", sagt er.

Hinzu kommt, dass aus Körperspenden heutzutage in der Regel gar keine Skelette mehr gewonnen werden. Stattdessen werden die Leichen bestattet. Das Würzburger Institut organisiert gemeinsam mit den Studenten jährlich eine Zeremonie auf einem Waldfriedhof und lädt die Hinterbliebenen ein. "600 bis 700 Menschen nehmen daran teil", erzählt Ergün. "Ich empfinde die Beisetzungen immer als sehr würdevoll."

Verwesen die Leichen nicht, wenn sie so lange am Institut liegen?

Sogenannte Fixierlösungen verhindern das. Darin enthaltenes Formaldehyd stabilisiert das Gewebe, sodass es sich nicht zersetzt oder fault. Anschließend liegen die Körper sechs bis zwölf Monate in Alkohol. Erst, wenn sie konserviert sind, beginnen Studenten und Ärzte mit ihrer Arbeit.

Sind Körperspenden eine günstige Alternative zur herkömmlichen Bestattung?

Auch eine Körperspende kostet Geld. Zwischen ein paar hundert und gut tausend Euro verlangen deutsche Universitäten von den Spendern. Damit sollen die Bestattungen finanziert werden. "Ich habe aber auch nicht den Eindruck, dass die Menschen ihren Körper in erster Linie spenden, um Beerdigungskosten zu sparen", sagt Ergün. Die meisten hätten sich sehr gut informiert, bevor sie sich am Institut melden, und wollten nach ihrem Tod noch für etwas nützlich sein. "


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Fotostrecke: Alle "Tatort"-Teams im Überblick

Foto: Martin Rottenkolber / WDR
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