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Uniklinik Kiel: Bei Umzug Gewebeproben vergessen

Gruseliger Fund Kieler Klinik vergaß kistenweise Gewebeproben

Menschliches Körpermaterial, das bei einer Operation entnommen wird, muss mindestens zehn Jahre aufbewahrt werden - mit der gebotenen Sorgfalt. Die Universitätsklinik in Kiel hat das nicht gemacht. Durch einen Zufall wurde es nun entdeckt.

Kiel - Zugegeben, das Ziel des kleinen Spaziergangs war eigentlich tabu. Doch schon länger gab es unter Mitarbeitern des Universitätsklinikums in Kiel Gerüchte, das Gebäude der alten Neurochirurgie sei einen Besuch wert. "Interessantes Zeug sollte da herumliegen", erzählt Heike S., die ihren Namen lieber nicht veröffentlicht wissen möchte. Sie und ihr Freund stahlen sich eines Nachmittags an den Absperrungen vorbei, liefen durch den Anscharpark in Kiel - bis in das Gebäude, in dem bis 2004 die Uni-Klinik ansässig war. Gespannt stiegen sie die Treppen empor.

"Das ganze Haus ist ja total runtergekommen", erzählt Heike. Die Fenster sind zersprungen, Putz bröckelt von den Wänden, die Türen sind kaputt. In einem der leerstehenden Räume machen sie und ihr Freund dann einen gruseligen Fund. Zwischen alten, verrotteten Aktenordnern und Kisten quollen kleine transparente Plastiktütchen hervor, Inhalt: merkwürdige viereckigen Platten. Heike machte ein paar Fotos mit dem Handy, ein paar der nummerierten Tüten stecken sie ein, um diese einem Bekannten zu zeigen, der Medizin studiert.

"Das sind Gewebeschnitte, die hier sieht aus wie die Proben eines Gehirns", habe dieser sofort gesagt. Schnitte von Tumoren etwa werden standardmäßig während Operationen gemacht, in der Pathologie werden diese dann untersucht - dazu werden die Schnitte für das Mikroskop in passende Stücke geschnitten, fixiert und in Paraffin gegossen. Zehn Jahre sind diese Platten und Blöcke mindestens aufzubewahren, so sagt es das Bürgerliche Gesetzbuch.

Kann es sein, dass die Uni-Klinik Kiel beim Umzug vor zehn Jahren tatsächlich Patientenakten und kistenweise Material aus der Pathologie vergessen hat? Den Verantwortlichen ist die Antwort an SPIEGEL ONLINE sichtlich peinlich. Nach kurzer Prüfung bestätigt Oliver Grieve, Pressesprecher der Universität, dass dort "Material" vergessen wurde. Dabei handele es sich aber nicht um Proben von Gehirnen. Was es stattdessen sein soll, mochte er aber nicht erklären.

Auch könnten anhand der Nummern auf den Proben keine Rückschlüsse auf einen Patienten gezogen werden. Die Akten zu den Nummern lägen gut gesichert im Mikrofiche-Archiv des Klinikums Schleswig Holstein.

"Wir können uns nur entschuldigen", sagt Pressesprecher Grieve noch, natürlich sei es nicht in Ordnung, mit derart sensiblem Material nicht ordnungsgemäß umzugehen. Wie dies passieren konnte, weiß er nicht zu erklären - die Mitarbeiter der Uni, die damals beteiligt waren, seien alle längst im Ruhestand.

Ein Gewebeschnitt als Trophäe

Auch der heutige Besitzer des Anscharpark-Geländes, der Immobiliendienstleister Prelios, kann die Frage, warum die Gewebeproben über Jahre offen herumliegen konnten, nicht beantworten. Ein Sprecher verweist darauf, dass "nach Auszug des Universitätsklinikums das Grundstück verkehrssicher abgeriegelt" wurde, so dass es im Normalfall nicht zugänglich sei. Natürlich könne man nicht verhindern, dass das Grundstück illegal betreten werde.

Gemeinsam mit Mitarbeitern der Uni-Klinik habe man nun jeden Raum der alten Neurochirurgie in Augenschein genommen, dabei habe man die "Unterlagen der ehemaligen Mieterin" entdeckt, die bei deren Auszug übersehen wurden. Die ehemalige Mieterin werde ihr Eigentum kurzfristig aus dem Gebäude entfernen, so dass es dann vollständig geräumt ist.

Heike S. kann sich dennoch nur wundern. Es sei doch Pflicht gerade einer Universität, in einen hochsensiblen Bereich wie einer Pathologie, in angemessener Weise mit dem Körpermaterial umzugehen. "Stattdessen vergessen sie es beim Umzug."

Auch wenn die Uni das Material nun abholt und sachgerecht entsorgen will - einige Kieler haben sich kleine Andenken aus der ehemaligen Neurochirurgie längst gesichert: Heike weiß von einem Kommilitonen, der aus mehreren Gewebeschnitten einen Lampenschirm gebastelt hat. Die Trophäe schenkte er seiner Freundin zum Geburtstag.

nik
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