Windrad-Syndrom Krank aus Angst vor Infraschall

Glaubt man einigen Ärzten, hat der von Windrädern verursachte Infraschall eine verheerende Wirkung auf die Gesundheit. Wissenschaftlich ist das nicht belegt - und kaum zu erklären. Eine neuseeländische Studie bietet nun eine andere These: Der Nocebo-Effekt könnte hinter dem Leiden der Betroffenen stecken.
Windkraftanlagen bei Husum (Archivbild): Infraschallquellen

Windkraftanlagen bei Husum (Archivbild): Infraschallquellen

Foto: Christian Charisius/ dpa

Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen, Gedächtnisprobleme, Schwindel, Übelkeit: Das sind nur einige Symptome, über die manche Anwohner klagen, die in der Nähe von Windparks leben. Es bezweifelt zwar niemand, dass die Geräusche der Windräder nerven können. Aber wie sollen sie eine derartige Symptomkette auslösen?

Advokaten des sogenannten Wind Turbine Syndrome (WTS) haben eine Vorstellung, was genau die Leiden verursacht: "Pulsierender Infraschall, der schnelle Druckveränderungen auslöst, die man fühlt, anstatt sie zu hören und die extrem schwer zu messen sind", so beschreibt es etwa die Kinderärztin Nina Pierpoint, die ein Buch über die vermeintliche Epidemie veröffentlicht hat.

Allerdings sind Windkraftanlagen bei weitem nicht das Einzige, das Infraschall produziert. An den Strand brandende Wellen sind beispielsweise auch eine Infraschallquelle, ohne dass sie für zahlreiche gesundheitliche Leiden verantwortlich gemacht werden. Auch beim Autofahren sind Menschen beträchtlichen Mengen an Infraschall ausgesetzt. Wissenschaftliche Belege für die Verquickung von Windrad-Infraschall und Krankheit fehlen.

Löst die Sorge um mögliche Symptome eben diese aus?

Keith Petrie und seine Kollegen von der University of Auckland in Neuseeland haben dem Phänomen nun eine Studie gewidmet. Die Forscher testeten allerdings eine These, die manchem Windradgegner gar nicht gefallen dürfte: Befördert vielleicht die Sorge, dass Infraschall der Gesundheit schadet, eben jene Symptome, die mit dem Windrad-Syndrom verknüpft werden? Verantwortlich wäre dann nicht der Infraschall, sondern vielmehr der Nocebo-Effekt, das Gegenteil des bekannteren Placebo-Effekts. Er kann durch die Sorge um eintretende Nebenwirkungen bei einer Behandlung eben diese verschlimmern. Oder auch dafür sorgen, dass ein Schmerzmittel kaum Wirkung zeigt.

Der Nocebo-Effekt spielt wahrscheinlich auch bei einem seit langem umstrittenen Leiden eine Rolle: der Elektrosensibilität. In einer früheren Studie  reagieren Betroffene mit Kopfschmerz und anderen Symptomen, sobald ihnen gesagt wurde, dass ein Handysender aktiv sei. Selbst wenn dieser in Wirklichkeit ausgeschaltet war, stellten sich die Leiden bei den Betroffen oft ein.

Für ihren Versuch zum Infraschall baten die Neuseeländer Forscher nun 54 Studenten ins Labor. Eine Gruppe sah zu Beginn des Versuchs ein Video zum Windrad-Syndrom, in dem unter anderem Betroffene ihre Leiden schilderten. Die andere Gruppe sah stattdessen einen Bericht, in dem Wissenschaftler erklärten, warum Infraschall solche Symptome nicht auslösen sollte.

Anschließend wurden alle Teilnehmer zweimal Infraschall ausgesetzt - zumindest glaubten sie das. Tatsächlich saß nur jeweils die Hälfte in einem Raum, der zehn Minuten mit Infraschall beschallt wurde. Die anderen Teilnehmer bekamen über den gleichen Zeitraum Placebo-Infraschall, auch bekannt als Stille.

Möglicher Schritt zur Heilung: weniger Panikmache

Das Ergebnis: Die Probanden, die aufgrund des Videoclips störende Symptome erwarteten, erlebten diese auch häufiger und schwerer. Und zwar unabhängig davon, ob sie Infraschall oder Stille ausgesetzt waren.

Die Forscher schreiben zwar selbst im Fachmagazin "Health Psychology" , dass ihr Versuchsaufbau nicht direkt mit der Infraschalleinwirkung von Windrädern vergleichbar ist. Aber der Versuch demonstriere, welchen Einfluss negative Erwartungen darauf haben können, wie Menschen ihre eigene Gesundheit wahrnehmen.

Ziel der Studie sei es, den richtigen Hebel zu finden, um Betroffenen zu helfen. "Wenn die Erwartungshaltung, dass die Symptome eintreten, der Kern des Problems ist, werden momentan angedachte Maßnahmen, wie etwa ein größerer Mindestabstand zwischen Windrädern und Wohnhäusern, kaum etwas nutzen", erklärt Keith Petrie. Bessere Information, dass es bisher überhaupt keine wissenschaftlichen Belege dafür gibt, dass Infraschall Gesundheitsprobleme auslöst - und weniger Panikmache: Das könnten wichtige Schritte zur Heilung sein.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.