»Herkules-Aufgabe« Warum Christian Drosten den Sachverständigenausschuss verlässt

Zu viel Druck, zu wenig Abstimmung: Der Virologe Christian Drosten erklärt, warum er dem Gremium zur Bewertung der Coronamaßnahmen nicht mehr angehören will. Was die Immunität in der Bevölkerung angeht, ist er optimistisch.
Christian Drosten: »Unsere Bevölkerung wird eine Bevölkerungsimmunität aufbauen«

Christian Drosten: »Unsere Bevölkerung wird eine Bevölkerungsimmunität aufbauen«

Foto: Stefan Boness / IPON / IMAGO

Ende April hatte der Virologe Christian Drosten überraschend erklärt, den Sachverständigenausschuss zu verlassen. Ihm sei deutlich geworden, dass es in der Konstellation des Gremiums nicht möglich sein werde, zu einer qualitativ hochwertigen wissenschaftlichen Evaluation zu kommen, sagte der Chef der Virologie an der Berliner Charité jetzt im Deutschlandfunk .

Der Sachverständigenausschuss bewertet die Maßnahmen in der Coronapandemie unabhängig und erarbeitet neue Vorschläge. »Die Leute, die da drin sind, die sind jeder für sich sicherlich total gut«, sagte Drosten. Bei der Zusammensetzung habe es allerdings mit der Politik keine wechselseitige Abstimmung gegeben. »Wir haben überhaupt keine hauptberuflichen Epidemiologen in der Kommission«, so Drosten. »Ich habe in der ersten Sitzung gleich angemahnt, dass das so nicht geht, dass wir Epidemiologen bitte nachberufen müssen in die Kommission, und das wurde dann verneint. An der Stelle kommen mir dann doch erhebliche Zweifel.«

Zudem sei die erwartete Arbeit einschließlich Literaturrecherche für die vielen ehrenamtlich arbeitenden Experten gar nicht zu schaffen. Was von dem Gremium verlangt werde, sei eine »Herkules-Aufgabe«. »Es läuft ein Wissenschaftsprozess international, um diese Dinge zu evaluieren, der ist nur leider etwas langsamer, als die Politik sich das wünscht von diesem Gremium«, sagte Drosten. »Man muss sich schon die Frage stellen, ob man hier etwas künstlich beschleunigen will und kann, was die Gesamtheit der Wissenschaft leisten wird.«

Geimpfte müssen in Kontakt mit Coronavirus kommen

Auf die Frage, ob Deutschland derzeit eine Durchseuchung erlebe, erwiderte Drosten, es handele sich aufgrund der Impfungen vielmehr um »eine Welle von Nachinfektionen auf dem Boden einer Immunisierung der Bevölkerung durch die Impfung«. Auch die allerneusten Daten hätten gezeigt, dass es die richtige Entscheidung gewesen sei, möglichst die gesamte Bevölkerung impfen zu wollen. »Die Belastbarkeit, die Tragfähigkeit, aber auch die Breite des Immunschutzes ist einfach besser, wenn man geimpft ist und sich dann die Infektion holt, als wenn man sich einfach nur natürlich infiziert.« Wer anders argumentiere, kenne die Daten nicht.

Die politische Entscheidung, Maßnahmen weitgehend fallen zu lassen, sieht der Virologe demnach sowohl positiv als auch negativ. So hält er es zum einen für wichtig, dass die Menschen, nachdem sie geimpft sind, jetzt auch in Kontakt mit dem Virus kommen . »Sonst wird die Bevölkerung auf Dauer nicht eine natürliche Immunität aufbauen.« Es gebe aber auch Mitglieder in unserer Gesellschaft, die sich nicht selbst schützen könnten und die wir jetzt weiter schützen müssten.

Die relativ neu entdeckten Omikron-Untervarianten BA.4 und BA.5 dürften nach Drostens Einschätzung in Deutschland vorerst nicht zu einem großen Problem werden. Er begründete dies mit den bisherigen Wellen durch die Omikron-Subtypen BA.1 und BA.2 hierzulande:  »Wir hatten ja BA.1 und BA.2 separat, sodass ich nicht glaube, dass wir hier bei uns noch mal ein großes Problem mit BA.4 und BA.5 bekommen werden.« Mit dem Sommer komme der Temperatureffekt hinzu, der das Infektionsgeschehen dämpfe. »Ich erwarte schon, dass BA.4/5 auch zahlenmäßig zunehmen werden, aber innerhalb von einer Gesamtzahl, die sehr niedrig ist.«

In Deutschland ist nach Daten des Robert Koch-Instituts (RKI) mittlerweile BA.2 klar vorherrschend. Weitere Varianten werden sehr selten gefunden, allerdings werden auch nicht alle positiven Proben dahingehend untersucht.

hei/dpa