Neues Verfahren Forscher transplantieren Frau Ohr aus dem 3D-Drucker

Erstmals hat eine Frau ein Ohr aus dem 3D-Drucker bekommen, hergestellt aus ihren eigenen Körperzellen. Fachleute werten das Verfahren als vielversprechend – auch für andere Patienten.
20-jährige Patientin vor der Operation und mit neuem Ohr aus dem 3D-Drucker

20-jährige Patientin vor der Operation und mit neuem Ohr aus dem 3D-Drucker

Foto: Kristi Bruno / AFP

Ein bislang einmaliger medizinischer Eingriff bei einer Frau aus Mexiko könnte wegweisend für Menschen sein, die unter Mikrotie leiden. Das ist eine seltene Fehlbildung des äußeren Ohrs. Betroffene kommen mit einem oder oder auch zwei unvollständigen Ohren zur Welt, die Muschel ist zu klein und unförmig. Oft können die Patienten damit auch schlechter oder gar nicht hören.

Mediziner haben der Frau nun ein neues Ohr transplantiert, das aus dem 3D-Drucker stammt und aus ihren eigenen Zellen erzeugt wurde. Das wurde bislang noch nie gemacht, wie eine Biotechnikfirma mitteilte, die das Verfahren entwickelt hat. Ein Arzt aus San Antonio vom Microtia Congenital Ear Institute führte den Eingriff im März durch. Die Operation ist Teil einer derzeit laufenden klinischen Studie unter Aufsicht der US-Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) mit insgesamt elf Patientinnen und Patienten.

Abschließende Ergebnisse liegen noch nicht vor, sollen aber später in einer medizinischen Fachzeitschrift veröffentlicht werden. Derzeit verheile das Ohr gut, wachse weiter und generiere Knorpelgewebe, heißt es.

Über das Verfahren des Biotech-Unternehmens ist nur wenig bekannt. Doch offenbar hat sich das Team bei der Formgebung des Kunstorgans am linken Ohr der Frau orientiert. Ihr neues rechtes Ohr wurde aus Zellen, die aus dem Knorpelgewebe des gesunden Ohrs stammten, in eine entsprechende Form hineingedruckt.

Entsprechend schwer ist es für Fachleute, das Vorgehen der Expertinnen und Experten zu bewerten. Doch laut Adam Feinberg, Professor für Biomedizintechnik und Materialwissenschaft an der Carnegie Mellon University in Pittsburgh, handelt es sich bei dem Verfahren um eine »große Sache«. Der Experte, der nicht mit dem Unternehmen in Verbindung steht und selbst an ähnlichen 3D-Druck-Verfahren arbeitet, sagte der »New York Times« , der Eingriff zeige, dass es im Grunde nur noch eine Frage der Zeit sei, wann solche Technologien für regenerative Medizin breite Anwendung finden werden.

Hoffnung für die Transplantationsmedizin

Das Verfahren dürfte vor allem Menschen mit Mikrotie Hoffnung auf Linderung geben. Jährlich werden in Deutschland 100 bis 150 Menschen mit einer solchen Fehlbildung geboren, deren Ursachen noch nicht klar sind. Bisher wird das Ohr bei Neugeborenen, bei denen der Knorpel in den ersten Lebenswochen leicht veränderbar ist, mit Ohrmuschelformen aus Silikon angepasst. Operationen sind erst ab einem späteren Alter möglich. Dabei wird beispielsweise ein chirurgischer Aufbau mit körpereigenem Rippenknorpel vorgenommen.

Der Vorteil des neuen Verfahrens, das erst der Anfang für eine neue Art von Transplantaten sein soll, liegt darin, dass körpereigene Zellen bei dem 3D-Druck-Verfahren genutzt werden. Das minimiert das Risiko einer Abstoßung. Bisher seien bei der laufenden Studie keinerlei Reaktionen oder andere unerwartete gesundheitliche Komplikationen beobachtet worden. Deshalb hoffen die Biotech-Spezialisten, dass das Verfahren auch in anderen Bereichen der Transplantationsmedizin bis hin zur Erzeugung von Organen zum Einsatz kommen wird.

Auch andere Wissenschaftler und Unternehmen arbeiten an medizinischen 3D-Techniken. In Tierexperimenten waren sie schon vor Jahren mit der Transplantation von Knorpeln, Knochen und Muskelgewebe aus dem Drucker erfolgreich. Es gibt auch erste Versuche, Organe auf diese Weise herzustellen. Vor drei Jahren stellten Forscherinnen und Forscher aus Israel ein kleines Herz aus menschlichem Gewebe her. Auch Blutgefäße und eine künstliche Lunge sind schon entstanden.

Doch bis ausgedruckte Organe die stets knappen menschlichen Spenderorgane ergänzen oder ganz ersetzen werden, ist es noch ein langer Weg. Das sieht auch Adam Feinberg so. Er macht darauf aufmerksam, dass ein äußeres Ohr, das eher kosmetischer als funktioneller Natur sei, eine relativ einfache Aufgabe sei, wenn man es mit Organen wie Leber, Niere, Herz oder Lunge vergleiche. Allein der Weg vom Ohr hin zu einer funktionsfähigen Bandscheibe, die mit solchen Kunstverfahren hergestellt werde, sei ein ziemlich großer Sprung. Doch durch das Druckverfahren mit dem Ohr sei man einen Schritt weiter.

joe