Debatte zur Corona-Forschung "Alternativmethoden werden Tierversuche nie ganz ersetzen"

Die Niederlande gelten als Vorreiter beim Ausstieg aus Tierversuchen. Dabei ist der Staat weit von einem Ende der Experimente entfernt. Das zeigt sich auch in der Corona-Pandemie.
Frettchen: Sie gelten als gute Modelle, um die Übertragbarkeit von Atemwegserkrankungen zu erforschen

Frettchen: Sie gelten als gute Modelle, um die Übertragbarkeit von Atemwegserkrankungen zu erforschen

Foto: imagebroker / imago images

Seit Jahrzehnten gibt es Debatten über Tierversuche in Europa. Zuletzt wurden Ende 2019 miserable Zustände in einem Versuchslabor bei Hamburg bekannt. Sofort wurde wieder diskutiert, generelle Vorurteile gegenüber den Experimenten wurden verstärkt. Gleichzeitig verdeutlicht die Corona-Pandemie, wie wichtig es für den Menschen ist, neue Krankheitserreger, Medikamente und Impfstoffe schnell erforschen zu können, auch mithilfe von Tierversuchen.

Trotzdem haben Tierversuchsgegner in der Hochphase der ersten Corona-Welle am 6. März und 30. April Petitionen bei der Europäischen Kommission eingereicht, nach denen Tierversuche vollständig verboten werden sollen. Ihren Vorstoß begründen die Initiatoren unter anderem damit, dass die Niederlande bereits einen Ausstiegsplan für eine Welt ohne Experimente an Tieren hätten. Warum also sollte ein Ende nicht auch in anderen Staaten möglich sein?

Die Frage lässt sich allerdings recht einfach beantworten: In den Niederlanden existiert kein konkreter Plan für einen Stopp von Tierversuchen. Das berichtet die Initiative "Tierversuche verstehen" in einem Papier, das dem SPIEGEL vorab vorliegt. Die EU-Kommission folgte den Petitionen dementsprechend auch nicht. Namhafte Forscher warnen mit Blick auf die Coronakrise derzeit stattdessen sogar davor, dass zu strenge Regularien drohten, die medizinische Forschung zu behindern.

Ende der Versuche bis 2025 - von wegen

Hintergrund der Debatte über die angeblichen Ausstiegspläne der Niederlande aus Tierversuchen ist ein Gutachten des dortigen Nationalkomitees zum Schutz von Versuchstieren in der Wissenschaft (NCad) aus dem Jahr 2016. Es besagt, dass eine Möglichkeit bestehen könnte, Tierversuche bei standardisierten Sicherheitstests für Chemikalien bis 2025 schrittweise einzustellen.

Allerdings gebe es keine Gesetzesinitiativen oder sonstigen Vorhaben, die aus der immer wieder zitierten Passage des Berichts folgten, so "Tierversuche verstehen". Die Initiative wurde von Wissenschaftsorganisationen in Deutschland gegründet und hat die niederländische Regierung zu ihren Plänen im Umgang mit Tierversuchen befragt.

Zwar habe die Königliche Niederländische Akademie der Wissenschaften (KNAW) im Jahr 2018 ein "Zielbild" für tierversuchsfreie Innovationen erarbeitet, so "Tierversuche verstehen" in seinem Bericht. Die Regierung beschränkte sich seither aber darauf, Regelungen in der bisherigen Form zu belassen und Alternativmethoden zu fördern.

Es sei nicht beabsichtigt, Tierversuche zu stoppen, ohne dass es eine adäquate Alternativmethode gebe, teilte das niederländische Ministerium für Landwirtschaft, Natur und Lebensmittelqualität demnach mit. In der Grundlagen- und in der angewandten Forschung sei dies ohnehin nicht geplant gewesen. Das Jahr 2025 komme in der Agenda der Regierung gar nicht mehr vor, schreibt "Tierversuche verstehen."

Forscher fordern weniger Bürokratie

Anfang August erklärten mehr als 80 vornehmlich niederländische Forscher in einem Essay, warum sie Tierversuche insbesondere in der biomedizinischen Forschung für unersetzbar halten. In der Fachzeitschrift "Current Biology"  kritisieren sie, dass die mit Tierversuchen verbundene Bürokratie zu viel Geld, Energie und Zeit raube.

Die Regularien seien in vielen Fällen zu unflexibel, um Tierexperimente kurzfristig auf der Basis neu gewonnener Erkenntnisse anpassen zu können. Das verlangsame den Erkenntnisgewinn. In der Corona-Pandemie seien ethische Prüfungen zwar beschleunigt worden, insgesamt gebe es aber einen Trend zu immer mehr Bürokratie.

Der Appell kommt von anerkannten Größen in der Forschung. Mitautor ist etwa der niederländische Virologe Ron Fouchier. Er hatte 2012 Schlagzeilen gemacht, weil er in Experimenten mit Frettchen untersucht hatte, unter welchen Umständen das Vogelgrippevirus H5N1 von Tier zu Tier und dann womöglich auch von Mensch zu Mensch übertragen werden könnte. Die Tiere eignen sich für solche Experimente, weil sie Atemwegserkrankungen ähnlich übertragen wie Menschen.

Alternativmethoden-Forscher für Tierversuche

Mit an dem Artikel gearbeitet hat außerdem der Immunologe und Genetiker Hans Clevers. Er war bis 2015 Präsident der KNAW, erforscht unter anderem die Entstehung von Krebserkrankungen und gilt als Kandidat für einen Nobelpreis. Außerdem ist er einer der führenden Experten bei der Entwicklung sogenannter Organoide, einer Art Miniorgane, die auch als Tierversuch-Ersatz dienen.

Wissenschaftler verwendeten solche und andere Methoden, wie Computermodelle oder Zellkulturen, bereits, wenn sich ihre Fragestellungen mit ihnen beantworten ließen, heißt es in dem Essay. Seit zehn Jahren seien Forscher in der EU verpflichtet, Tierversuche, wenn möglich, zu ersetzen, die Zahl der Tiere in einzelnen Versuchen auf ein Minimum zu begrenzen und das Leid möglichst gering zu halten.

Remdesivir zunächst an Makaken getestet

Dem Traum vom völligen Verzicht erteilen sie eine Absage: "Derzeit ist kein integriertes Ersatzmodell verfügbar, um die komplexen Funktionen des Körpers zu untersuchen", schreiben die Forscher. Um herauszufinden, wie das neue Coronavirus Sars-CoV-2 übertragen wird, nutzen Fachleute auch derzeit wieder Frettchen. Menschen gezielt zu infizieren, um Übertragungen zu beobachten, sei nicht möglich, da das Risiko für schwere Verläufe zu groß sei.

Wie sich eine Infektion mit dem Virus verhindern oder behandeln ließe, versuchen Forscher außerdem mithilfe von Nagetieren, Schweinen und Primaten zu klären. In Versuchen mit Makaken habe sich gezeigt, dass das Medikament Remdesivir die Symptome einer Sars-CoV-2-Infektion reduziere, so die Forscher. Das Mittel wird inzwischen an Covid-19-Patienten erprobt, es gibt erste positive Studienergebnisse.

Coronavirus, Covid-19, Sars-CoV-2? Was die Bezeichnungen bedeuten.

Coronavirus: Coronaviren sind eine Virusfamilie, zu der auch das derzeit weltweit grassierende Virus Sars-CoV-2 gehört. Da es anfangs keinen Namen trug, sprach man in den ersten Wochen vom "neuartigen Coronavirus".

Sars-CoV-2: Die WHO gab dem neuartigen Coronavirus den Namen "Sars-CoV-2" ("Severe Acute Respiratory Syndrome"-Coronavirus-2). Mit der Bezeichnung ist das Virus gemeint, das Symptome verursachen kann, aber nicht muss.

Covid-19: Die durch Sars-CoV-2 ausgelöste Atemwegskrankheit wurde "Covid-19" (Coronavirus-Disease-2019) genannt. Covid-19-Patienten sind dementsprechend Menschen, die das Virus Sars-CoV-2 in sich tragen und Symptome zeigen.

Tiere seien auch unersetzlich, um die Effektivität, Sicherheit und Wirkweise von Impfstoffen zu überprüfen. Dass das keine triviale Aufgabe sei, wisse man vom ersten Sars-Virus. Ein Impfstoffkandidat aus dem Jahr 2004 habe dazu geführt, dass Frettchen häufiger Hepatitis bekamen, statt einen Schutz gegen Sars-CoV-1 zu entwickeln. Es gebe kein künstliches Modell des Immunsystems, an dem solche Nebenwirkungen untersucht werden könnten, argumentieren die Forscher.

Letztlich basierten auch Alternativmethoden zu Tierversuchen oft auf Erkenntnissen aus eben diesen. Dass die Entwicklung von Ersatzmethoden gefördert werde, sei eine positive Entwicklung, schreiben die Wissenschaftler. "Tierforschung bleibt aber notwendig, um unser Gesundheitssystem zu sichern, da Alternativmethoden Tierversuche nie ganz ersetzen werden."

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