Zurückgehaltene Ergebnisse Institut fordert mehr Transparenz bei klinischen Studien

Die Medikamentenentwicklung ist teuer - deren Wirkung unter Umständen nicht wie erhofft. Pharmakonzerne verschweigen deshalb oft die negativen Ergebnisse und stellen die positiven heraus. Ein Arzneimittel-Prüfinstitut fordert jetzt eine rasche Umsetzung der Gesetze, die Transparenz schaffen.
Apotheke:"Irreführung durch Verschweigen ist kein Kavaliersdelikt"

Apotheke:"Irreführung durch Verschweigen ist kein Kavaliersdelikt"

Foto: KAI-UWE KNOTH/ AP

Der Weg eines Arzneimittels vom Labor in die Apotheke ist lang - in vielen klinischen Studien an Probanden müssen die Hersteller zeigen, dass es ungefährlich und wirksam ist. Weil die Entwicklung eines neuen Medikaments sehr teuer und immer auch ein finanzielles Wagnis ist, das in jeder Stufe des langen Weges scheitern kann, sind die Pharmakonzerne zunehmend dazu übergegangen, bereits bewährte Medikamente leicht abzuwandeln und erneut auf den Markt zu bringen - oftmals für einen höheren Preis und mit dem Versprechen, sie in ihren Wirkungen verbessert zu haben.

Tatsächlich sind sie aber nicht immer besser für die Patienten, oder die Mehrkosten stehen in keinem Verhältnis zu dem Zusatznutzen. Um den zu bewerten, braucht man wiederum Studien, in denen die neuen Präparate gegen die bereits vorhandenen getestet werden. Eine kostspielige Angelegenheit, die der Pharmahersteller bezahlen muss. Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) wertet diese Studien dann aus, um die Wirksamkeit der Medikamente zu prüfen. Finanziert wird das IQWiG von den Beiträgen der gesetzlich Krankenversicherten. Auf Basis seiner wissenschaftlichen Analyse entscheidet dann der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), ob ein Medikament schließlich von den gesetzlichen Krankenkassen erstattet wird oder nicht.

Nun hat sich das IQWiG zu Wort gemeldet : Viele Arzneimittelhersteller würden die Arbeit des Institutes behindern, weil sie Studiendaten unter Verschluss hielten. Der Grund sei meist, dass in diesen Studien nicht die von den Pharmakonzernen gewünschten Ergebnisse herauskamen. So entstehe ein verzerrtes Bild von der Wirkung mancher Substanzen, weil nur Studien veröffentlicht würden, in denen eine positive Wirkung belegt wurde. Das Institut fordert daher eine gesetzliche Verpflichtung zur Registrierung und Publikation der Ergebnisse aller klinischen Studien.

Ärzte erhalten ein geschöntes Bild, Patienten werden falsch behandelt

Die selektive Veröffentlichung von Studien - Experten sprechen vom "publication bias" - behindert nicht nur die Arbeit des IQWiG, sie ist auch eine Gefahr für die Patienten: So erhalten viele praktizierende Ärzte ein geschöntes Bild über ein Medikament und erfahren meist erst gar nicht von der Existenz unveröffentlichter Studien. Die Folge: Präparate werden verschrieben, obwohl sie für die Behandlung vielleicht von Nachteil sind und ein anderes Medikament besser geeignet wäre.

"Irreführung durch Verschweigen ist kein Kavaliersdelikt", sagt der Präsident des IQWiG, Peter Sawicki: "Ohne vollständige Information können Patienten im Extremfall sogar nutzlose oder gar schädliche Behandlungen erhalten." Dies zeige sich sehr stark bei der Behandlung von Depression: Die Wirkung von Antidepressiva werde ausnahmslos überschätzt, so Sawicki. Für einige Wirkstoffe sei sogar fraglich, ob überhaupt noch ein Nutzen nachweisbar sei, wenn man alle Studien einbeziehe.

Anlass für die Forderung des IQWiG ist die Publikation des Abschlussberichts zu drei Antidepressiva, deren Wirksamkeit das Institut untersucht hatte. Laut IQWiG sei die Arbeit daran durch den Pharmakonzern Pfizer massiv behindert worden. Das Unternehmen habe sich über lange Zeit geweigert, dem IQWiG Informationen zu Studien über sein Präparat Edronax mit dem Wirkstoff Reboxetin zur Verfügung zu stellen und legte die Daten erst unter Druck schließlich offen. Das IQWiG kam in einem Abschlussbericht zu dem Ergebnis, dass ein Zusatznutzen von Reboxetin nicht belegbar ist, es gebe sogar Hinweise auf Schaden . Bei zwei anderen Antidepressiva - Bupropion und Mirtazapin - ließ sich anhand der Studienlage belegen, dass Depressive von ihnen profitieren.

Pfizer widerspricht der Darstellung des IQWiG. "Wir haben dem IQWiG relevante Daten zur Verfügung gestellt und auf Nachfrage weitere Daten gegeben", sagt der Unternehmenssprecher Martin Fensch. Ferner widerspricht der Konzern auf seiner Webseite auch der Bewertung des IQWiG : "Pfizer sieht für Reboxetin einen Nutzen bei der Behandlung von Depressionen. Diesen hat auch das IQWiG für zwei spezielle Situationen angesprochen: Rückfallprävention und Ansprechen auf Therapie."

"Manche kooperieren sehr gut, andere nicht"

Beate Wieseler, die am IQWiG für die Arzneimittelbewertung zuständig ist, benennt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE den Umfang der Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit den Pharmakonzernen: "In den letzten fünf Jahren haben wir nur 60 Prozent der Studien bekommen, die angefragt wurden." Dabei sei das Verhalten der Firmen sehr unterschiedlich, sagt Wieseler. "Manche kooperieren sehr gut, andere nicht - das ist von Projekt zu Projekt immer wieder unterschiedlich."

Bereits im Jahr 2005 hat das IQWiG mit dem Verband forschender Arzneimittelhersteller (VFA) eine grundsätzliche Einigung zur Übergabe solcher Daten vereinbart. Der VFA repräsentiert nach eigenen Angaben zwei Drittel des deutschen Arzneimittelmarktes. Selbstverpflichtung funktioniere jedoch nicht, meint IQWiG-Präsident Sawicki.

Jochen Stemmler, Sprecher des VFA, benennt gegenüber SPIEGEL ONLINE Gründe für die Probleme: "Bei den VFA-Firmen könnte dies mit daran liegen, dass nur die Studien herausgeben werden können, über die sie verfügen, die also von ihnen beauftragt wurden. Soweit aber Studien von Wissenschaftlern selbst initiiert wurden, müsste das IQWiG diese auch von den Initiatoren direkt abrufen."

Das IQWiG fordert daher eine EU-weite Verpflichtung zur Veröffentlichung der Ergebnisse klinischer Studien - nach Vorbild USA: Dort müssen seit letztem Jahr sämtliche klinische Studien auf der Internetdatenbank Clinicaltrials  veröffentlicht werden.

Laut Stemmler gibt es diese gesetzliche Bestimmung schon: Seit Herbst 2005 gebe es eine gesetzliche Verpflichtung zur Studienregistrierung und -veröffentlichung seitens der EU. Der VFA habe dies von Anfang an begrüßt und unterstützt, so Stemmler. "Leider wird die entsprechende öffentliche Datenbank der europäischen Zulassungsagentur EMEA, nach unseren Informationen, erst 2010 eingerichtet und online sein", so Stemmler.

Ina Klaus, Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums, bestätigte dies: "Es gibt bereits heute eine Registrierungspflicht für alle klinischen Prüfungen innerhalb der EU in der sogenannten EudraCT-Datenbank ." Das europäische Register sei jedoch noch behördenintern, ein Teil der Datenbank werde aber künftig öffentlich zugänglich sein, wofür sich auch das Bundesministerium für Gesundheit einsetze. Ein Sprecher der Europäischen Kommission verrät Details: "Zusammen mit der Europäischen Arzneimittelagentur EMEA arbeiten wir an der Umsetzung der EudraCT-Datenbank . Sie wird wahrscheinlich Ende nächsten Jahres für die Öffentlichkeit verfügbar sein und klinische Studien rückwirkend bis zum 1. Mai 2004 enthalten."