Zugang zu Medikamenten Gemischte Bilanz im Kampf gegen Aids

Immer mehr Aids-Patienten rund um die Welt bekommen Hilfe durch Medikamente - das ist die gute Nachricht. Doch große Defizite in vielen Teilen der Welt bleiben. Und nun gibt es Signale, dass die reichen Länder mit ihren Hilfszusagen knausern wollen.

Aids-Patient in Swasiland (2009): Probleme in vielen afrikanischen Ländern bleiben
dpa

Aids-Patient in Swasiland (2009): Probleme in vielen afrikanischen Ländern bleiben


Nairobi - Ist das Glas halb leer oder halb voll? Immer mehr Patienten weltweit haben Zugang zu Aids-Medikamenten - und doch bleiben die internationalen Bemühungen hinter den selbstgesteckten Zielen zurück. Das belegen aktuelle Statistiken.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO, das Uno-Kinderhilfswerk Unicef und das Uno-Programm UNAIDS haben in ihrem am Dienstag veröffentlichten Bericht "Towards Universal Access" durchaus positive Nachrichten: Allein im vergangenen Jahr stieg die Zahl der Patienten, die moderne Medikamente erhalten, um 30 Prozent auf 5,24 Millionen.

Das Problem: Nach aktuellen WHO-Schätzungen bräuchten bis zu 14,6 Millionen Menschen diese Hilfe. Und die Organisation "Ärzte ohne Grenzen" warnt vor einem Nachlassen der Hilfe aus den Industrieländern. Die Geberkonferenz des globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria (GF) drohe zu scheitern. In der kommenden Woche wollen die Geberländer in New York über ihre Zuweisungen an den Uno-nahen Fonds für die Jahre 2011 bis 2013 verhandeln.

Die Hilfsorganisation kritisierte am Dienstag in Berlin, dass Deutschland, bislang drittgrößter Geldgeber des Fonds, neben Italien den Erfolg der Konferenz am stärksten gefährde. Die Bundesregierung wolle ihre finanzielle Hilfe kürzen. Nach Angaben von "Ärzte ohne Grenzen" werden für den Zeitraum rund 15 Milliarden Euro benötigt.

Bereits im Juli hatte GF-Direktor Michel Kazatchkine erklärt, dass bei Geldkürzungen bestehende Programme nicht fortgeführt werden könnten. In Berlin hatten die anwesenden Geber vor drei Jahren Zusagen in Höhe von 9,7 Milliarden US-Dollar für den Zeitraum 2008 bis 2010 gemacht. Der GF bezahlt derzeit die Therapie von etwa 2,8 Millionen der weltweit 5 Millionen Menschen, die Aids-Medikamente erhalten.

"Uns fehlen zehn Milliarden Dollar"

Die medizinische Versorgung Aids-kranker Kinder und Mütter mit geringem Einkommen habe sich weltweit zwar leicht verbessert, schreibt Unicef Deutschland. Dennoch gebe es weiter große Defizite. Immer noch erhielten lediglich 28 Prozent aller betroffenen Kinder die lebenswichtigen Medikamente. "Jeden Tag stecken sich 1000 Kinder während der Schwangerschaft, Geburt oder Stillzeit mit HIV an", sagte Jimmy Kolker, Leiter der weltweiten Aids-Programme von Unicef.

Nach Auskunft von Elhadj As Sy, Regionaldirektor des Kinderhilfswerks für das südliche und östliche Afrika, gibt es gerade in seiner Region große regionale Unterschiede. So gelang es Botswana und Ruanda erstmals, 80 Prozent oder mehr der HIV-positiv getesteten Bevölkerung mit antiretroviralen Medikamenten zu behandeln. In Äthiopien, Sambia, Mali und Namibia waren es immerhin 50 bis 80 Prozent.

Vor allem auf vielen afrikanischen Dörfern haben Patienten aber nach wie vor keinen Zugang zu angemessener medizinischer Versorgung - oder wissen nicht, ob sie HIV-positiv sind.

Fortschritte wurden laut dem Bericht vor allem beim Verhindern der Übertragung des Aids-Erregers von Schwangeren auf ihre Kinder erzielt. In Europa und Zentralasien erhielten 93 Prozent aller infizierten Schwangeren antiretrovirale Medikamente. In Asien waren es jedoch nur 55 und in Lateinamerika sowie Afrika südlich der Sahara nur jeweils 54 Prozent.

In 14 der 144 untersuchten Länder werden mehr als 80 Prozent HIV-positiver Kinder behandelt - so in der Ukraine, Brasilien und Namibia. Insgesamt erhielten 2009 weltweit 356.000 Kinder bis zu 15 Jahren die nötigen Medikamente.

"Wir sind auf dem richtigen Weg. Wir haben gezeigt, was funktioniert und müssen das noch vertiefen", betonte der stellvertretende UNAIDS-Direktor Paul De Lay. "Dafür fehlen uns aber zehn Milliarden Dollar." In der kommenden Woche sollen auf der Geberkonferenz Zusagen für diese fehlenden Mittel eingetrieben werden - denn die Aids-Medikamente sind teuer und sollen noch deutlich mehr Menschen zur Verfügung stehen als bislang. "Das ist aber nicht nur eine Investition, es werden langfristig Kosten gespart", sagte As Sy und verwies auf Krankenhausaufenthalte schwerkranker Aids-Patienten.

chs/dpa

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pulegon 29.09.2010
1. Danke
Hab gestern diese Diskussionsvorlage gelesen und dachte mir, dass dauert keine 24 Stunden, bis der Erste die große Pharmaverschwörungstrompete bläst. Danke dass Sie meine Vorurteile bestätigen. Aus dem warmen Nest der industrialisierten Welt wächst der Anteil der Leute, denen Krankheit, Tod und Hunger so fern sind, dass Sie die einfachsten Zusammenhänge negieren und lieber in ihrer eigenen kleine Welt leben. Böse Industrie, böse Schulmedizin, böses Pharma, böse Wissenschaftler. Zurück zur Natur, GNM, organic, Öko, Waldorf, Homöpathie. Wer die Vergagenheit vergisst, muss die Fehler der Vergangenheit ebend wiederholen.
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