Übergewicht Virus könnte Fettleibigkeit fördern

Zügelloses Essen ist nicht der einzige Grund für Fettleibigkeit. Zu den Auslösern kann offenbar auch eine Virusinfektion gehören, wie eine neue Studie ergeben hat. Die Forscher sehen damit einen Verdacht aus früheren Untersuchungen bestätigt.
Dickes Mädchen: Virusinfektion fördert Fettleibigkeit

Dickes Mädchen: Virusinfektion fördert Fettleibigkeit

Foto: Ralf Hirschberger/ picture-alliance/ dpa

Die Theorie, dass Übergewicht auch durch eine Virusinfektion gefördert werden könnte, scheint sich zu festigen: US-Forscher haben in einer Studie mit 124 Kindern erneut einen Zusammenhang zwischen einer AD-36-Infektion und einem hohen Gewicht entdeckt. Die jungen Probanden, die mit dem Erkältungsvirus AD-36 Kontakt hatten, brachten im Durchschnitt erheblich mehr auf die Waage als diejenigen, bei denen keine Virusinfektion vorlag.

Die Wissenschaftler um Jeffrey Schwimmer von der University of California in San Diego hatten rund die Hälfte ihrer Studienteilnehmer als übergewichtig eingestuft - basierend auf dem sogenannten Body-Mass-Index, der das Körpergewicht in Relation zur Körpergröße setzt (siehe Kasten links). Insgesamt fanden sie bei 19 der 124 Probanden Antikörper gegen das Adenovirus-36, kurz AD-36 - diese Kinder hatten sich also zu irgendeinem Zeitpunkt im Leben mit dem Erreger angesteckt.

Fast 80 Prozent der AD-36-positiven Kinder waren übergewichtig, bei den schlanken Kindern fanden die Forscher dagegen nur in vier Fällen Anzeichen einer Infektion. Selbst in der Gruppe der Übergewichtigen zeigte die Virusinfektion einen zusätzlichen Gewichtseffekt: Im Schnitt hatten die AD-36-positiven Kinder noch deutlich mehr Körpergewicht als die übergewichtigen Studienteilnehmer ohne Infektionsbefund, schreiben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Pediatrics".

Verdacht wird größer

AD-36 gehört zur Familie der Adenoviren und verursacht normalerweise Entzündungen in den Atemwegen oder in den Augen. Forscher haben diesen Erreger aber schon länger im Verdacht, auch zur Entstehung von Übergewicht beizutragen. Frühere Studien hatten bereits auf diesen Zusammenhang hingedeutet. So veranlasst der Erreger im Labor Stammzellen aus menschlichem Fettgewebe dazu, sich in besonders große Fettzellen zu verwandeln. Bei einer Infektion mit dem Virus bilden sich dadurch offenbar sowohl mehr als auch größere Fettzellen.

Wie groß der Einfluss einer AD-36-Infektion tatsächlich sei, müsse jedoch noch genauer untersucht werden, betonen Schwimmer und seine Kollegen - denn längst nicht jeder Infizierte werde fettleibig. Zudem ist die Zahl von 124 Studienteilnehmern nicht besonders groß, und unklar ist auch, ob ein kausaler Zusammenhang zwischen der AD-36-Infektion und Fettleibigkeit besteht - oder ob stattdessen das Übergewicht die Anfälligkeit für eine Infektion erhöht.

Gerade für Kinder bedeute Übergewicht eine schwere psychische Belastung und ein gesundheitliches Risiko, betonen die Forscher. "Die Erkenntnis, dass eine Virusinfektion ein Faktor bei der Entstehung von Übergewicht sein kann, zeigt, dass Übergewicht nicht unbedingt ausschließlich an den nachlässigen Lebensgewohnheiten der Betroffenen liegt", sagt Schwimmer."Die meisten Menschen sind der Ansicht, wer dick ist, sei daran selber schuld." Die Ergebnisse der neuen Studie belegten aber, dass die Hintergründe komplizierter sein könnten. "Deshalb sollten wir Konzepte zur Vorbeugung von Übergewicht entwickeln, die über Schuldzuweisungen hinausgehen."

mbe/dapd
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