Umstrittene Krebsvorsorge Deutsche überschätzen Nutzen von Früherkennung

Neun von zehn Deutschen glauben, dass Mammographie und PSA-Test sie besser vor Krebs schützen, als die Methoden es tatsächlich können. Max-Planck-Forscher aus Berlin warnen vor überzogenen Hoffnungen und fordern bessere Aufklärung.

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Berlin - Mediziner und Politiker wollen mit Früherkennungs-Programmen Leben retten: Mammographie-Untersuchungen sollen schon früh Krebszellen in der weiblichen Brust ausfindig machen, der PSA-Test soll Prostatakrebs aufspüren und Darmspiegelungen sollen vor bösartigen Tumoren im Verdauungstrakt schützen. Erst kürzlich hat Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) angekündigt, Früherkennungs-Untersuchungen auszuweiten.

Arzt beurteilt Mammographie-Aufnahme: "Die Zahlen führen Frauen in die Irre"
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Doch nicht alle Ärzte sind von dem Nutzen der sogenannten Screening-Programme überzeugt, eine zunehmende Anzahl meint, es würden falsche Hoffnungen geschürt. Und tatsächlich überschätzen neun von zehn Deutschen den Nutzen von Mammographie und PSA-Test, wie eine aktuelle Studie vom Harding-Zentrum für Risikokompetenz am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zeigt.

Die Wissenschaftler um Gerd Gigerenzer hatten mehr als 10.000 Bürger aus neun europäischen Ländern (Deutschland, Österreich, Niederlande, Frankreich, Großbritannien, Italien, Spanien, Polen und Russland) in Interviews befragt, wie stark die beiden Untersuchungen die Krebssterblichkeit senken können. Demnach erwiesen sich die Europäer als mangelhaft informierte Optimisten in Sachen Früherkennung - allen voran die Deutschen.

So fanden die Forscher heraus, dass 92 Prozent aller befragten Frauen den Nutzen der Mammografie als Mittel zur Vermeidung einer tödlich verlaufenden Brustkrebserkrankung überschätzen - oder gar keine Angaben dazu machen können.

Bei der Mammographie handelt sich um eine flächendeckende Reihenuntersuchung von 50- bis 69-Jährigen, die alle zwei Jahre schriftlich eingeladen und dann mit Röntgenstrahlen auf Brustkrebs untersucht werden. Das Versprechen der Befürworter dieser Methode: Mit dem Screening sinke die Sterblichkeit um 30 Prozent.

Gutgläubig und schlecht informiert

"Diese Zahl führt viele Frauen in die Irre", sagte Gigerenzer kürzlich im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Viel verständlicher sei es zu erklären: Von 1000 Frauen, die zum Screening gehen, sterben vier Frauen an Brustkrebs, von 1000 Frauen, die nicht zum Screening gehen, sterben fünf. "Diese klare Aussage findet man in den meisten Aufklärungsbroschüren nicht", kritisierte der Psychologe. Dazu kommen die Fehlalarme und die darauf folgenden überflüssigen Operationen, Bestrahlungen oder sogar Brustamputationen. "Von zehn Frauen, die einen verdächtigen Befund in der Mammographie haben, ist nur eine an Brustkrebs erkrankt", erklärt Gigerenzer.

Die jetzt präsentierte Studie, die im September im "Journal of the National Cancer Institute" publiziert wird, zeigt: In Deutschland wissen gerade einmal 0,8 Prozent der Frauen, dass Früherkennung die Brustkrebssterblichkeit um etwa eine von je 1.000 Frauen reduziert - das ist der europäische Tiefstwert.

Ähnlich schlecht informiert sind auch Männer über den PSA-Test. Die Untersuchungsmethode sucht nach dem sogenannten Prostata-spezifischen Antigen und könnte ein Karzinom im Frühstadium aufspüren - sehr zuverlässig ist sie allerdings nicht. Ein erhöhter PSA-Wert liefert lediglich einen Verdacht. Dennoch versprechen sich der aktuellen Analyse zufolge 89 Prozent aller Männer zu viel vom PSA-Test im Hinblick auf die Reduktion des Risikos einer tödlich verlaufenden Prostatakrebserkrankung - oder bekennen ihr Unwissen zu diesem Thema.

Zwei im "New England Journal of Medicine" publizierte Studien kamen diesbezüglich kürzlich zu unterschiedlichen Ergebnissen. Die Autoren der ersten Untersuchung resümmierten: "PSA-Screening reduziert die Todesrate durch Prostatakrebs um 20 Prozent - aber war begleitet von einem hohen Risiko der Überdiagnose." Die zweite Studie kam zu dem Ergebnis, dass sich die Todesrate durch Prostatakrebs nach 7 bis 10 Jahren zwischen zwei Gruppen, bei denen entweder PSA-Untersuchungen vorgenommen worden waren oder nicht, "nur minimal" unterschieden.

"Prospekt-Meister oder mündige Patienten?"

Das Problem bei dem Verfahren: Bei einem erhöhten Wert entscheiden sich Ärzte meist für eine Biopsie - einer unangenehmen und schmerzhaften Prozedur - um nach bösartigen Zellen zu suchen. Werden tatsächlich Krebszellen entdeckt, wird der Tumor entweder bestrahlt oder operativ entfernt. Beide Optionen bergen Risiken wie Inkontinenz oder Impotenz - die psychischen Folgen sind enorm. Und das Entscheidende: Viele Tumore wachsen so langsam, dass sie den Patienten zu seinen Lebzeiten gar nicht mehr beeinträchtigen. Mit anderen Worten: Möglicherweise wird einem Patienten ein Tumor entfernt, der ihn niemals beeinträchtigt hätte - und im schlimmsten Falle wird er dabei noch impotent.

2008 lagen die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für Früherkennungsuntersuchungen bei 1,21 Milliarden Euro. In Zukunft werden sie vermutlich deutlich höher liegen.

Die aktuelle Studie von Gigerenzer und seinen Kollegen zeigt zudem: Männer und Frauen in Deutschland sind "Prospekt-Europameister". 41 Prozent der Befragten informieren sich häufig durch Broschüren von Gesundheitsorganisationen - der europäische Durchschnitt liegt hier nur bei 21 Prozent. Doch wer sich so informiert, ist offenbar keineswegs besser aufgeklärt: Vielmehr überschätzen die Prospekt-Leser den Nutzen der Früherkennung noch etwas mehr als jene, die keine Broschüren lesen. Nicht verwunderlich, denn viele Broschüren informieren verwirrend, häufig werden relative Risiken dargestellt, nicht aber die aboluten Zahlen.

"Wenn wir mündige Patienten und kein paternalistisches Gesundheitswesen wollen, dann müssen wir genau hier ansetzen", fordert Gigerenzer. "Wir müssen die Menschen umfassend und präzise informieren und sie so in die Lage versetzen, notwendige Entscheidungen kompetent zu treffen."

Doch auch Ärzte und Apotheker sind offenbar nicht in der Lage, besser aufzuklären. Die Studie zeigt, dass insbesondere deutsche Frauen, die ihr Wissen zum Thema Früherkennung bevorzugt aus Gesprächen mit Ärzten und Apothekern beziehen, die Lage nicht etwa genauer einschätzen können, sondern meist sogar schlechter informiert sind als andere.

Als Ursache vermuten die Autoren, dass Ärzte und Apotheker ebenfalls nicht ausreichend informiert sind oder aufgrund von Interessenskonflikten wissentlich den Nutzen übertrieben darstellen. Zudem finde die Kommunikation zwischen Arzt und Patient nicht immer auf einer Ebene statt: "Prozentwerte versteht kaum einer wirklich", so Gigerenzer.

insgesamt 181 Beiträge
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Seite 1
baldfrei 18.04.2009
1. Kommt drauf an
Zitat von sysopDie moderne Medizin macht immer mehr Vorsorge-Untersuchungen möglich. Doch ist der technische Fortschritt immer im Sinne der Patienten?
Ersten ab welchem Alter wird das bezahlt ? Zweitens in welchem Abstand sollte wiederholt werden ? Drittens was taugt der Mediziner ? Habe gerade von einem Fall gehört, Darmspiegelung vor 8 Jahren, da ohne Befund ??? Wiederholung nach 10 Jahren angesagt. Der Patient hatte vor 2 Jahren dann einen Darmverschluß, Ursache Krebs, und ist vor 1 Jahr daran gestorben.
Marita 18.04.2009
2. Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs
Diese Impfung (http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,619759,00.html) ist die überflüssigste, die es je gegeben hat, und es ist mehr als durchschaubar, dass sie nur auf enormen Druck der Pharma-Industrie zustandegekommen ist und mit kostspieligen Werbemaßnahmen derart Furore machen konnte. Nicht nur ihr Nutzen ist umstritten, denn selbst wenn sie einen ohnehin nur sehr kleinen Prozentsatz von Frauen vor dem Krebstod rettet, so ist sie enorm gefährlich, weil sie alle anderen Frauen in einer trügerischen Sicherheit wiegt: Sie SCHÜTZT NICHT VOR HIV. Und Frauen, die sich vor HIV schützen (müssen), sind auch vor Papillomaviren geschützt. Das viele Geld, das diese teure Impfung kostet, sollte besser für andere Zwecke ausgegeben werden.
The Godfather 19.04.2009
3.
Zitat von baldfreiErsten ab welchem Alter wird das bezahlt ? Zweitens in welchem Abstand sollte wiederholt werden ? Drittens was taugt der Mediziner ? Habe gerade von einem Fall gehört, Darmspiegelung vor 8 Jahren, da ohne Befund ??? Wiederholung nach 10 Jahren angesagt. Der Patient hatte vor 2 Jahren dann einen Darmverschluß, Ursache Krebs, und ist vor 1 Jahr daran gestorben.
Ihr Logik ist schwer nachvollziehbar. Wenn eine vorsorgliche Darmspiegelung bei 50%** hilft, bei den anderen 50% aber nicht, dann lieber gar nicht untersuchen??? (**ersetzen Sie gern 50% durch andere Prozentzahlen)
GM64 19.04.2009
4. wenn die Vorsorgeuntersuchung keine Nebenwirkungen hat, ist sie sinnvoll
Vorsorgliche Darmspiegelung, Brustamputation ... ist natürlich dumm. Darmspiegelung kann man durch CT ersetzen. Denke das letztere ist angenehmer, aber wenn der Dok sich nur das erste Gerät gekauft hat, hat man ein Problem. Gesund ist ein CT aber auch nicht. Aber tägliche Gewichtskontrolle, regelmäßige Blutzucker, Cholesterinmessung, oder Messung von Fe, Ca, Mg ... ist schon sehr sinnvoll. Wenn einem das Fe fehlt, kann man ständig müde sein. Und wenn der Blutzuckerwert nicht mehr so ganz top ist, dann kann man durch Hungern ihn verbessern, wenn man den Blutspiegel nicht kennt, kann man Zuckerkrank werden. Also eine regelmäßige Blutuntersuchung auf alles Mögliche finde ich gut. Vor allem sollte man Dicken mehr Sport verordnen. Ein ständig schimpfender Arzt, der den Kranken die schlechten Cholesterin und Zuckerwerte vorhält ist ein Segen, aber vom Schimpfen kann der Arzt nicht leben, lieber verordnet er dem Kranken Tabletten. Daher mag der Arzt Vorsorgeuntersuchungen nicht. Ein Kranker bring mehr Geld.
otropogo 19.04.2009
5.
Zitat von sysopDie moderne Medizin macht immer mehr Vorsorge-Untersuchungen möglich. Doch ist der technische Fortschritt immer im Sinne der Patienten?
Hier in Kanada hoeren wir ueber technischen Fortschritt, muessen aber oefters ins Ausland reisen oder es selbts bezahlen (obwohl in vielen kanadischen Laendern wir schon heftig fuer die medizinische Fuersorge vorbezahlen muessen). Zum Beispiel, in British Columbia werden normalerweise PSA Messungen und Augenuntersuchungen nicht bezahlt. Hat man mit den Augen Beschwerden, soll man einen Optometrist auf eigenen Kosten besuchen. Dieser muesste einen dann wahrscheinlich weiter an einen Augenartzt schicken. Fuer Darmspiegelungen muss man mit seinem "Familienartzt" (der heutzutage hauptsaechlich der Torwachter der Medezin ist) kaempfen. Colonoscopy gibt es eigentlich kaum. Man muss meistens mit einer Sigmoidoscopy hoechstens alle sechs Jahre zufrieden sein, wenn ueberhaupt ein Chirurge dazu zu Verfuegung ist. Auf ein MRI oder neurologische Untersuchung, usw., kann man leicht sechs Monate oder laenger warten. Und waerend Leute auf den Wartelisten sterben, oder Blind werden, weil sie sich die Augenuntersuchung nicht leisten koennen, hat die Regierung fuer "freie" HPV Impfungen doch genuegend Geld. Mit Fortschritt hat das alles nichts zu tun. Die Medizin ist hier nun ein Handel geworden , mit dem der Verdienst Hauptsache ist, die Gesundheit der Bevoelkerung dagegen nur ein Problem der Optik, mit dem sich hauptsaechlich die Public Relations Leute beschaeftigen.
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