Unterschätzter Befund Forscher warnen vor Verharmlosung von Gehirnerschütterungen

"Gehirnerschütterung" oder "milde traumatische Gehirnverletzung": Kanadische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Kinder mit diesen beiden Diagnosen unterschiedlich gut behandelt werden. Dabei handelt es sich um das gleiche, ernstzunehmende Krankheitsbild.

Gehirn (Grafik): Gehirnerschütterung ist eine milde traumatische Gehirnverletzung
REUTERS

Gehirn (Grafik): Gehirnerschütterung ist eine milde traumatische Gehirnverletzung


Das Krankheitsbild von Gehirnerschütterungen wird von vielen Medizinern nicht ernst genug genommen. Zu diesem Schluss kommen zumindest kanadische Wissenschaftler, die Krankengeschichten von Kindern ausgewertet haben. Die kleinen Patienten waren mit einer Gehirnverletzung in das Krankenhaus der Stadt Hamilton eingeliefert worden.

Die Forscher fanden heraus, dass Kinder, bei denen ausdrücklich eine "Gehirnerschütterung" diagnostiziert wurde, generell weniger Tage in der Klinik verbrachten. Sie gingen auch früher wieder zur Schule als ihre Leidensgenossen, bei denen die Diagnose "milde traumatische Gehirnverletzung" gestellt wurde. Dabei bezeichnen die beiden Begriffe das gleiche Krankheitsbild: Bei einer Gehirnerschütterung handelt es sich um eine milde traumatische Gehirnverletzung, die ernsthafte Folgen haben kann, warnt Studienleiterin Carol DeMatteo von der McMaster University in Hamilton im kanadischen Ontario. Das Forscherteam berichtet über seine Ergebnisse in der kommenden Ausgabe des Fachmagazins "Pediatrics" (Bd. 125, Nr. 2).

"Der Begriff 'Gehirnerschütterung' scheint weniger beängstigend zu klingen als der Ausdruck 'milde Gehirnverletzung' und wird mit einer raschen Genesung und zeitlich begrenzten Symptomen in Verbindung gebracht", erklärt DeMatteo. Der gutartige Beiklang dieses Ausdrucks ist jedoch irreführend: Tatsächlich gehören Gehirnerschütterungen zu den traumatischen Gehirnverletzungen und können gravierende Auswirkungen haben.

Eltern verharmlosen Gehirnerschütterung häufig

Für ihre Untersuchung prüften die Forscher die Krankengeschichte von 434 Kindern, die zur Behandlung einer Gehirnverletzung in die Kinderklinik Hamilton gebracht wurden. 300 der Kinder wiesen eine traumatische Hirnverletzung auf, die als gravierend eingeschätzt wurde. Von dieser Gruppe erhielten 32 Prozent die Diagnose "Gehirnerschütterung". Trotz des Schweregrads der Verletzung wurden diese Kinder früher aus dem Krankenhaus entlassen und blieben weniger Tage der Schule fern als die übrigen Patienten.

DeMatteo betont, dass bei der gefährlichen Verharmlosung auch der Familie eine wichtige Rolle zukommt. Häufig betrachten die Eltern eine Gehirnerschütterung nicht als eigentliche Verletzung des Gehirns. Sie erlauben schon bald nach der Rückkehr aus der Klinik eine Wiederaufnahme der gewohnten Aktivitäten. Nach Einschätzung der Forscher erhöht dies jedoch das Risiko einer zweiten Gehirnverletzung, und die Gefahr steige an, dass sich die schulische Leistung der Kinder verschlechtert.

Da der Begriff "Gehirnerschütterung" medizinisch nicht klar festgelegt ist, plädieren die Wissenschaftler dafür, dass in den Krankenhäusern präzisere Ausdrücke für Gehirnverletzungen benutzt werden. Die feste Definition würde außerdem dazu führen, dass auch Laien den Sachverhalt besser verstehen: Eltern könnten so spezifischer auf die Situation ihrer Kinder eingehen.

lub/ddp



insgesamt 16 Beiträge
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Seite 1
Diwoka1 18.01.2010
1. Publish or perish
Zitat von sysop"Gehirnerschütterung" oder "milde traumatische Gehirnverletzung": Kanadische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Kinder mit diesen beiden Diagnosen unterschiedlich gut behandelt werden. Dabei handelt es sich um das gleiche, ernstzunehmende Krankheitsbild. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,672227,00.html
Was lehrt uns die Veröffentlichung: Kinder werden je nach Beschreibung des Zustandes früher oder später aus dem Krankenhaus entlassen... na und? Für eine valide bzw. relevante Studie wäre es wichtig zu wissen ob die Patienten einen Nachteil daraus haben (nicht nur weniger Tage das Krankenhausessen zu geniessen) das Sie früher entlassen werden, diese Informationen fehlen leider in der insuffizienten journalistischen Zusammenfassung. Nachsorge, Spätschäden, Komplikationen .. Fragen über Fragen, die nicht beantwortet werden. Aber hoffentlich einige ImpactPoints für den weiteren wissenschaftlichen (oder journalistischen )Werdegang.
Koda 18.01.2010
2. Na danke für die Info
Bislang ging ich nämlich auch davon aus, dass eine Gehirnerschütterung relativ harmlos sei und nach wenigen Tagen ausgestanden sei. Bin ja auch kein Medizier. Da würde ich mich auch darauuf verlassen, wenn der behandelnde Arzt mich beruhigen will, wenn er meint, mein Kind habe ja nur eine Gehirnerschütterung. Bei dem Wort "Traumatisch" klingenln da schon eher die Alarmglocken.
Galaxia, 18.01.2010
3. BPA und andere Zeitbomben
Zitat von sysop"Gehirnerschütterung" oder "milde traumatische Gehirnverletzung": Kanadische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Kinder mit diesen beiden Diagnosen unterschiedlich gut behandelt werden. Dabei handelt es sich um das gleiche, ernstzunehmende Krankheitsbild. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,672227,00.html
Eltern deren Intresse die Entwicklung Ihres Kindes tangiert, intressiert wohl dann auch folgendes Fed up with BPA in your food? Here's how to reduce risks given FDA's new 'concerns' http://content.usatoday.com/communities/greenhouse/post/2010/01/fed-up-with-bpa-heres-how-to-ban-plastic-from-your-home/1 Unsere Regierung dagegen scheint weiterhin nur Intresse an klurzfristiger Gewinnmaximierung von Klientelgruppen zu haben.
Rainer Helmbrecht 18.01.2010
4. Titel verweigert!
Zitat von sysop"Gehirnerschütterung" oder "milde traumatische Gehirnverletzung": Kanadische Wissenschaftler haben herausgefunden, dass Kinder mit diesen beiden Diagnosen unterschiedlich gut behandelt werden. Dabei handelt es sich um das gleiche, ernstzunehmende Krankheitsbild. http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,672227,00.html
Vielleicht mal eine Gelegenheit über Boxen nach zu denken. MfG. Rainer
webstoney 18.01.2010
5. Eishockey
Zitat von Rainer HelmbrechtVielleicht mal eine Gelegenheit über Boxen nach zu denken. MfG. Rainer
Da die Studie aus Kanada kommt, nehm ich mal an, dass es da vor allem um die Gehirnerschütterungen beim Eishockey geht.
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