Verbotene Verhütungsspritzen Mehr als 600 Gynäkologen unter Verdacht

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen mehr als 600 deutsche Frauenärzte. Die Mediziner hatten über einen Großhändler günstige Verhütungsspritzen für ihre Patientinnen besorgt - doch die Medikamente waren hierzulande nicht zugelassen.
Hält drei Monate: Kassen übernehmen die Kosten für die Verhütungsspritzen meist nicht

Hält drei Monate: Kassen übernehmen die Kosten für die Verhütungsspritzen meist nicht

Foto: picture alliance / dpa

Schön billig sahen die Werbefaxe der Firma Sigma Gyn aus: kein schickes Logo, keine Bildchen. Die schlichte Produktliste sollte wohl suggerieren, dass die Firma ihr Geld nicht für teures Marketing verschleudere. Und den Frauenärzten deshalb die Arzneimittel so viel günstiger als die Konkurrenz anbieten könne, darunter Dreimonatsspritzen des Herstellers Pfizer und Kontrazeptiva von Bayer etwa. Bei Sigma kosteten die Verhütungsmittel im Schnitt ein Drittel weniger.

Die Frauen, die solche Mittel privat zahlen müssen, konnten viel sparen. "Unsere Patientinnen fanden es nett, dass wir ihnen die Spritzen ein wenig billiger besorgt haben", sagt Gynäkologin Sabine W. Sie habe sich keine Gedanken darüber gemacht, woher die Arzneien kamen und warum sie so günstig waren. Die Ärztin hatte gerade erst die Praxis einer Kollegin übernommen, der Betrieb sei einfach weitergelaufen. Dann kam die Post vom Zollfahndungsamt.

Schon länger ermitteln Zollfahnder aus Essen und Staatsanwälte aus Wuppertal, bis Anfang dieses Jahres gab es Razzien in zahlreichen gynäkologischen Praxen in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Niedersachsen. Nach den Erkenntnissen der Ermittlungsgruppe "Project Women", der ein Dutzend Beamte angehören, orderten mehr als 600 der rund 10.000 niedergelassenen Gynäkologen in Deutschland bei Sigma - obwohl die Arzneimittel hierzulande gar nicht zugelassen waren.

Die Sprechstundenhilfe ist schuld

Die Staatsanwaltschaft Wuppertal hat gegen die Frauenärzte ein Ermittlungsverfahren wegen Handels mit Arzneien außerhalb von Apotheken eingeleitet. Gegen Zahlungen in Höhe von zwei Dritteln des Werts der bestellten Verhütungsmittel werden die Ermittlungen eingestellt, rund 450 Gynäkologen sind diesem Angebot bereits gefolgt und haben insgesamt mehr als 1,6 Millionen Euro überwiesen.

"Ich sehe das nicht recht ein", sagt Gynäkologin Sabine W. Sie habe ja gar nicht gewusst, bei wem ihre Arzthelferinnen die Spritzen orderten. Viele Frauenärzte machen ihre Sprechstundenhilfen verantwortlich. Diese seien für die Bestellungen zuständig gewesen.

Die Ärzte selbst wollen nicht bemerkt haben, dass die Ware aus dem Ausland kam. Doch schon der Name der Produkte hätte Misstrauen hervorrufen können: Die verschreibungspflichtige Verhütungsspritze mit dem Wirkstoff Medroxyprogesteronacetat wird hierzulande unter dem Namen Depo-Clinovir verkauft - von Sigma aber, wie auf dem österreichischen Markt, als Depocon. Dass die Produkte für den Markt in Österreich bestimmt waren, stand sogar ausdrücklich auf der Verpackung, wenn auch nur in kleinen Buchstaben. Tatsächlich hätte auch der Blick auf die Rechnung im Paket die Ärzte stutzig machen sollen: Sie kam aus Spanien.

Zwar durften die Verhütungsmittel in anderen europäischen Ländern verabreicht werden und sind deshalb in diesem Fall nicht gesundheitsschädlich. Trotzdem war das Verhalten der Frauenärzte fragwürdig. Sie verabreichten Arzneien, ohne zu wissen, woher diese kamen. Auch gepanschte oder gefälschte Ware wäre ihnen wohl nicht aufgefallen.

Bestellung über Österreich und Südeuropa nach Remscheid

Hinter Sigma steckt ein Firmengeflecht. Die Bestellungen der deutschen Ärzte landeten bei einem Unternehmen im spanischen Villajoyosa. Zuvor war die Ware über den Großhandel in Österreich eingekauft worden. Das Netz ist nicht leicht zu durchschauen, beteiligt waren auch eine Firma in Zypern und eine Dependance bei London. Die Ware jedenfalls landete schließlich im Bergischen Land: In Remscheid wartete ein Dienstleister, der die Verhütungsmittel verpackte und bundesweit verschickte.

Der korrekte Weg wäre ein anderer gewesen: Die Ärzte hätten ein Rezept ausstellen, die Patientinnen sich die Spritzen in der Apotheke holen müssen. Mit Sigma funktionierte es bequemer für die Patienten und billiger - zur beidseitigen Zufriedenheit. "Auch bei Ärzten geht es um Kundenbindung", sagt Ermittler Jürgen Röder.

Ermittelt wird auch gegen die Verantwortlichen des Firmennetzes, unter anderem wegen des Verdachts, nichtzugelassene Medikamente vertrieben zu haben. Die Betroffenen weisen die Vorwürfe zurück: Privatpersonen dürften schließlich auch in ausländischen Versandapotheken bestellen oder Arzneimittel aus dem Urlaub mit nach Deutschland bringen. Der Gesetzgeber möge hier endlich für Klarheit sorgen, statt weiterhin die Pharmakonzerne in ihrer Preisbildungspolitik zu beschützen. Diese Argumentation halten Arzneirechtler für abwegig. Der Berufsverband der Frauenärzte äußert sich offiziell nicht zu diesem Thema, erklärt eine Sprecherin SPIEGEL ONLINE. Nur so viel: Der Verband "spricht sich gegen die Vorratshaltung von empfängnisverhütenden Arzneimitteln aus".

Die Großhändler wollen sich jedoch nicht nur selbst gegen die Vorwürfe wehren, sondern beraten auch die Frauenärzte. Sie haben ihnen einen ihrer Meinung nach geeigneten Juristen empfohlen - natürlich per Fax.