Weniger Ansteckungen Ärzte sehen Ende der ersten Schweinegrippe-Welle

Es gibt erste Anzeichen dafür, dass der Scheitelpunkt der ersten Schweinegrippe-Welle erreicht ist. Nach SPIEGEL-Informationen wollen die Bundesländer beim Pharmakonzern GlaxoSmithKline nun ausloten, ob sie wirklich alle Impfstoffdosen abnehmen müssen.
Impfung (in Düsseldorf, 3. November): "Vermutlich ist die große Infektionswelle vorbei"

Impfung (in Düsseldorf, 3. November): "Vermutlich ist die große Infektionswelle vorbei"

Foto: A2902 Achim Scheidemann/ dpa

Berlin - In Bayern, wo die aktuelle Schweinegrippe-Welle ihren Anfang nahm, geht die Zahl der Patienten, die wegen akuter Atemwegserkrankungen zum Arzt gehen, schon seit zwei Wochen zurück. "Das ist ein zarter Trend", sagt die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts, Susanne Glasmacher, dem SPIEGEL.

Inzwischen scheint sich die Lage aber auch in den nördlichen Ländern zu entspannen. Die pflegerische Leiterin der Notfallambulanz am Altonaer Kinderkrankenhaus in Hamburg, Doris Schrage, sagt: "Vermutlich ist die große Infektionswelle schon vorbei." Die Ruhe nach dem ersten Sturm genießen auch die Mitarbeiter im hannoverschen Kinderkrankenhaus auf der Bult. "Wir wissen nur noch nicht, ob es das wirklich schon war", sagt Chefarzt Thorsten Wygold dem SPIEGEL. Der Kinderarzt Heiko Krude am Berliner Virchow-Klinikum glaubt, dass die Mediziner das Seuchengeschehen im Griff haben. "Die Symptome sind weitgehend mild, wir haben keine Knappheit bei Intensivbetten oder Beatmungsgeräten."

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hatte am Donnerstag Berichte verfrüht genannt, nach denen die Grippewelle etwa in den USA bereits ihren Höhepunkt erreicht habe. Es sei nicht ungewöhnlich, dass nach einer ersten Welle die Zahl der Ansteckungen zurückgehe, erläuterte der WHO-Sonderberater für Grippepandemien, Keiji Fukuda. Dies liege auch daran, dass nach einem ersten Höhepunkt immer mehr Menschen immun würden. "Noch immer aber ist die Aktivität in Ländern der nördlichen Hemisphäre sehr groß", sagte der WHO-Experte. "Wir werden zumindest noch einige Wochen eine anhaltende Aktivität erleben."

Bis zu 4,8 Millionen Deutsche, darunter Risikogruppen und Mitarbeiter des Gesundheitswesens, sind inzwischen gegen die Schweinegrippe geimpft. Nach Angaben der Herstellerfirma GlaxoSmithKline (GSK) sind bisher rund 9,6 Millionen Impfdosen von den Bundesländern abgeholt worden. Dies sei mehr, als das Unternehmen vor zwei Wochen Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) zugesagt habe. Dort war von 9,3 Millionen Impfdosen bis Ende November die Rede.

Verzögerungen bei der Impfstoffproduktion

Der Impfstoff sei nicht knapp. "Ein möglicherweise lokal gefühlter Engpass hat nichts mit den von uns gelieferten Mengen und unserer Produktion zu tun", sagte Rösler. Gleichzeitig kündigte GSK an, bei der Auslieferung des Impfstoffs Pandemrix werde es in der kommenden Woche zu Verzögerungen kommen. Drei Chargen des Impfstoffs seien verspätet in die Qualitätssicherung gekommen. Sie könnten deshalb nicht wie vorgesehen ausgeliefert werden.

Das Unternehmen habe den Bundesländern am Freitag angekündigt, in der Woche vom 30. November bis zum 6. Dezember nur 1,5 Millionen Dosen auf Deutschland verteilen zu können. GSK gehe aber davon aus, dass die Verzögerung keine Auswirkung auf die Versorgung mit Pandemrix in Deutschland haben werde. Den Rückstand will der Hersteller in den kommenden Wochen ausgleichen und den Bundesländern bis zum Jahresende wie geplant mindestens 20 Millionen Dosen zur Verfügung stellen.

Dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen waren bis zum 19. November insgesamt 451 Verdachtsfälle von Impfreaktionen gemeldet worden, darunter 10 Todesfälle. Bei keinem Todesfall gebe es jedoch einen Hinweis, dass der Impfstoff die Ursache war. Ein Präparat für die Risikogruppe der Schwangeren soll in der kommenden Woche zugelassen werden.

Am Dienstag wollen die Landesgesundheitsministerien nach SPIEGEL-Informationen beraten, wie dringend sie der gesunden Bevölkerung die Impfspritze empfehlen wollen. Insbesondere soll es um die Frage von Massenimpfungen in Betrieben gehen. Schon jetzt rechnen die Länder damit, auf einem erheblichen Teil der 50 Millionen Impfdosen sitzen zu bleiben. "Wir wollen jetzt beim Hersteller GlaxoSmithKline ausloten, ob wir wirklich alle Dosen abnehmen müssen", sagt ein mit den Vertragsverhandlungen vertrauter Ministerialer dem SPIEGEL. Auch hätten ein halbes Dutzend Staaten, darunter die Ukraine, Interesse am deutschen Impfstoff angemeldet.

chs/dpa
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