Ziel, Unterstützer, Kritik #Zerocovid schnell erklärt

Unter dem Hashtag #Zerocovid fordern Wissenschaftler, Medizinerinnen und Künstler, den Corona-Ausbruch in Europa mit strikten Maßnahmen zu beenden. Das steckt dahinter.
Bremer Innenstadt im Januar 2021 – sind noch stärkere Maßnahmen nötig?

Bremer Innenstadt im Januar 2021 – sind noch stärkere Maßnahmen nötig?

Foto: Chris Emil Janssen / imago images

Wer erinnert sich noch an den Hammer und den Tanz? Kurz nach Beginn der Corona-Pandemie kam diese Beschreibung für die Strategie zur Eindämmung des Virus auf. Der Hammer, das war der erste Lock- oder Shutdown, der folgende Tanz das Aufheben der strengen Maßnahmen – und erneutes Nachjustieren bei steigenden Fallzahlen.  

In den vergangenen Wochen gab es in Deutschland gefühlt viel Hammer und wenig Tanz. Die Einschränkungen werden mit jeder Verlängerung der Maßnahmen verschärft, weil die Corona-Fallzahlen nicht wie erhofft sinken.  

Gibt es einen Weg raus aus dieser Misere, der das Ziel schneller erreicht als das lange Warten auf die Herdenimmunität durchs Impfen? #Zerocovid verspricht dies.

Welche Idee verbirgt sich hinter dem Begriff #Zerocovid?

Die Idee ist, die Corona-Zahlen in Deutschland oder sogar in ganz Europa durch strikte Maßnahmen so stark zu senken, dass es – wenn überhaupt – nur noch zu einzelnen Infektionen kommt, bei denen die Ansteckungsketten nachvollzogen und alle Betroffenen schnell isoliert werden können.

Ist dieses Ziel erreicht, sollen die Maßnahmen wieder gelockert und auch die Wirtschaft entlastet werden. Um keine neuen Fälle einzuschleppen, müsste allerdings die Einreise in die Regionen streng kontrolliert werden.

Die Idee ist nicht ganz neu: Im Dezember forderten mehr als 300 renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler im Fachblatt »Lancet« , die Infektionszahlen in ganz Europa drastisch zu senken, um anschließend wieder zu einem normaleren Leben zurückzukehren. Initiiert wurde die Stellungnahme von der Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut in Göttingen, zu den Unterzeichnern gehörte neben Christian Drosten auch RKI-Chef Lothar Wieler.

Als Ziel hatten die Wissenschaftler für ganz Europa einen Richtwert von maximal zehn Neuinfektionen pro eine Million Einwohner und Tag definiert. Zu diesem Zeitpunkt war allerdings noch nicht klar, dass sich in Großbritannien bereits die stärker ansteckende Sars-CoV-2-Variante B.1.1.7 ausbreitet .

#Zerocovid fasst diese Forderungen unter einem griffigen Hashtag zusammen – und geht noch einen Schritt weiter. Ziel der Bewegung ist eigentlich, den Ausbruch komplett zu beenden. Allerdings ist auch den Initiatoren bewusst, dass es unmöglich ist, jeden einzelnen Fall zu verhindern. Sollten noch Infektionen auftreten, müssten diese jedoch sofort entdeckt und kontrolliert werden, so die Idee.

Wer fordert das?

#Zerocovid ist eine internationale Bewegung. Im deutschsprachigen Raum existiert eine Petition , die mittlerweile von knapp 50.000 Menschen unterschrieben wurde (Stand: 18. Januar, 12 Uhr).  Zu den ersten Unterzeichnerinnen und Unterzeichnern gehörten neben der Autorin Margarete Stokowski oder der Klimaaktivistin Luisa Neubauer auch Pflegekräfte, Gewerkschafter, Journalistinnen, Ärzte, Politikwissenschaftlerinnen, Philosophen, Künstlerinnen, Ökonomen und ein Bürgermeister.

Unabhängig davon existiert ein von zwei Ärztinnen und einem Arzt initiierter offener Brief  an die Bundesregierung und die Ministerpräsidenten, der ebenfalls eine #Zerocovid-Strategie fordert. Bis Montagmorgen wurde er von etwa 300 Menschen aus verschiedensten Bereichen des Gesundheitswesens unterzeichnet.

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Fast keine Neuinfektionen – wie soll dieses Ziel erreicht werden?

#Zerocovid wäre, zumindest in Deutschland, ein Strategiewechsel: In den vergangenen Monaten ging es vor allem darum, den Ausbruch zu kontrollieren – also die Fallzahlen mithilfe von Maßnahmen so niedrig zu halten, dass Kliniken etwa in der Lage sind, alle schwer Erkrankten zu versorgen. Um die Fallzahlen noch stärker zu drücken und den Ausbruch zu beenden, schlagen die Befürworterinnen und Befürworter von #Zerocovid deutlich schwerwiegendere Einschränkungen vor.

»Shutdown heißt: Wir schränken unsere direkten Kontakte auf ein Minimum ein, und zwar auch am Arbeitsplatz«, schreiben die Autorinnen und Autoren der deutschsprachigen Petition . »Maßnahmen können nicht erfolgreich sein, wenn sie nur auf die Freizeit konzentriert sind, aber die Arbeitszeiten ausnehmen. Wir müssen die gesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft für eine kurze Zeit stilllegen. Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen, Schulen müssen geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden.«

Die strikten Maßnahmen müssten aufrechterhalten werden, bis sich fast niemand mehr ansteckt. Das Coronavirus wird sozusagen durch einen Mangel an Möglichkeiten, neue Menschen zu infizieren, ausgehungert.

Was wären die Vorteile von #Zerocovid?

Würde es tatsächlich gelingen, die Fallzahlen auf ein Minimum zu senken und niedrig zu halten, wäre es möglich, zu einem normaleren Leben zurückzukehren, auch wenn viele Menschen noch nicht geimpft wurden. Wenn das Virus kaum zirkuliert, sinkt außerdem das Risiko, dass sich gefährliche Mutationen bilden oder verbreiten.

Gibt es Beispiele, wo es gelungen ist, die Infektionszahlen so stark zu senken und niedrig zu halten?

Wenn hierzulande darüber gesprochen wird, welche Länder es erfolgreich geschafft haben, das Coronavirus einzudämmen, werden meist Neuseeland, Australien und Island genannt. Doch es gibt einige Länder mehr, in denen der Erreger nicht in großem Maß in der Bevölkerung kursiert, sondern nur vereinzelte Fälle oder einzelne Cluster auftreten. 

Laut der WHO (Wochenbericht vom 12. Januar ) gab es etwa in der Mongolei in der vergangenen Woche ganze 166 neue Fälle. Das Land hat keinen einzigen Todesfall durch Covid-19 verzeichnet – nein, nicht in den vergangenen sieben Tagen, sondern während der gesamten Pandemie. Auch Kambodscha meldet nur zehn neue Corona-Fälle in den vergangenen sieben Tagen. Dies sind nur einige Beispiele, viele Staaten in Asien und Afrika haben das Virus deutlich erfolgreicher eingedämmt als die europäischen Länder.

Wer spricht sich gegen #Zerocovid aus? Welche Argumente sprechen dagegen? 

Gegen die geforderte Schließung von Betrieben sprechen sich mehrere Ökonomen aus, die der SPIEGEL befragt hat. Ganze Lieferketten könnten zusammenbrechen, die Kosten wären erheblich, die Folgen für die Wirtschaftsleistung des gesamten Jahres gravierend. Die Gefahr von Pleiten und Entlassungswellen wäre deutlich größer als im Frühjahr 2020. 

Kurz gesagt: Einige Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass die negativen Folgen der Maßnahmen von #Zerocovid schädlicher sind als das Beibehalten der jetzigen Situation. 

Der Virologe Hendrik Streeck, der seit Pandemiebeginn die Maßnahmen zur Viruseindämmung kritisiert, sagte laut der »Deutschen Apotheker Zeitung« , es sei eine »falsche Vorstellung«, dass man die Pandemie auf null Infektionen herunterdrücken könnte.

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