Corona-Antikörper WHO bremst Hoffnung auf Herdenimmunität

Haben sich mittlerweile unbemerkt so viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert, dass die Pandemie von selbst zum Erliegen kommt? Die Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation ist eindeutig.
Laut ersten Ergebnissen aus Antikörpertests haben sich nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung infiziert

Laut ersten Ergebnissen aus Antikörpertests haben sich nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung infiziert

Foto: ArtBalitskiy/ iStockphoto/ Getty Images

Wahrscheinlich sind deutlich weniger Menschen weltweit gegen das Coronavirus immun als gehofft, teilt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mit. Laut ersten Studienergebnissen tragen im Schnitt nur zwei bis drei Prozent der Bevölkerung Antikörper gegen das Virus in sich. Das heißt, dass sich bisher wahrscheinlich nur ein Bruchteil der Bevölkerung mit dem Virus infiziert hat. Die Zahlen dämpfen die Hoffnung, eine rasche Herdenimmunität könnte in absehbarer Zeit zu Lockerungen der weltweiten Corona-Beschränkungen führen.

Da eine Infektion mit dem Coronavirus häufig mild verläuft, könnten sich viele Menschen angesteckt haben, ohne es zu merken. Wie hoch diese Dunkelziffer ist, lässt sich jedoch nur schwer abschätzen. Die WHO warnt deshalb vor trügerischer Sicherheit. "Die Rücknahme von Restriktionen bedeutet für kein Land das Ende der Epidemie", sagte der Generaldirektor der WHO, Tedros Adhanom Ghebreyesus.

Experten gehen davon, dass die Pandemie von selbst endet, sobald sich 60 bis 70 Prozent der Menschen mit dem Virus angesteckt haben. Vorausgesetzt, sie sind danach immun gegen eine erneute Infektion. In mehreren Ländern laufen Tests auf Antikörper, die zeigen sollen, wie viele Menschen immun sein könnten. "Die ersten Daten sprechen dafür, dass der Anteil noch sehr gering ist", sagte Tedros Adhanom Ghebreyesus. "Nicht mehr als zwei bis drei Prozent." Selbst WHO-Experten hatten mit einem höheren Anteil gerechnet.

Auch erste Ergebnisse von Antikörpertests aus Deutschland zeigen, dass eine Herdenimmunität hierzulande offenbar noch lange nicht erreicht ist. "Wir sehen in den Ergebnissen unserer Antikörpertests bisher, dass etwa 3,4 Prozent der Blutproben positiv oder grenzwertig auf Antikörper gegen Covid-19 getestet wurden", sagte Thomas Fenner, Leiter des Labors Dr. Fenner & Kollegen in Hamburg. "Hochgerechnet auf die Spezifität entspricht das einer Durchseuchung von etwa 1,9 Prozent." (Mehr dazu lesen Sie hier.)

Ohne Impfstoff keine Normalität

Auch in den Niederlanden enthielten nur drei Prozent von 7000 Proben von Blutspendern Antikörper gegen das Coronavirus. Andere Untersuchungen kommen jedoch auf höhere Werte.

Laut vorläufigen Ergebnissen aus Kalifornien könnten sich in Santa Clara zwischen 50- und 85-mal mehr Menschen mit dem Coronavirus infiziert haben, berichtete der "Guardian" . In der besonders vom Coronavirus betroffenen Region Gangelt in NRW haben sich laut ersten Studienergebnissen 15 Prozent der Probanden infiziert. Die Ergebnisse sind jedoch nicht für ganz Deutschland repräsentativ.

Einen Teil der Abweichungen könnte sich dadurch erklären lassen, dass die Durchseuchung in besonders betroffenen Gebieten höher ist als in anderen. Maria van Kerkhove, eine der führenden Wissenschaftlerinnen bei der WHO, betonte zudem, viele der Ergebnisse seien vorläufig und bisher nicht begutachtet worden. "Es ist sehr wichtig zu verstehen, wie diese Studien gemacht wurden", sagte van Kerkhove. Wurden die Testpersonen zufällig ausgewählt? Wurden die Tests richtig durchgeführt und wie zuverlässig sind sie?

Im Regelfall dürfen Hersteller von Antikörpertests ihre Produkte selbst prüfen, ehe sie auf den Markt kommen. Eine unabhängige Validierung ist auch in Europa nicht verpflichtend. Die WHO hat deshalb ein Programm gestartet, bei dem Hersteller ihre Tests freiwillig unabhängig testen lassen können.

"Wir arbeiten mit mehreren Ländern zusammen, die Antikörpertests durchführen", sagte van Kerkhove. Die von der WHO unterstützten Analysen basierten auf robusten Methoden und validierten Testverfahren.

Der Virologe Hendrick Streeck, der die Untersuchungen in Gangelt leitet, sagte zu, sich an die Studienvorgaben der WHO zu halten, nachdem es kritische Nachfragen zu den Testergebnissen gegeben hatte. Das Robert Koch-Institut hat für die kommenden Wochen ebenfalls mehrere Tests auf Antikörper angekündigt.

Unklar ist jedoch, ob Corona-Patienten nach einer überstandenen Infektion tatsächlich immun sind. Sie bilden zwar nachweislich Antikörper, doch wie lang diese wirksam sind, lässt sich schwer abschätzen. Bei verwandten Viren hält eine Immunität mehrere Monate. Ob das auch für das aktuelle Coronavirus gilt, ist unklar. Dafür ist es noch nicht lange genug bekannt.

Zudem gab es Meldungen von Corona-Patienten, die nach kurzer Zeit erneut positiv auf das Coronavirus getestet wurden. Wahrscheinlich waren die erneuten Tests fehlerhaft oder wurden zu früh durchgeführt. Mit absoluter Sicherheit lässt sich das jedoch nicht sagen.

Auch der RKI-Vizepräsident, Lars Schaade, machte zuletzt wenig Hoffnung auf eine rasche und gezielte Durchseuchung der Bevölkerung. Wenn das Gesundheitssystem nicht überlastet werden soll - und das ist derzeit das Hauptziel -, würde dieser Prozess sehr lange dauern, wahrscheinlich mehrere Jahre. Laut RKI haben sich nachweislich 143.457 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. Selbst wenn die wahre Zahl fünfmal höher liegen würde, wären weniger als ein Prozent der Menschen in Deutschland potenziell immun.

Eine Rückkehr zum normalen Leben halten sowohl das RKI als auch die WHO erst für möglich, wenn ein Impfstoff  oder zuverlässig wirksame Medikamente gegen das Coronavirus verfügbar sind.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Textes konnte der Eindruck entstehen, dass nur zwei bis drei Prozent der Corona-Infizierten Antikörper entwickeln. Richtig ist, dass sich wahrscheinlich nur zwei bis drei Prozent mit dem Coronavirus infiziert haben. Wir haben die Stelle entsprechend präzisiert.

koe