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Resveratrol: Natur gegen Pillen

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Vermeintliche Jungbrunnen-Pillen Geschäft mit dem Leben

Ohne Skrupel hat ein Forscher und Unternehmer ein Mittel verkauft, das längeres Leben verheißt. Noch weiß allerdings niemand, ob die Substanz tatsächlich so wirkt - und ob sie nicht vielleicht gefährliche Nebenwirkungen hat. "Zeit Wissen"-Autor Sascha Karberg fragt nach.

Es ist das Geschäft mit der Hoffnung. Hoffnung auf Leben. Hoffnung auf milliardenschwere Umsätze. Diese Hoffnung ist die Ware, auf die in der Biotechindustrie gewettet wird. Und Christoph Westphal ist ein Virtuose dieses Wettspiels, ein Hoffnungsbroker. Acht Biotechfirmen hat der Deutschamerikaner in Boston gegründet, er gilt als Star der Biotechszene in den USA und hat die Finger auch schon nach Deutschland ausgestreckt.

Doch im vergangenen Jahr verkaufte Westphal wie ein windiger Vitaminhändler per Internet eine Substanz, die eventuell das Leben verlängern kann. Ob dieses Wundermittel, Resveratrol heißt es, beim Menschen überhaupt so wirkt oder ob es vielleicht sogar Nebenwirkungen hat, weiß jedoch noch niemand. Westphal hat beim Spiel mit der Hoffnung überreizt. Und zeigt damit, dass beim Jonglieren mit Erwartungen und Versprechungen in der Biotechbranche schon mal der Überblick abhandenkommen kann.

Begonnen hatte alles mit Experimenten in Laboren der Harvard University und des Massachusetts Institute of Technology in Cambridge. Forscher dort hatten herausgefunden, dass Hefen, Würmer, Fliegen und Mäuse länger und gesünder leben, wenn man bei ihnen spezielle Proteine anregt, die sogenannten Sirtuine. Die Organismen waren dann weniger häufig zuckerkrank, deutlich schlanker und viel fitter. Offenbar können die Sirtuin-Proteine die Aktivität bestimmter Gene dämpfen, die für die Alterung zuständig sind. Und schon bald hatten die Wissenschaftler eine Reihe von Wirkstoffen identifiziert, die die Sirtuine beeinflussen können. Darunter war auch der Naturstoff Resveratrol, der in Erdnüssen, Beeren und Weintrauben vorkommt.

Die "Chance, die man im Leben nur einmal bekommt"

Als Christoph Westphal in Fachzeitschriften von den Ergebnissen las, wurde er hellhörig. "Das könnte die Welt verändern", sagte er 2007 vollmundig im Interview. Ehrlicher Enthusiasmus oder unternehmerische Hoffnungsmache? Westphal, Sohn deutscher Forscher, in den USA aufgewachsen, Harvard-Absolvent in Rekordzeit, Doktortitel in Medizin und Biologie, hatte bis dahin bereits vier erfolgreiche Biotechfirmen gegründet. Er hat lange genug selbst geforscht, um die Tücken der Wirkstoffentwicklung zu kennen: dass sich die meisten im Labor geweckten Hoffnungen früher oder später zerschlagen und dass neun von zehn Wirkstoffe nie zugelassen werden. Doch die theatralische Botschaft, die große Vision gehören zum Biotechgeschäft, für das sich Westphal entschieden hatte. Und nun sah er eine "Chance, die man im Leben nur einmal bekommt".

Pharmafirmen

Gemeinsam mit dem Alternsforscher David Sinclair von der Harvard University gründete er die Biotechfirma Sirtris. Deren Ziel ist es bis heute, Substanzen gegen altersbedingte Erkrankungen wie Diabetes zu entwickeln: synthetische Wirkstoffe, nicht Resveratrol, die aber wie Resveratrol auf die Sirtuine einwirken. Denn mit Resveratrol selbst lässt sich eigentlich kein Geld verdienen: Es ist ein schon lange bekannter Naturstoff, der sich nicht patentieren lässt und deswegen für kommerziell uninteressant ist. Als Kommunikationsvehikel, als Transporter der Sirtris-Bortschaft, sollte Resveratrol Westphal jedoch hervorragende Dienste erweisen.

Hoffnungs-Marketing ist in der gesamten Branche üblich

Zwar betonte Westphal von Anfang an, dass Sirtris keineswegs lebensverlängernde Medikamente entwickle. Doch in Interviews verschwieg er nicht, dass Würmer, Fliegen und Mäuse länger leben, wenn sie in Experimenten hohe Resveratrol-Dosen verabreicht bekommen. Und er verhehlte auch nicht, dass Sirtris Resveratrol-ähnliche Wirkstoffe testet. Geschickt jonglierten Westphal und sein Geschäftspartner Sinclair so mit den Hoffnungen von potentiellen Kunden - und von Investoren.

Mit dieser Art Geschäftsgebaren ist Westphal nicht allein. Er machte nur besonders gut, was in der gesamten Branche üblich ist: Ideen und Visionen von Forschern zu vermarkten. Denn anfangs haben Biotechfirmen kaum mehr als das zu bieten - ein "Produkt", das Investoren locken könnte, gibt es noch nicht. Westphals Hoffnungs-Marketing funktionierte zunächst prächtig. Unzählige Zeitungen und Fernsehsender berichteten über den "Jungbrunnen aus dem Wein".

Die Hoffnung wurde im "Economist", in der "New York Times", auf dem Cover des "Fortune Magazine" verbreitet, bei Fox News und im 60-Minuten-Feature auf CBS. Sirtris galt bald als Anti-Aging-Company schlechthin. Auch der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline   (GSK) wurde aufmerksam: Er kaufte die Firma im Juni 2008 für 720 Millionen Dollar. Westphal machte eine Bilderbuchkarriere bei GSK: Inzwischen leitet er die Venture-Sparte SR-one, investiert für den Konzern in Biotechfirmen. Darauf hätte er sich ausruhen können.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Doch die Frage, was wirklich dran ist an der Hoffnung, ließ Westphal nicht los. "Bis jetzt hat noch niemand gezeigt, ob man das Leben von Menschen mit Resveratrol tatsächlich verlängern kann", sagte er Ende letzten Jahres im Interview. Um die nötige Studie machen zu können, gründete er 2009 mit eigenem Geld eine Non-Profit-Organisation, das Healthy Lifespan Institute - ausdrücklich ohne eigenes finanzielles Interesse. 10.000 Menschen im Alter von über 60 Jahre sollten an der auf zehn Jahre angelegten Studie teilnehmen, 5000 hätten Resveratrol bekommen, 5000 ein Placebo. Wären am Ende in der Resveratrol-Gruppe signifikant mehr Probanden übrig geblieben, hätte Westphal die lebensverlängernde Wirkung von Resveratrol bewiesen.

Doch so eine große Studie ist extrem teuer: 20 Millionen Dollar wären dafür nötig, schätzte Westphal. Auf der Suche nach der Finanzierung muss der unternehmerische Eifer mit ihm durchgegangen sein: Das Healthy Lifespan Institute begann im vergangenen Jahr, Resveratrol über das Internet zu verkaufen. 24 Fläschchen mit je 30 Kapseln à 250 Milligramm für 1080 Dollar.

Das Risiko war hoch: Westphals Ruf als Forscher und Pharmamanager stand auf dem Spiel, schließlich brachte er einen Stoff unter die Leute, dessen Wirkungen bei Menschen bislang genauso wenig bekannt sind wie die langfristigen Nebenwirkungen. Das Groteske der Situation muss Westphal eigentlich bewusst gewesen sein - schließlich widerspricht es allen Grundsätzen der Entwicklung und Tests von Substanzen, eine Studie über die Wirkung eines Mittels damit zu finanzieren, dass man genau dieses Mittel verkauft.

Resveratrol-Pillen, für die die üblichen Tests bislang fehlen

Zwar wird Resveratrol sowieso schon von Internethändlern oft in zweifelhafter Qualität verhökert. Und Westphal hat sich mit den Verkäufen nicht bereichert, sondern die Erlöse in sein Non-Profit-Institut investiert. Doch er hat die übliche Vorgehensweise der pharmakologischen Forschung umlaufen, nach welcher Wirkstoffe über zehn bis 15 Jahre erst im Labor, dann an Tieren und schließlich an Menschen immer wieder getestet werden müssen, um sicherzustellen, dass nur Mittel, auch solche natürlicher Herkunft, auf den Markt kommen, deren Wirkung bewiesen und deren Nebenwirkungen bekannt sind und für akzeptabel erklärt wurden. Indem Westphal Resveratrol-Pillen anbot, für die solche Tests bislang fehlen, hat der Ex-Forscher sich und sein Healthy Lifespan Institute in eine Reihe mit Pillendrehern gestellt, die alle möglichen obskuren Stoffe unter die Leute bringen. Einziges Kriterium: Die Leute wollen es haben.

"Kein Kommentar" ist das Einzige, was Westphal verlauten lässt, seit die Resveratrol-Offerte im August dieses Jahres bekannt wurde. Westphals Arbeitgeber GSK forderte ihn sogleich öffentlich auf, die Verkäufe zu stoppen und sich aus dem Institut zurückzuziehen. GSK war nach eigener Aussage zwar über Westphals Engagement für das Healthy Lifespan Institute informiert. Von den Resveratrol-Verkäufen will die Firma allerdings nichts gewusst haben.

Warum aber hatte GSK kein Problem mit Westphals Forschereifer außerhalb der Firma? Weil er genau den Stoff testen wollte, der als Vorbild für jene Medikamente dient, an denen Sirtris für GSK derzeit forscht? Wollte man die Publicity mitnehmen, die eine große Studie über Lebensverlängerung zweifelsohne ausgelöst hätte? Bis vor kurzem jedenfalls liefen bei Sirtris selbst Versuche mit einer Variante von Resveratrol, dem für den Körper leichter zugänglichen SRT501. "Weder GSK noch Sirtris haben zur Einnahme oder Benutzung von Resveratrol enthaltenden Nahrungsergänzungsmitteln zur Lebensverlängerung ermutigt", sagt GSK-Sprecherin Janet Morgan auf entsprechende Fragen.

Langzeitergebnisse sind noch nicht verfügbar

Resveratrol sei zwar "eigentlich gut verträglich", sagt Ulrich Mahlknecht, Mediziner an der Universität Saarbrücken, der selbst über Resveratrol geforscht hat. Bisweilen aber träten Nebenwirkungen wie Elektrolytstörungen, Entzündungen im Hals-Nasen-Rachen-Raum und Hautrötungen auf, bei dauerhafter Einnahme wurden Kopf- und Muskelschmerzen, Müdigkeit und Nebenhodenentzündungen beobachtet. Und: "Ehrlicherweise muss man zugeben, dass Langzeitergebnisse zu Wirkungen und Nebenwirkungen noch immer nicht verfügbar sind."

Ob Resveratrol überhaupt auf die Sirtuine wirkt, ist derzeit unter Wissenschaftlern wieder umstritten. Für die große Hoffnung, dass Resveratrol auch bei Menschen das Leben verlängert, gebe es bislang keine Belege, sagt Mahlknecht. Doch für Firmen wie Sirtris oder GSK sei die "Mär vom langen Leben erfolgreich", so Mahlknecht. Sirtris sei ein börsennotiertes Unternehmen, und "alles, was zählt, ist der Profit, das Ergebnis - egal wie es dazu kommt".

Das Healthy Lifespan Institute verkauft seit August kein Resveratrol mehr. Westphal aber bleibt Chefmanager der GSK-Venture-Sparte SR-one. Er wird weiter mit Hoffnungen jonglieren, mit denen von Investoren, Forschern und Patienten. Ohne Versprechungen gibt es kein Biotechgeschäft. Und die Hoffnung stirbt zuletzt.

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