Massenobduktion in Hamburger Krankenhaus Woran Covid-19-Kranke sterben

Hamburger Rechtsmediziner haben über 600 Covid-19-Tote obduziert, um Verlauf und Todesursache zu verstehen. Sie fanden heraus, woran Menschen mit schweren Verläufen sterben und was den Tod in manchen Fällen verhindern kann.
Haupteingang des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf

Haupteingang des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf

Foto: Georg Wendt / dpa

Wer an Covid-19 stirbt, ist meistens alt oder hat Vorerkrankungen. Die Infektion mit dem neuen Coronavirus ist dennoch in aller Regel die Todesursache. Das heißt, ohne die Infektion hätten die Menschen länger gelebt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung des Instituts für Rechtsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) . Die Mediziner haben dafür im vergangenen Jahr 735 Obduktionen durchgeführt. Davon seien 618 an Covid-19 gestorben. Bei sieben Prozent sei hingegen eine andere Ursache für den Tod verantwortlich.

Insgesamt 88 Prozent der an Covid-19 Verstorbenen hätten mindestens drei bis vier Vorerkrankungen, die große Mehrheit aller Todesopfer war älter als 76 Jahre. Auch einige Todesfälle mit den neuen Covid-19-Mutationen seien schon obduziert worden, so die UKE-Wissenschaftler. Allerdings seien die Todesursachen dieselben wie bei der herkömmlichen Virusvariante.

Aber auch eine gute Nachricht hatten die Rechtsmediziner: Die Zahl der Covid-19-Toten durch Lungenembolien ist merklich gesunken. »Unter den ersten hundert Todesfällen im Frühjahr vergangenen Jahres starben noch über die Hälfte an Lungenembolien«, so Rechtsmediziner Benjamin Ondruschka auf Nachfrage des SPIEGEL. Mittlerweile sei die Zahl merklich zurückgegangen.

Die Überlebenschancen für schwer kranke Covid-19-Patienten könnten durch Gerinnungshemmer erhöht werden. Das bestätige auch die Untersuchung von 600 Todesfällen, so Ondruschka. Die Gerinnungshemmer – oder auch Blutverdünner genannt – verringern Thrombosen und Lungenembolien . Wie die Untersuchung der Verstorbenen zeige, sei die Lebenszeit durch die Blutverdünner verlängert worden, dennoch konnten die Patienten nicht immer gerettet werden.

Bereits im Mai hatten die Forscher  am UKE davor gewarnt, dass die Blutgerinnung durch Sars-CoV-2 häufig extrem aus dem Gleichgewicht gerät. Bei vielen Covid-19-Kranken verklumpe das Blut, hieß es damals.

Auch die deutsche Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung empfahl damals, jeden im Krankenhaus behandelten Patienten, sofern nichts dagegen spricht, mit dem Medikament Heparin in hoher Dosierung zu behandeln.

»Die Gerinnungshemmer helfen, aber können nicht in jedem Fall tödliche Lungenembolien verhindern«, so der Studienautor Ondruschka. Dennoch hätten die Mediziner eine »Lernkurve« seit der ersten Welle vor einem Jahr hinter sich: »Wir haben die absolute Zahl der Thrombosen verringert und den final Verstorbenen die Phase des Überlebens verlängert«, so der Rechtsmediziner bei der Vorstellung der Studie in Hamburg.

Todesursachen: Alter, Vorerkrankungen und Übergewicht

Die meisten Corona-Patienten mit schweren Verläufen sterben neben den Lungenembolien auch an Multiorganversagen oder einer Sepsis.

Oftmals werden diese Todesursachen durch eine Reihe von Vorerkrankungen begünstigt, die vor allem bei Menschen in hohem Alter vorkommen, so die UKE-Wissenschaftler. Menschen mit schweren Verläufen litten meist an Bluthochdruck, Niereninsuffizienz, Diabetes, Tumoren oder einer chronischen Lungenerkrankung (COPD). Nur ein Prozent der Toten hätte keine Vorerkrankung gehabt – hier müsse noch genauer nach den Ursachen geforscht werden.

Erschwerend kommt oft auch eine ungesunde Lebensweise hinzu: 20 Prozent der Verstorbenen wiesen ein krankhaftes Übergewicht auf. »Übergewicht ist ein entscheidender Faktor bei schweren Verläufen«, so Ondruschka.

Der jüngste Corona-Tote, der von den Medizinern obduziert wurde, sei 29 Jahre alt gewesen, der älteste Tote 100. Sieben Personen verstarben infolge der Infektion vor Erreichen des 50. Lebensjahres. Die verstorbenen Männer waren statistisch etwas jünger als die Frauen, und es verstarben mehr Männer als Frauen. Kinder oder Jugendliche waren nicht unter den untersuchten Todesfällen.

Nur ein wirksames Medikament

Trotz intensiver Forschung gebe es immer noch zu wenige wirksame Medikamente gegen Covid-19, meint Stefan Kluge, Leiter der Klinik für Intensivmedizin des Klinikums. »Dexamethason ist das einzige Medikament, das die Sterblichkeit nachweislich absenkt«, so Kluge. Bei Remdesivir wären die großen Hoffnungen hingegen enttäuscht worden. »Große Studien haben gezeigt, dass Remdesivir kaum Wirkung auf Schwerkranke hat«, so Kluge.

Derzeit würden zwar weltweit 400 Medikamente untersucht, aber es gebe auch extrem viele Rückschläge. »Wir wissen beispielsweise, dass Vitamin D trotz aller Ankündigungen nicht vor schweren Verläufen schützt«, so Kluge.

Anmerkung der Redaktion: Gegenüber der Vorversion wurde der erste Satz des Textes für mehr Klarheit präzisiert.

sug/dpa