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Hus: Blutwäsche soll Ehec-Opfer retten

Foto: Kay Nietfeld/ picture-alliance/ dpa

Therapie von Hus-Kranken Gift im Blut

Der Ehec-Erreger, der in Deutschland grassiert, ist ungewöhnlich aggressiv: Viele Infizierte entwickeln die lebensbedrohliche Komplikation Hus, die Nieren und Hirn schädigen kann. Ärzte versuchen, Patienten mit einer Art Blutwäsche zu helfen - und nutzen eine experimentelle Therapie.

Hus, hämolytisch-urämisches Syndrom, heißt die Komplikation, die Ärzte bei Ehec-Infizierten am meisten fürchten. Noch immer ist nicht endgültig klar, wo die Quelle der Seuche liegt - Deutschland und Spanien schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Die bei der Komplikation Hus von den Bakterien ausgeschütteten Giftstoffe lassen Blutkörperchen des Patienten regelrecht zerplatzen. Reste der zerstörten Blutzellen verstopfen die Nieren oder auch feinste Gefäße im Gehirn. Die Nieren können versagen, das Hirn anschwellen. Es drohen dauerhafte Schäden, manchmal endet Hus gar tödlich.

Für die Nierenfachärzte ist der Ehec-Ausbruch mit der großen Zahl von Hus-Kranken ein Novum. Bekannt ist das hämolytisch-urämische Syndrom zwar noch in anderen Zusammenhängen - verschiedene Medikamente können es verursachen, und es kann bei Frauen während der Schwangerschaft auftreten. Doch als Komplikation bei Ehec-Infizierten tritt es sonst selten auf. Weniger als 60 Fälle pro Jahr sind in Deutschland normal. Nun registrierten Kliniken von einem Tag auf den anderen 60 neue Hus-Patienten: Am Freitagmorgen meldete das zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) 276 Hus-Fälle, 24 Stunden zuvor waren es 214 gewesen. "Der Ausbruch geht weiter", warnte RKI-Präsident Reinhard Burger am Freitag im ARD-"Morgenmagazin".

Sehr widerstandsfähiger Keim

Und noch etwas ist anders: "Bei diesem Ausbruch scheinen vor allem gesunde Erwachsene betroffen zu sein", sagt Jan-Christoph Galle, Direktor der Klinik für Nephrologie und Dialyseverfahren am Klinikum Lüdenscheid. Es scheine also eher am Erreger selbst zu liegen, dass relativ viele mit Ehec infizierte Patienten auch Hus entwickeln. Was diesen Erreger von anderen Ehec-Typen unterscheidet, müssen Forscher jetzt klären. Dass er gegen mehrere Antibiotika resistent ist, zeigt jedoch schon, dass es ein besonders widerstandsfähiger Typ des sogenannten Enterohämorrhagischen Escherichia coli (Ehec) sein muss.

Gegen krankmachende Ehec-Bakterien können Mediziner ohnehin nicht direkt vorgehen: Werden diese von Antibiotika angegriffen, schütten sie zum Teil noch mehr Giftstoffe aus, die Behandlung birgt damit ein zu großes Risiko. Die Körperabwehr muss also allein mit den schädlichen Eindringlingen fertig werden.

Ärzte filtern das Blut der Betroffenen. Plasmaaustausch oder Plasmapherese wird das Verfahren genannt, bei dem das Blut in Zellen und Flüssigkeit, das sogenannte Plasma, aufgetrennt wird. Dabei wird das mit Toxinen belastete Plasma durch Spenderplasma oder Plasmaersatzmittel ersetzt. Versagen die Nieren komplett, ist noch zusätzlich Dialyse nötig - die Behandlungen werden dann nacheinander durchgeführt. Der Plasmaaustausch dauert zwei bis drei Stunden, die Dialyse nimmt noch mehr Zeit in Anspruch.

Dabei wissen die Ärzte nicht einmal genau, welchem Patienten eine Plasmapherese hilft. Es sei zwar ein Standardverfahren, doch die Datenlage zur Wirksamkeit sei dürftig, erklärt Jan Kielstein von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die Länge der Behandlung hängt davon ab, wie schnell sich die Blutzellen des Patienten regenerieren und wie schnell die schädlichen Abbauprodukte aus dem Blut verschwunden sind - das bestimmen die Mediziner anhand einiger Laborwerte.

"Bei relativ leichten Fällen reichen fünf Plasmapheresen über fünf Tage, bei schweren sind eventuell zehn notwendig - oder auch mehr", sagt Galle, der auch Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie ist. "Nach dieser Zeit können viele Patienten zumindest die Intensivstation verlassen."

Wie schnell sie wieder auf den Beinen sind, ist von Fall zu Fall verschieden. "Es gibt Patienten, die sich komplett erholen und welche, deren Nieren dauerhaft geschädigt sind, so dass sie zur Dialyse müssen oder ein Transplantat brauchen", sagt Galle. Auch bleibende neurologische Schäden sind möglich, die von Krampfanfällen bis zu Gedächtnisstörungen reichen.

Experimentelle Therapie für sehr schwere Hus-Fälle

Pro Plasmaaustausch wird Blutplasma von sechs bis zehn Spendern benötigt. Das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) hat wegen der Ehec-Welle bereits zu Blutspenden aufgerufen. Rund zwei Drittel der Hus-Patienten bräuchten eine Plasmapherese, sagte eine Sprecherin am Freitag. "Seit Anfang der Woche werden daher derzeit im UKE rund 500 Blutplasmen pro Tag verbraucht." Der Vorrat reiche zwar nach jetzigem Stand für die kommenden Wochen aus, doch in einigen Wochen müsse mit einem deutlichen Engpass gerechnet werden. Vom Zeitpunkt der Blutspende bis zur Gewinnung von Plasma, das eingesetzt werden könne, vergingen drei bis vier Monate, berichtete die Sprecherin.

Galle fürchtet noch keine Engpässe: "Falls das Blutplasma bei uns knapp wird, können wir es in einer Region bestellen, in der kaum Hus-Fälle auftreten, zum Beispiel in München. Sollte es dort auch knapp werden, können wir es auch aus anderen europäischen Staaten beziehen. Das ist zwar ein logistischer Aufwand, aber machbar."

Die Gesellschaft für Nephrologie hat jetzt ein Register eingerichtet, in das alle Ärzte ihre Daten eintragen können, damit sie möglichst viele Erkenntnisse über die Ehec-Komplikation zusammentragen.

Dort werden auch Daten über eine neue experimentelle Therapiemethode einfließen, die Forscher aus Deutschland, Frankreich und Kanada erst am Mittwoch im renommierten "New England Journal of Medicine" vorgestellt  hatten: Die Wissenschaftler hatten drei Kinder, bei denen das hämolytisch-urämische Syndrom besonders dramatisch verlief, mit einem Medikament behandelt, das bisher nicht bei Hus-Patienten eingesetzt wurde. Der Wirkstoff Eculizumab blockiert einen Teil des Immunsystems und dämpft dadurch die Zerstörung der Blutkörperchen. Bei einigen sehr schweren Fällen würden Kollegen das Medikament jetzt einsetzen, berichtet Galle.

Mit Material von dpa
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