Tests für Schweinegrippe-Impfstoff Ärzte suchen junge Probanden

An rund 2000 Menschen wird in Europa derzeit der Schweinegrippe-Impfstoff getestet. Deutsche Mediziner berichten von einem Ansturm von Freiwilligen. Allerdings hätten sich vor allem Erwachsene gemeldet. Junge Probanden sind deswegen dringend gesucht.
Mainzer Ärztin Katharina Classen mit Patientin (im August 2009): "Von freiwilligen Probanden geradezu überrannt worden"

Mainzer Ärztin Katharina Classen mit Patientin (im August 2009): "Von freiwilligen Probanden geradezu überrannt worden"

Foto: ddp

Mainz - Das fliegende Schwein mit Pilotenbrille und Engelsflügeln trägt eine Impfspritze in den Klauen. Es ist rasant unterwegs und hat die Erde hinter sich gelassen. Der bunte Aufkleber an der Tür zu einem Behandlungszimmer passt gut in das Zentrum für klinische Studien der Mainzer Universitätsmedizin. Die Ärzte testen hier derzeit den neuen Schweinegrippe-Impfstoff an Kindern und Erwachsenen. Die Zeit drängt: So schnell wie möglich soll der Impfschutz für die ganze Bevölkerung zur Verfügung stehen.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Behandlungsraum nicht von einer normalen Arztpraxis. Es gibt eine Liege, ein EKG, es stehen Flaschen mit Desinfektionsspray herum. Aber die Patienten hier heißen Probanden und ihre Arztbesuche werden akribisch dokumentiert - um von etwaigen schweren Nebenwirkungen bei einem Medikament oder Impfstoff zu erfahren, bevor das Mittel für die gesamte Bevölkerung eingesetzt wird. Solche strengen Zulassungsstudien sind für alle Arzneimittel vorgeschrieben.

Gerade wird eine Probandin gegen Schweinegrippe geimpft. Es ist schon ihre zweite Spritze. In den vergangenen drei Wochen hatte sie ihren Gesundheitszustand nach der ersten Injektion in einem Tagebuch dokumentiert. In längeren Telefonaten wird sie zudem den Prüfärzten detailliert über etwaige Nebenwirkungen berichten. Sie ist eine der rund 2000 Probanden, an denen der Impfstoff unter anderem an 15 Kliniken in ganz Europa getestet wird. Mainz hat dabei die Federführung für die Tests an Kindern und Jugendlichen.

Kleinkinder als Probanden gesucht

"Wir sind von freiwilligen Probanden geradezu überrannt worden", berichtet die Prüfärztin Dorothee Kieninger. Die Plätze für erwachsene Testpersonen seien daher rasch vergeben gewesen. "Wir suchen allerdings noch Eltern, die ihre Kleinkinder bei uns impfen lassen", sagt die Ärztin. Vor allem bei der Altersgruppe bis zum Ende des zweiten Lebensjahres sind noch Plätze frei, auch bei den bis zu Achtjährigen werden Probanden gesucht. "Es ist wichtig, den Impfstoff an Kindern zu testen, denn nur dann kann er auch für diese Altersgruppen zugelassen werden", betont die Kinderärztin.

Dass Eltern bei Tests an ihren Kindern eher zurückhaltend sind, liegt nach der Einschätzung von Kieninger vor allem an den Blutabnahmen, die für die Dokumentation unerlässlich sind. "Wir richten uns nach strengen ethischen Kriterien, die weltweit speziell für kindliche Probanden gelten. Dazu zählt auch, dass Eingriffe wie etwa Blutabnehmen so minimal wie möglich gehalten werden." Damit die Kinder keine Schmerzen erleiden, werde beispielsweise die Einstichstelle lokal mit einer Creme betäubt.

Bei den Erwachsenen habe es dagegen viele Anrufer gegeben, die geradezu auf eine Teilnahme gepocht hätten. "Sie wollten möglichst schnell vor der Schweinegrippe geschützt sein", berichtet Kieninger. Oft gebe es in der Familie Schwangere, chronisch Kranke oder kleine Kinder. Viele Probanden wollten das Risiko vermindern, andere anzustecken. Aber auch Menschen, die auf ihrer Arbeitsstelle viel Publikumsverkehr haben oder in Risikogebiete reisen wollen, suchten den schnellen Impfschutz. Dass die Testpersonen 50 Euro für jeden der fünf nötigen Besuche bekommen, ist nach Meinung der Ärztin meist nicht ausschlaggebend.

Umfrage beweist Impfmüdigkeit

Die Bedenken wegen möglicher Nebenwirkungen des neu entwickelten Impfstoffes seien bei den Freiwilligen eher gering - und würden in einem sehr ausführlichen Beratungsgespräch erläutert, sagt Kieninger. Alle Probanden werden zudem vor und während der Studie gründlich untersucht. Seit dem Start der Tests an dem Mainzer Zentrum Anfang August wurde der Impfstoff bislang mehr als 80 Erwachsenen und 50 Kindern verabreicht. Über erste Ergebnisse können die Mediziner nichts sagen - dies sei Sache des Pharma-Herstellers.

In Deutschland soll die Impfung ab Mitte Oktober starten. Zuerst sollen Risikogruppen geimpft werden. Eine repräsentative SPIEGEL-Umfrage hatte jüngst ergeben, dass sich nur 13 Prozent der Deutschen gegen den Influenza-Erreger H1N1 immunisieren lassen wollen, weitere 25 Prozent wollen die Impfung "wahrscheinlich". Besonders impfmüde zeigten sich junge Menschen: Nur 28 Prozent aller 18- bis 29-Jährigen standen der Impfung positiv gegenüber.

Die Gesundheitsminister der Länder hatten - trotz vorheriger Kritik aus den eigenen Reihen - am Montag beschlossen, zusätzlich zu den bislang georderten 50 Millionen Impfdosen weitere 18 Millionen zu bestellen. Bedingung sei, dass der Bund das Risiko für die Impfstoffe übernehme, die nicht verbraucht würden. Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hatte mit den gesetzlichen Krankenkassen vereinbart, dass diese die Impfkosten für 50 Prozent der Versicherten tragen. Alle weiteren Impfungen sollen über Steuermittel finanziert werden. Ob das Geld dafür vom Bund oder von den Ländern kommt, ist noch nicht klar.

Andrea Löbbecke, dpa