Medienberichte über OP-Experiment Kann man einen Patienten wirklich einfrieren und wieder auftauen?

Medien berichten, dass Ärzte in den USA Körper von Patienten extrem heruntergekühlt und die Menschen anschließend wieder aufgeweckt haben. Doch so einfach ist es nicht.

Schockraum einer Notaufnahme: Bei einem Kreislaufstillstand zählt jede Minute
Markus Scholz/dpa

Schockraum einer Notaufnahme: Bei einem Kreislaufstillstand zählt jede Minute


Mit Hilfe von Kälte und Salzlösung wollen US-Mediziner schwerst verletzte Menschen am Leben halten. Sie erproben seit einigen Jahren eine Behandlung, bei der das Blut von Patienten gegen eine Salzlösung ausgetauscht und der Körper derweil gekühlt wird, berichtete das Magazin "New Scientist" am Donnerstag.

Medien weltweit griffen die Meldung auf. Aus dem sachlichen Bericht im "New Scientist" wurden in der deutschen Presse dabei aufregende Schlagzeilen: "Sensations-OP nach Herzstillstand: 1. Mensch tiefgekühlt und wiederbelebt", titelte etwa die "Bild"-Zeitung. "Focus Online" zog nach. Die Realität sieht anders aus.

Laut "New Scientist" wurde die Körpertemperatur der Patienten in den Versuchen über einen Zeitraum von zwei Stunden auf 10 bis 15 Grad reduziert, üblicherweise liegt sie bei 37 Grad. Ziel dieser Maßnahme ist es, Hirnschäden bei einem Kreislaufstillstand zu vermeiden. Denn wenn das Blut im Körper nicht mehr zirkuliert, kommt kein Sauerstoff im Gehirn an. Innerhalb weniger Minuten entstehen dann irreparable Schäden in unserem Denkorgan.

Ob die Patienten wieder aufgewacht sind, ist unklar

Kühlt man den Körper herunter, lässt sich diese Entwicklung verlangsamen. Stoffwechselprozesse in den Zellen laufen dann in gedrosseltem Tempo ab, der Körper und damit auch das Gehirn benötigen weniger Sauerstoff. Ärzte haben dann mehr Zeit für lebensrettende Operationen. Nach Angaben der US-Mediziner ist es mit ihrem Verfahren möglich, derart heruntergekühlte Patienten mit Kreislaufstillstand noch etwa zwei Stunden zu behandeln, ohne dass das Gehirn Schäden davonträgt.

Doch es gibt einen Haken: Das Wiederaufwärmen des Körpers kann tödliche Folgen für die Zellen haben. Und bislang ist nicht bekannt, wie viele Patienten die Versuche überlebt haben. Studienleiter Samuel Tisherman von der University of Maryland School of Medicine in Baltimore hofft laut "New Scientist", bis Ende 2020 Ergebnisse veröffentlichen zu können. Erst dann wird auch klar sein, bei wie vielen Patienten die Methode getestet wurde.

Einsatz bei Patienten, die mehr als die Hälfte ihres Blutes verloren haben

Die Idee, den Körper in Notfallsituationen herunterzukühlen, um Zeit zu gewinnen, ist nicht neu. Bereits vor zwanzig Jahren haben Mediziner die therapeutische Hypothermie entwickelt.

Menschen mit Herz-Kreislauf-Versagen werden dabei schon während oder direkt nach der Wiederbelebung gekühlt - mit speziellen Pads, Infusionen oder auch Eisbeuteln. Auch bei Operationen am Herzen wird die Körpertemperatur teils abgesenkt. Allerdings geht es hier meist um ein paar Grad - und nicht um bis zu 27 Grad.

Die US-Forscher kombinieren die Methode des Kühlens mit der Injektion von Salzlösung in die Blutbahn.

Dem Beitrag im "New Scientist" zufolge testen die Mediziner das Verfahren an Patienten, die mit einer schweren Verletzung wie einer Schuss- oder Stichwunde in die Klinik eingeliefert werden und einen Herzstillstand haben. Voraussetzung für die experimentelle Behandlung ist zudem, dass die Verletzten mehr als die Hälfte ihres Blutes verloren und nur noch eine Überlebenschance von weniger als fünf Prozent haben. Andernfalls ließen sich die Tests ethisch nicht vertreten.

"Dass das Prinzip funktioniert, weiß man aus Tierversuchen", sagte Bernd Böttiger, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Rats für Wiederbelebung. An Menschen sei es seines Wissens zuvor noch nicht erprobt worden. Ob und wie gut das Verfahren funktioniere, sei daher erst mit einer Reihe bislang nicht zur Verfügung stehender Daten abzuschätzen, so der Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin des Universitätsklinikums Köln.

jme/dpa



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