Unseriöse Pharmawerbung Übertreiben, verschweigen, schummeln

Die Pharmaindustrie hat sich selbst Regeln auferlegt, damit beim Marketing nicht getäuscht wird. Doch die Konzerne halten sich oft nicht daran. Forscher haben besonders krasse Fälle gesammelt.
Arzt-Symbolbild: "Schärfere Regeln sind dringend erforderlich"

Arzt-Symbolbild: "Schärfere Regeln sind dringend erforderlich"

Foto: Corbis

Gegen diesen Schwindel helfen keine Pillen: Immer wieder fallen Pharmakonzerne mit unzulässigem und irreführendem Marketing auf. Beispiele gefällig?

  • "Es gibt keine Langzeitfolgen für Herz- und Kreislauf, wenn Sie Actos verwenden", warb der Pharmakonzern Takeda in britischen Zeitungen. Leider hatten die Marketingstrategen vergessen, die deutlichen Nebenwirkungen für Patienten mit Herzinsuffizienz zu erwähnen.

  • Hersteller Novo Nordisk warb großflächig für sein neues Diabetesmittel - bevor es überhaupt zugelassen war. Am Weltdiabetestag schaltete der Konzern eine Anzeige in einer Beilage zur Tageszeitung "The Times".

  • Eleganter agierte Bayer: Der Konzern lud Ärzte zu einem eineinhalbstündigen Meeting ein: "Medizinische und operative Therapien bei erektiler Dysfunktion" - mit anschließendem Champagner und Galadinner.

Dies sind nur drei Fälle von Hunderten aus den vergangenen Jahren, in denen Pharmakonzerne wegen unseriöser Werbung oder unzulässiger Beeinflussung von Ärzten und Verbrauchern in Großbritannien aufgefallen sind. Es sind Verstöße gegen geltende Regeln, die sich die Pharmaindustrie eigentlich selbst auferlegt hat, und die durch eigens gegründete Vereine kontrolliert werden. Schwedische Forscher um Anna Zetterqvist von der Universität in Lund haben nun erstmalig untersucht, ob diese Selbstkontrollen überhaupt ausreichen, um unseriöses Marketing zu verhindern.

Das Ergebnis fällt negativ aus: "Die industrieeigenen Gremien agieren nur sehr zurückhaltend", schreibt Zetterqvist im Fachmagazin "Plos Medicine" . Geltende Mechanismen genügten nicht, um das Agieren der Arzneimittelkonzerne wirksam zu regulieren. Schärfere Regeln seien dringend erforderlich. So sollte Werbung für jegliche Medizin kontrolliert werden - bevor diese öffentlich gemacht wird. Auch sollten die Strafen für die Konzerne bei Missachtung deutlich höher ausfallen als bisher.

Kein Champagner für Ärzte

In den meisten europäischen Ländern ist es gesetzlich geregelt, was im Pharmamarketing zulässig ist und was nicht. Viele Industrieverbände haben sich zusätzlich eigene Regeln auferlegt, eigene Vereine wurden gegründet, um die Einhaltung zu kontrollieren - wohl auch, um strengere Regeln seitens des Gesetzgebers zu verhindern.

In Deutschland wäre es 2004 beinah so weit gekommen: Den Plan der damaligen Gesundheitsministerin Ulla Schmidt, eine Art Korruptionskontrolleur einzusetzen, konnte die Pharmaindustrie nur mit ihrem Vorschlag verhindern, dies freiwillig zu organisieren. "Das ist, als übernähme der ADAC die Geschwindigkeitskontrollen für seine Mitglieder", kritisierte Peter Sawicki, damals Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG)  .

Nicht zulässig sind zum Beispiel laut Heilmittelwerbegesetz  Aussagen, die die Wirkung eines Medikaments übertreiben, da dies Ärzte und Patienten beeinflussen könnte. Genauso dürfen Hinweise auf wichtige Nebenwirkungen nicht fehlen. Ärzte dürfen laut heutigen Transparenzrichtlinien der Industrie nur zu Veranstaltungen eingeladen werden, die sich unmittelbar mit ihrem Tätigkeitgebiet befassen. Dabei dürfen "Unterbringung und Bewirtung einen angemessenen Rahmen nicht überschreiten".

Onkologe Wolf-Dieter Ludwig: "Zahl der Verstöße deutlich höher"

Onkologe Wolf-Dieter Ludwig: "Zahl der Verstöße deutlich höher"

Foto: Lopata/ AkdÄ

Die schwedischen Forscher haben für ihre Untersuchung alle Meldungen über unzulässiges Marketing in Schweden und Großbritannien im Zeitraum von 2004 bis 2012 ausgewertet, die in den Datenbanken der Pharmakontrolleure verzeichnet sind. Das sind in Großbritannien die Prescription Medicines Code of Practice Authority (PMCPA ) und in Schweden die LIF .

Frohe Botschaft von Boehringer

Insgesamt wurden in Schweden 536 und in Großbritannien 597 Fälle registriert, die eindeutig als Verstöße gegen die in beiden Ländern jeweils gültigen Richtlinien gelten. Ein Viertel der Fälle beruhte auf Beschwerden anderer Pharmakonzerne.

Die Tabelle zeigt die Ergebnisse der schwedischen Forscher, ergänzt um Angaben für Deutschland:

Unzutreffende und fehlerhafte Informationen, Behauptungen oder Vergleiche waren die mit Abstand häufigsten Verfehlungen gegen die Kodizes. In anderen Fällen wurden verschreibungspflichtige Arzneimittel in Publikumsmedien beworben, was unzulässig ist. Gleiches gilt auch für das Marketing für ein Medikament, das noch nicht zugelassen ist, oder die Werbung für ein zusätzliches Anwendungsgebiet eines Wirkstoffs - für das dieser aber (noch) nicht zugelassen ist.

Mit der Kontrolle des Pharmamarketings ist es auch in Deutschland nicht zum Besten bestellt: Durch Vereine wie die "Freiwillige Selbstkontrolle für die Pharmaindustrie"  (FSA) habe sich jedenfalls wenig geändert, sagt Wolf-Dieter Ludwig , Onkologe und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Statt des FSA wünscht er sich schon lange eine von der Pharmaindustrie unabhängige Kontrollinstanz.

Wie Ludwig berichtet, erhält er zum Beispiel jeden Monat bis zu zehn Zeitschriften, unaufgefordert und unentgeltlich, in denen Experten und Medizinjournalisten neue Krebsmedikamente lobpreisen - anhand entsprechender von der Pharmaindustrie finanzierter Studien. "Das alles hat mit der Vermittlung unabhängiger, kritischer Informationen zu neuen Wirkstoffen nichts zu tun", kritisiert Ludwig.

Holger Diener, Geschäftsführer des FSA, weist die Kritik an der Effektivität der eigenen Arbeit zurück. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre zeigten, dass die Mitgliedsunternehmen die Kodex-Regelungen verinnerlicht hätten, sagt Diener. Das Verständnis für ein ethisches Pharmamarketing habe sich gefestigt. Gegenstand von Beanstandungen seien heute nicht mehr die Regelungen der Kodizes, sondern Fragen "zur exakten Auslegung und Ausgestaltung einzelner Vorschriften".

Verfehlungen müssten teurer werden

Offenbar bietet die "exakte Auslegung einzelner Vorschriften" ausreichend Spielraum für unseriöse Aktionen: Die Analyse des schwedischen Forscherteams habe zwar erstmalig einen detaillierten Überblick über die Verstöße der Branche geliefert, sagt Onkologe Ludwig. Doch konnten nur die Fälle ausgewertet werden, die bei den Gremien der Selbstkontrolle verzeichnet sind. "Die Autoren aus Schweden gehen zu Recht davon aus, dass die tatsächliche Zahl der Verstöße deutlich höher ist", sagt Ludwig. Auch für Deutschland wäre eine stärkere Kontrolle des Pharmamarketings wünschenswert und nötig.

Als aktuelles Beispiel nennt Ludwig das Vorgehen des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim. Das Unternehmen habe bei Pradaxa im Sinne des Marketings Studienergebnisse manipuliert und nicht angemessen auf die Risiken wie etwa schwere Blutungen hingewiesen. "Boehringer hat großflächig dafür geworben, dass, anders als bei herkömmlichen Blutverdünnungsmitteln wie Marcumar, eine kontinuierliche Kontrolle der Blutgerinnungswerte nicht nötig sei", sagt Ludwig.

Aus internen Papieren sei später bekannt geworden, dass das Blutungsrisiko durch regelmäßige Kontrollen deutlich gesenkt werden könnte. Diese Information habe Boehringer aber unterschlagen und Patienten gefährdet. "Dann hätte man ja die schöne Marketingbotschaft nicht mehr überbringen können."

Umstrittener Gerinnungshemmer Pradaxa (Archiv): Hersteller Boehringer Ingelheim setzte auf Marketingbotschaft

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Foto: Frank Rumpenhorst/ picture alliance / dpa

Boehringer Ingelheim bestreitet die Vorwürfe, Daten unterschlagen zu haben. Die Aussagen, die auf Recherchen des Fachmagazins British Medical Journal zurückgehen, seien irreführend und verunsicherten die Patienten.

Zusammenfassung: Immer wieder vermarkten Pharmakonzerne ihre Medikamente auf unzulässige Art - etwa wenn die Wirkung übertrieben oder nicht auf Nebenwirkungen hingewiesen wird. Die Pharmaindustrie hat sich selbst Kodizes auferlegt, die genau das verhindern sollen. Wie schwedische Forscher nun ermittelten, reichen die Kontrollen nicht aus.