Wirkungslos gegen HIV US-Behörde bricht Vaginalgel-Studie ab

Ein Vaginalgel sollte Frauen vor einer HIV-Infektion bewahren. Doch nun haben Mediziner ihre Forschung mit dem chemischen Kondom abgebrochen: Trotz einer vielversprechenden Pilotstudie hat sich das Mittel jetzt als wirkungslos erwiesen.

Kondome: Bisher bester Schutz vor HIV-Infektion
REUTERS

Kondome: Bisher bester Schutz vor HIV-Infektion


New York/Washington - Kann ein Gel Frauen vor einer HIV-Infektion bewahren? In einer Pilotstudie hatte ein entsprechendes Mittel überraschend erfolgreich abgeschnitten. Das Gel wird vor dem Sex in die Scheide eingeführt. Der Erfolg der Pilotstudie schien beachtlich, die Untersuchung landete seinerzeit prompt im Wissenschaftsjournal "Science".

Doch nun hat sich das vielversprechende Mittal nach Angaben der US-Gesundheitsbehörde NIH offenbar doch als wirkungslos erwiesen. Die Behörde habe beschlossen, die Studie mit dem "chemischen Kondom" abzubrechen, teilte sie am Montagabend in Bethesda bei Washington mit. Der Hauptgeldgeber der Untersuchung, das NIH-Institut für Allergien und Infektionskrankheiten (NIAID), befürworte den Stopp.

Vergangenes Jahr noch hatte der Direktor der WHO-Aids-Abteilung, Gottfried Hirnschall, in Wien das Präparat als Erfolg gefeiert: "Es ist das erste Mal, dass wir ein Verhütungsmittel haben, das Frauen von sich aus steuern können." Im südlichen Afrika, das besonders schwer von der Aids-Epidemie betroffen ist, können Frauen den Gebrauch von Kondomen oft nicht durchsetzen. Die Folge: Rund 60 Prozent der neu Infizierten in dieser Region sind Frauen; ungeschützter Geschlechtsverkehr ist dabei einer der häufigsten Übertragungswege für das HI-Virus.

Nach den neuesten Ergebnissen stellt sich nun die Frage, warum das Gel mit dem Wirkstoff Tenofovir nach anfänglich positiven Ergebnissen am Ende so enttäuschend abschnitt. In der südafrikanischen Pilotstudie war das Ansteckungsrisiko mit HIV dadurch um knapp 40 Prozent gesunken: Die Studienteilnehmerinnen waren in zwei etwa gleich große Gruppen eingeteilt worden. Die eine bekam das Gel mit Tenofovir, die andere ein Placebo-Gel ohne Wirkstoff. Alle Frauen wurden intensiv über den Schutz vor Aids und anderen Geschlechtskrankheiten beraten, bekamen Kondome, wurden regelmäßig untersucht und wenn nötig behandelt.

Nach 30 Monaten hatten sich in der Wirkstoffgruppe 38 Frauen mit HIV infiziert, in der Placebogruppe 60. Umgerechnet auf die Teilnahmedauer der Probandinnen ergaben sich 5,6 HIV-Infektionen pro 100 Teilnahmejahre in der Wirkstoffgruppe und 9,1 in der Placebogruppe. Das Gel hat die Infektionshäufigkeit demnach um 39 Prozent gesenkt. In der Untergruppe derjenigen Frauen, die das Gel besonders häufig angewendet hatten - bei mindestens 80 Prozent aller sexuellen Kontakte -, lag die Infektionshäufigkeit in der Wirkstoffgruppe sogar um 54 Prozent niedriger.

Die jüngsten Daten der neuen Studie ergaben jedoch, dass sich etwa sechs Prozent der Gel-Benutzerinnen trotz Schutz beim Sex mit dem Aidserreger HIV ansteckten. Diese Zahl war identisch mit dem sechsprozentigen Infektionsrisiko von Frauen in einer Vergleichsgruppe, die statt des Tenofovir-Gels ein wirkungsloses Placebo anwandten.

cib/dpa



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vogelskipper 29.11.2011
1. Wo war das?
Mich als Leser würde ja interessieren, wo diese Studie mit welchen Frauen durchgeführt wurde? Das war sicher in einem afrikanischen Land, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass so eine Studie in einem Industrieland durchgeführt werden könnte! Interessiert so etwas den Schreiber nicht?
ColynCF 29.11.2011
2. Mist
Wieder nix :(( Man wird diesen Mistvirus doch irgendwann noch mal klein kriegen...
kumi-ori 29.11.2011
3. verantwortungsloses Vorgehen
Normalerweise werden zur HIV-Bekämpfung drei verschiedene Substanzen eingesetzt. Die breite, prophylaktische Verwendung eines einzigen Präparates halte ich für unverantwortlich. Insbesondere die T-Analogen NRTIs sind es, die am schnellsten unwirksam werden. Auf diese Weise werden Resistenzen gezüchtet, die die ganze T-analoge Gruppe abschießen, so dass bei einem späteren Therapieversuch das TDF die C-analogen und den PI nicht mehr vor Resistenzbildung schützen können.
interstitial 29.11.2011
4. Genau!
Zitat von vogelskipperMich als Leser würde ja interessieren, wo diese Studie mit welchen Frauen durchgeführt wurde? Das war sicher in einem afrikanischen Land, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass so eine Studie in einem Industrieland durchgeführt werden könnte! Interessiert so etwas den Schreiber nicht?
Das hab ich mir auch gedacht. Aber es steht sogar im Artikel: Eine US-Behörde hat die Studie in Südafrika durchführen lassen. GEHT´S NOCH?? Ich finde das "experimental setup" einigermaßen schockierend zynisch und skandalös: Hier wurden offenbar 98 HIV-Neuinfektionen im direkten Zusammenhang mit der Studie billigend in Kauf genommen, das muss man sich mal vorstellen! Nie im Leben, nie, nie mals hätte man sowas z.B. in den USA Europa auch nur denken können, nichtmal mit aufgeklärten und freiwilligen Probanden, wie widerlich ist das denn? Ohne Erkrankungen in der Kontrollgruppe hätte es nämlich keine Aussage geben können. Das heißt, dass zumindest den mehr erkrankten eine vermutete (sonst kein Geld für Studie) wenigstens teilweise wirksame Prävention systematisch vorenthalten wurde, um zu zeigen, dass die Wirksamkeit statistisch signifikant sein könnte. Und da ist der Punkt, an dem es mir schwindelt. --> http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,707443,00.html "Wissenschaftler um Quarraisha Abdool Karim vom südafrikanischen Aids-Forschungszentrum Caprisa hatten das Scheidengel getestet, das zu einem Prozent das Medikament Tenofovir enthält." "Die Studienteilnehmerinnen waren in zwei etwa gleich große Gruppen eingeteilt worden. Die eine bekam das Gel mit Tenofovir, die andere ein Placebo-Gel ohne Wirkstoff. Alle Frauen wurden intensiv über den Schutz vor Aids und anderen Geschlechtskrankheiten beraten, bekamen Kondome, wurden regelmäßig untersucht und wenn nötig behandelt. Die von den Regierungen der USA und Südafrikas finanzierte Studie sei nach den international höchsten ethischen Maßstäben gestaltet worden, betonen die Autoren." Genau! Behandelt wurden die sogar? Na dann ist ja prima, wenn man´s behandelt ist HIV ja schließlich nicht der Rede wert, v.a. in Südafrika...Hallo? AIDS ist nicht heilbar, oder hab ich da was in den falschen Hals gekriegt? Und, bevors doch wieder kommt: Nein, das Argument "Die hätten sich doch eh angesteckt, und so kann wenigstens vielen anderen geholfen werden" akzeptiere ich in diesem Zusammenhang nicht. Utilitarismus hat philosophisch schon lange ausgedient, weil er die von ihm produzierten Widersprüche nicht lösen kann. Mir schwindelt. http://www.sciencemag.org/content/329/5996/1168.abstract Tefonovir wird übrigens von der Firma Gilead produziert "Gilead Sciences ist ein Pharmazie- und Biotechnologieunternehmen aus den Vereinigten Staaten mit Firmensitz in Foster City, Kalifornien" --> http://de.wikipedia.org/wiki/Gilead_Sciences Excusez moi, ich geh mal eben brechen...
deepocean 29.11.2011
5. berechtigte Entrüstung....
Zitat von interstitialDas hab ich mir auch gedacht. Aber es steht sogar im Artikel: Eine US-Behörde hat die Studie in Südafrika durchführen lassen. GEHT´S NOCH?? Ich finde das "experimental setup" einigermaßen schockierend zynisch und skandalös: Hier wurden offenbar 98 HIV-Neuinfektionen im direkten Zusammenhang mit der Studie billigend in Kauf genommen, das muss man sich mal vorstellen! Nie im Leben, nie, nie mals hätte man sowas z.B. in den USA Europa auch nur denken können, nichtmal mit aufgeklärten und freiwilligen Probanden, wie widerlich ist das denn? Ohne Erkrankungen in der Kontrollgruppe hätte es nämlich keine Aussage geben können. Das heißt, dass zumindest den mehr erkrankten eine vermutete (sonst kein Geld für Studie) wenigstens teilweise wirksame Prävention systematisch vorenthalten wurde, um zu zeigen, dass die Wirksamkeit statistisch signifikant sein könnte. Und da ist der Punkt, an dem es mir schwindelt. --> http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,707443,00.html "Wissenschaftler um Quarraisha Abdool Karim vom südafrikanischen Aids-Forschungszentrum Caprisa hatten das Scheidengel getestet, das zu einem Prozent das Medikament Tenofovir enthält." "Die Studienteilnehmerinnen waren in zwei etwa gleich große Gruppen eingeteilt worden. Die eine bekam das Gel mit Tenofovir, die andere ein Placebo-Gel ohne Wirkstoff. Alle Frauen wurden intensiv über den Schutz vor Aids und anderen Geschlechtskrankheiten beraten, bekamen Kondome, wurden regelmäßig untersucht und wenn nötig behandelt. Die von den Regierungen der USA und Südafrikas finanzierte Studie sei nach den international höchsten ethischen Maßstäben gestaltet worden, betonen die Autoren." Genau! Behandelt wurden die sogar? Na dann ist ja prima, wenn man´s behandelt ist HIV ja schließlich nicht der Rede wert, v.a. in Südafrika...Hallo? AIDS ist nicht heilbar, oder hab ich da was in den falschen Hals gekriegt? Und, bevors doch wieder kommt: Nein, das Argument "Die hätten sich doch eh angesteckt, und so kann wenigstens vielen anderen geholfen werden" akzeptiere ich in diesem Zusammenhang nicht. Utilitarismus hat philosophisch schon lange ausgedient, weil er die von ihm produzierten Widersprüche nicht lösen kann. Mir schwindelt. http://www.sciencemag.org/content/329/5996/1168.abstract Tefonovir wird übrigens von der Firma Gilead produziert "Gilead Sciences ist ein Pharmazie- und Biotechnologieunternehmen aus den Vereinigten Staaten mit Firmensitz in Foster City, Kalifornien" --> http://de.wikipedia.org/wiki/Gilead_Sciences Excusez moi, ich geh mal eben brechen...
ihre Entrüstung ist verständlich, absolut nachvollziehbar, das geschieht übrigens in vielen anderen Therapiegebieten auch, dass Menschen einen neuen Wirkstoff bekommen und andere Probanden eben nicht (und das ist übrigens nicht nur auf Südafrika beschränkt, sondern , man höre und staune, ist gängige Praxis auch bei vielen Studien in in den "erste" Welt Ländern). Oder was meinen Sie wie zB neue Krebsmedikamente entwickelt werden? Die Frage ist eben welche Alternative gibt es? Würden Sie einen neuen Wirkstoff (in diesem Fall ist der Wirkstoff übrigens lange bekannt und vermarktet) nehmen, dessen Wirksamkeit und Verträglichkeit nicht belegt wurde? Wohl kaum. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, aber das ist eben ein Problem an dem man schlichtweg nicht vorbeikommt (zumindest fällt mir nichts ein...), auch wenn es ethisch mehr als nur fragwürdig ist und menschenverachtende Züge trägt..... das dies alles das nicht besser macht ist mir übrigens auch klar... wie gesagt, ihre Entrüstung ist für mich absolut nachvollziehbar.......
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