Umstrittene Chemikalie Desinfektionsmittel schwächt Muskeln

Der antibakterielle Wirkstoff Triclosan steckt in Seifen, Zahnpasta und Spielzeug. Im Tierversuch hat sich nun herausgestellt, dass das Allerweltsprodukt die Funktion von Muskeln beeinträchtigen kann. Das Bundesinstitut für Risikobewertung wollte sich zunächst nicht äußern.
Zahnpasta: Auch sie kann Triclosan enthalten

Zahnpasta: Auch sie kann Triclosan enthalten

Foto: Daniel Karmann/ dpa

Washington - Triclosan ist überall dort zu finden, wo seine antibakterielle Wirkung geschätzt wird: in Zahnpasta und Seife, in Matratzen, Textilien, Müllbeuteln und sogar in Spielzeug. Versuche amerikanischer Forscher mit Mäusen, Fischen und Zellkulturen deuten nun darauf hin, dass die Chemikalie die Muskelfunktion beeinträchtigen kann. Schon nach Einnahme einer einzigen Dosis Triclosan sei die Herzleistung bei Mäusen um 25 Prozent gesunken. Die Tiere hätten zudem 18 Prozent weniger Kraft in den Pfoten gehabt als zuvor, berichten die Forscher im renommierten Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences".  

Versuche mit Muskelzellen hätten gezeigt, dass die Chemikalie die Muskeln deutlich schwäche. Das sei überraschend, denn Triclosan sei weit verbreitet und bereits ausgiebig auf seine Giftigkeit hin getestet worden. Die neuen Ergebnisse zeigten nun, dass Triclosan sowohl für die Gesundheit als auch für die Umwelt schädlich sein könnte, warnen die Wissenschaftler.

"Triclosan findet sich heute in nahezu jedem Haushalt und ist auch in der Umwelt verbreitet", erklärt Studienleiter Isaac Pessah von der University of California in Davis. Die chemisch auch als 5-Chlor-2-(2,4-dichlorphenoxy)-phenol bezeichnete Substanz wirkt desinfizierend und hemmt das Bakterienwachstum.

Nach Angaben des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) findet sich Triclosan auch in Deutschland in Konsumartikeln. Lediglich in Lebensmitteln und in Materialien, die direkt mit Nahrung in Berührung kommen, darf es europaweit seit 2010 nicht mehr nicht eingesetzt werden.

Spuren der Chemikalie in Blut und Muttermilch

Spuren von Triclosan seien bereits im Blut und in der Muttermilch von Menschen nachgewiesen worden, aber auch in Gewässern und Fischen, schreiben Pessah und seine Kollegen. Es habe bereits erste Hinweise darauf gegeben, dass die Chemikalie bestimmte Andockstellen hemmt, die auch auf der Oberfläche von Muskelzellen sitzen. Welche Folgen dies für die Muskelfunktion hat, sei jetzt erstmals untersucht worden.

In den Tierversuchen zeigte Triclosan seine muskelschwächende Wirkung bereits bei Konzentrationen, wie sie auch im menschlichen Blut nachgewiesen wurden. Zwar müsse man erst noch testen, ob die Chemikalie beim Menschen ähnlich wirke wie bei den Mäusen und Fischen. Doch sei es sehr wahrscheinlich, dass Triclosan auch für die menschliche Gesundheit eine Gefahr darstelle, meinen die Forscher. "Die Behörden sollten daher sehr genau prüfen, ob diese Substanz wirklich weiterhin in Konsumprodukten verwendet werden darf", erklären Pessah und seine Kollegen.

Dramatische Wirkung auf die Herzleistung

Die Forscher hatten den Mäusen zunächst drei verschiedene Dosierungen einer Triclosanlösung in den Herzbeutel gespritzt. Eine Testgruppe erhielt stattdessen eine sterile Salzlösung. Bereits nach zehn Minuten zeigten die mit Triclosan behandelten Mäuse eine deutliche Reaktion, berichten die Forscher. Die Pumpleistung ihres Herzens sei um bis zu 25 Prozent zurückgegangen. "Die Wirkung von Triclosan auf die Herzfunktion war wirklich dramatisch", sagt Nipavan Chiamvimonvat, einer der beteiligten Wissenschaftler. Obwohl diese Chemikalie nicht als Arzneimittel gelte, wirke sie wie ein starker Betablocker.

In einem weiteren Test senkte Triclosan auch die Griffstärke der Mäuse um 18 Prozent. Gaben die Forscher zudem Larven der Goldelritze eine geringe Menge Triclosan ins Aquariumwasser, schwammen die Fische weniger aktiv umher und wichen auch Attrappen von Feinden nicht mehr aus.

Um herauszufinden, worauf die muskelschwächende Wirkung des Triclosans beruht, führten die Wissenschaftler Versuche mit Herzmuskel- und Skelettmuskelzellen von Mäusen durch. Dabei zeigte sich, dass die Chemikalie die Funktion von zwei Proteinen in den Kalziumkanälen der Muskelfasern stört. "Diese beiden Proteine sind für alles Leben von fundamentaler Bedeutung", betonen die Forscher. Sei ihre Kommunikation blockiert, arbeite der Kalzium-Ionen transportierende Kanal nicht mehr korrekt, und als Folge könne sich die Muskelfaser nicht mehr oder nur noch schwach zusammenziehen.

dapd/nik
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