Der "Tatort"-Faktencheck Ist Flusssäure tödlich?

Sie schreit und stöhnt vor Schmerzen - im "Tatort" aus Wien stirbt eine Frau, nachdem ihre Haut mit Flusssäure verätzt wurde. Wie gefährlich ist die Chemikalie?
Firmenchef Paul Mitteregger wird von einer Journalistin zum Unfallhergang befragt: Wie konnte die Flusssäure auf die Haut der Toten gelangen?

Firmenchef Paul Mitteregger wird von einer Journalistin zum Unfallhergang befragt: Wie konnte die Flusssäure auf die Haut der Toten gelangen?

Foto: ARD

Ein Unfall in einer Chemiefabrik: Ätzende Flusssäure tropft aus einem Rohr auf den Schutzanzug einer jungen Frau. Sie stirbt im Krankenhaus. Die Wiener "Tatort"-Kommissare Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) finden schnell heraus, dass die Säure wegen eines Materialfehlers auf die Haut des Opfers gelangen konnte.

Die Chefin der Herstellerfirma hat in Kauf genommen, dass bei der Produktion der Schutzanzüge in Indien schlechte Materialien verwendet wurden. Hätte die richtige Kleidung die Frau retten können? Die wichtigsten Fragen zum Flusssäureunfall.

Wie gefährlich ist Flusssäure?

Schon in kleinen Mengen kann Flusssäure schwere Verletzungen verursachen. Fünfprozentige Säure, wie sie etwa in Rostreinigern für Kleidung zu finden ist, führt bei Hautkontakt zu Rötungen oder einem Brennen. In höheren Konzentrationen verätzt die Säure die Haut. Bereits tellergroße Kontaktflächen können zum Kreislaufzusammenbruch und Tod führen.

"Flusssäure ist eine tückische Substanz", sagt Andreas Schaper, Stellvertretender Leiter des Giftinformationszentrums-Nord in Göttingen. Trotz strenger Vorschriften gab es in der Vergangenheit auch in Deutschland vereinzelt Unfälle mit Flusssäure, bei denen Menschen gestorben sind. Der Tod der Frau ist realistisch.

Woran stirbt man beim Kontakt mit Flusssäure?

Im Gegensatz zu anderen Säuren dringt Flusssäure schnell in den Körper ein. "Die meisten Säuren reizen, weil ihr pH-Wert niedriger ist, als der der Haut", erklärt Schaper. Die Säuren lassen Eiweiße in den Zellen gerinnen, ähnlich wie das Eiklar beim Braten. Die Eiweißklumpen verhindern, dass die Flüssigkeit tiefer ins Gewebe und schließlich in den Blutkreislauf eindringt.

Bei Flusssäure ist das anders: "Sie löst das Gewebe auf", erklärt Schaper. In der Serie "Breaking Bad" versuchen die beiden Hauptprotagonisten eine ganze Leiche in Flusssäure aufzulösen. Die Säure dringt aufgrund ihrer Fettlöslichkeit schnell in die Haut ein und frisst sich durchs Gewebe bis ins Blut. Im lebenden Organismus verteilt sich das Gift im ganzen Körper.

Dort bringt die Flusssäure die Zusammensetzung der Elektrolyte durcheinander. Kalzium etwa, das im Körper unter anderem für die Steuerung des Herzschlags unentbehrlich ist, geht dem Körper durch die Reaktion mit der Säure verloren. Der Kreislauf bricht zusammen, es kann zu Herz-Rhythmus-Störungen kommen. "Dass im 'Tatort' Herzalarm ausgelöst wird, passt", erklärt Schaper.

Durch den Kreislaufzusammenbruch können dann auch die Leber und, wie im Fall der "Tatort"-Toten, die Nieren ihre Funktion aufgeben.

Hilft eine Dusche im Notfall?

Verunreinigte Kleidung ausziehen und sich unter den Wasserschwall stellen, wie es im "Tatort" gezeigt wird, ist die richtige Reaktion. Wasser verdünnt die Säure und spült sie vom Körper. Deshalb hängen in Laboren und Fabriken, in denen mit Säuren, Laugen und anderen gefährlichen wasserlöslichen Stoffen gearbeitet wird, Notfallduschen für Körper und Augen.

Aus welchem Material bestehen die Schutzanzüge?

Handschuhe und Schutzkleidung aus säurebeständigen Kunststoffen, etwa Polypropylen oder Chloropren-Kautschuk, der unter dem Markennamen Neopren bekannt ist, schützen vor Flusssäure. Allerdings durchdringt die aggressive Säure auch diese Stoffe mit der Zeit.

Ein Beispiel: Ein handelsüblicher Einmalschutzanzug aus Polypropylen, der für die Arbeit mit Flusssäure geeignet ist, hält Konzentrationen von 37 Prozent etwa acht Stunden Stand, bei hochkonzentrierter 73-prozentiger Säure sind es etwa zwei Stunden.

Schon kleine Veränderungen im Material oder der Stoffdicke heben die Schutzwirkung auf. Wird, wie im "Tatort", am Material gespart, ist das im Ernstfall lebensgefährlich.

Wozu braucht man Flusssäure?

Etwa 240.000 Tonnen Flusssäure wurden 2012 in Europa produziert, berichtet der Herstellerverband "Eurofluor". 60 Prozent des weltweit hergestellten Stoffs fließt demnach in die Produktion von Fluorkohlenstoffen, die etwa als Kältemittel für Klimaanlagen oder Kühlschränke dienen.

In der Elektroindustrie ist der Stoff die wichtigste Chemikalie, um Bauteile für Halbleiter aus Silizium herzustellen, die in Computern und Smartphones verbaut werden. Auf Glas wirkt Flusssäure ätzend und wird beispielsweise zum Mattieren verwendet. Die Metallindustrie nutzt den Stoff als Katalysator, etwa zur Aluminiumproduktion.

Weitere Anwendungsgebiete sind unter anderem die Erdölproduktion, die Herstellung von Wasch- und Reinigungsmittel sowie Pharma- und Pflanzenschutzmitteln.

Zur Autorin

Julia Merlot begeistert sich für Themen rund um Mensch und Tier. Die studierte Wissenschaftsjournalistin ist Redakteurin im Ressort Wissenschaft und Gesundheit von SPIEGEL ONLINE.

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