Blinde heilen »Dahinter steckt null Wunder, sondern pure Technologie«

Botond Roska gilt als Revolutionär der Augenheilkunde und hat hoch dotierte Preise bekommen. Im Interview erzählt er, wie er helfen will, Blinde zu heilen.
Ein Interview von Julia Köppe
Etwa 2,2 Milliarden Menschen weltweit haben Sehstörungen, schätzt die Weltgesundheitsorganisation

Etwa 2,2 Milliarden Menschen weltweit haben Sehstörungen, schätzt die Weltgesundheitsorganisation

Foto: Karen Mathews / EyeEm / Getty Images

»Da brachte man einen Blinden zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. Er nahm den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, bestrich seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: Siehst du etwas? Der Mann blickte auf und sagte: Ich sehe Menschen; denn ich sehe etwas, das wie Bäume aussieht und umhergeht. Da legte er ihm nochmals die Hände auf die Augen; nun sah der Mann deutlich. Er war geheilt und konnte alles ganz genau sehen« (Evangelium nach Markus, Kapitel 8).

SPIEGEL-Serie über Wunder und die Chance, dass sie eines Tages wahr werden
Foto:

Jonas Hoffmann / EyeEm / Getty Images

»Der Glaube an Wunder verliert gegenüber dem Fortschritt der Wissenschaft immer mehr Boden, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis er ganz verschwunden ist«, sagte einst der berühmte Physiker Max Planck. Hat er recht? Was Forschende über Wunder sagen – und welche biblischen Verheißungen wahr werden könnten. Hier können Sie alle Teile der SPIEGEL-Serie lesen:

Teil 1: Schöpfung

Teil 2: Blinde sehend machen

Teil 3: Sättigung der Welt

Teil 4: Ewig Leben

SPIEGEL: Herr Roska, in der Bibel kann Jesus Blinde mit der Kraft seiner Hände heilen. Gibt es nur die kleinste Chance, dass so etwas jemals Realität werden könnte?

Roska: Natürlich werden wir keinen Jesus Christus haben, sondern einen Chirurgen, der etwas in das Auge des Erblindeten injiziert. Aber ansonsten kommen wir der Wiederherstellung einer gewissen visuellen Funktion immer näher. Das ist möglich, weil wir immer besser verstehen, wie das Sehen funktioniert. Und weil wir dieses Wissen technologisch nutzen.

Zur Person: Botond Roska
Botond Roska

Botond Roska

Foto:

Friedrun Reinhold

Botond Roska, geboren 1969 in Ungarn. Roska wollte eigentlich Musiker werden, musste seine Karriere als Cellist nach einem Unfall jedoch vorzeitig beenden. Daraufhin studierte Roska Medizin sowie Mathematik und forschte an den US-Eliteuniversitäten Berkeley und Harvard.

Seit 2017 ist er Gründungsdirektor des Instituts für Molekulare und Klinische Ophthalmologie Basel (IOB, Schweiz). 2020 bekam Roska den mit einer Million Euro dotierten Körber-Preis, weil er die Augenheilkunde revolutioniert habe. Außerdem erhielt Roska unter anderem den Greenberg-Preis, den Louis-Jeantet-Preis sowie den Cloëtta-Preis. In seiner Freizeit löst Roska gern mathematische Probleme, aber nur vormittags.

SPIEGEL: Wie arbeitet die Netzhaut?

Roska: Viele glauben, die Netzhaut funktioniere wie ein Bildschirm. Doch das ist ein Irrtum. Die Netzhaut nimmt ein Bild auf und erzeugt dann bis zu 40 verschiedene Versionen davon. Das kann man sich in etwa wie bei dem Bildbearbeitungsprogramm Photoshop vorstellen, bei dem man von einem Bild Dutzende Ebenen erstellen kann. Jede einzelne Ebene nimmt etwas anderes in den Fokus, den Umriss, die Farbe, die Bewegung. Die Netzhaut reduziert die Informationen auf das Wesentliche und leitet sie an das Gehirn weiter, wie ein Computer im Auge.

SPIEGEL: Klingt komplex.

Roska: Ist es auch. Wir haben die Genexpression in etwa hundert Zelltypen analysiert und konnten Netzhauterkrankungen auf einzelne Zelltypen zurückführen. Das Gehirn kann visuelle Reize ganz unterschiedlich verarbeiten. Die Netzhaut funktioniert dagegen bei jedem Menschen in etwa gleich. Deshalb glauben wir, dass Therapien dort erfolgreich sein können.  

»Bei den eigentlich degenerierten Zellen der Netzhaut treten Nervenimpulse auf.«

SPIEGEL: Ihrem Wissenschaftsteam ist es gelungen, einzelne, blinde Zellen der Netzhaut wieder sensibel für Licht zu machen . Allein das könnte einem schon wie ein Wunder erscheinen.

Roska: (lacht) Dahinter steckt null Wunder, sondern pure Technologie. Wir haben ein Gen, das beispielsweise bei Algen vorkommt, in die Zellen geschleust. Das Gen codiert lichtempfindliche Eiweiße. Trifft nun Licht auf die Zellen, reagieren die Eiweiße darauf – in den Zellen der bislang blinden Netzhaut treten Nervenimpulse auf.

SPIEGEL: Die Zellen funktionierten wieder?

Roska: Wir hoffen, dass dies eines Tages bei Menschen gelingen wird, bei denen die Netzhaut beschädigt ist. Bislang konnten wir zumindest bei blinden Mäusen ein visuelles Verhalten zeigen. Durch eine Therapie könnten blinde Menschen hoffentlich zukünftig wieder Objekte erkennen.

SPIEGEL: Nicht nur in der Bibel ist die Heilung von Blinden ein zentrales Motiv. Auch im Märchen werden Blinde wie durch Zauberhand wieder gesund. Warum spielt der Sehsinn eine so zentrale Rolle?

Roska: Im Laufe der Evolution hat das Sehvermögen bei Menschen und Primaten einen Großteil der Hirnleistung übernommen. Wenn ich in diesem Moment Ihre Nervenaktivität untersuchen würde, könnte ich von der Hälfte Ihrer Großhirnrinde visuelle Signale empfangen. Menschen und Primaten sind also extrem visuell. Beim Menschen hat die Bedeutung des Sehens durch die soziale Evolution noch weiter zugenommen. Wir kommunizieren zunehmend über Smartphones, das Internet, verbringen viel Zeit vor Bildschirmen. Wenn jemand mit der Diagnose konfrontiert ist, möglicherweise zu erblinden, assoziieren das viele mit dem Verlust sozialer Kontakte.

SPIEGEL: Ihrem Forschungsteam ist ein weiterer wissenschaftlicher Durchbruch gelungen: Sie haben erstmals eine funktionelle künstliche Netzhaut in der Petrischale  gezüchtet. Wie kann das Erblindeten helfen?

Roska: Die menschliche Netzhaut zu erforschen, ist schwer, weil sie ja in Ihrem Auge steckt. Wir können nun aus Hautzellen eines Menschen eine Mini-Netzhaut züchten, die ähnlich funktioniert wie die echte. Hat der Mensch einen Gendefekt, der sich auf die Netzhaut auswirkt, ist das in der Hautzelle gespeichert. Der Defekt würde sich dadurch auch bei der aus der Hautzelle gezüchteten Mini-Netzhaut bemerkbar machen. An den künstlichen Netzhäuten können wir dann mögliche Therapien testen.

SPIEGEL: Wie weit ist es dann noch, bis Erblindete wieder sehen können?

Roska: Das kommt darauf an, was wir unter Sehen verstehen: Umrisse erkennen, Schatten wahrnehmen oder den SPIEGEL lesen? Wir hoffen, dass unsere aktuellen Technologien der Netzhaut helfen können, wieder Signale an das Gehirn zu senden. Was das Gehirn daraus macht, werden wir in den klinischen Studien erfahren.

SPIEGEL: Ein von Ihnen mit entwickelter Therapieansatz wird bereits an fünf Menschen mit Retinitis pigmentosa getestet – eine Krankheit, bei der die lichtempfindlichen Fotorezeptoren der Netzhaut absterben. Die Krankheit gilt als unheilbar, im schlimmsten führt sie zur vollständigen Erblindung. Wie wollen Sie den Betroffenen helfen?

Roska: Wir bauen lichtempfindliche Eiweißkanäle, die bei Algen vorkommen, in noch intakte Zellen der Netzhaut ein. Diese Zellen übernehmen die Aufgabe der Fotorezeptoren. Im besten Fall könnten die Probanden dann zumindest Objekte wieder sehen. Über Ergebnisse kann ich jedoch noch nicht sprechen, wir werden die Studie erst bei einem Fachblatt einreichen und die Kritik von unseren Kollegen abwarten. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir in fünf bis zehn Jahren wissen werden, welche Therapien bei welchen Krankheiten angewandt werden könnten.  

SPIEGEL: Glauben Sie an Wunder?

Roska: Ich bin nicht religiös, aber wenn wir Wunder als etwas betrachten, das wir nicht erklären können, dann gibt es noch sehr viele Wunder. Nehmen wir einen Gedanken. Niemand kann erklären, woher er kommt. Wenn ich Sie jetzt frage: Können Sie sich ihre Mutter vorstellen? Haben Sie sofort ein Bild im Kopf. Wir haben jedoch keine Ahnung, wo es gespeichert ist. Wir sind erst dabei, unser Gehirn zu verstehen. Bei einigen Phänomenen wird es viel Zeit brauchen, bis wir sie erklären können. Wahrscheinlich wird es nie den Moment geben, ab dem wir alles verstehen. Aber ich bin mir sicher, dass es für alles eine wissenschaftliche Erklärung gibt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.