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ANTHROPOLOGIE Meister des Knochenpuzzles

Wie kaum ein anderer vermag der Brite Ron Clarke fossilen Knochen Geheimnisse zu entlocken. Lange wurde er verkannt. Jetzt verhilft ihm das Skelett eines Vormenschen zu Weltruhm.
Von Birgit Schwarz
aus DER SPIEGEL 39/1999

Im Schein einer Handlampe legen Ron Clarke und seine beiden Assistenten Millimeter für Millimeter ein Skelett frei, das ins Sediment einer Tropfsteinhöhle eingeschlossen ist. Nicht größer als Cornflakes sind die Stücke, die sie aus dem betonharten Gestein meißeln. Jeder zu kräftige Schlag könnte irrtümlich einen Knochen zertrümmern.

Es ist kein gewöhnliches Skelett, das die drei Männer Stück für Stück aus dem Felsen schälen. Vollständig freigelegt wird es einzigartige Erkenntnisse über die Menschwerdung des Affen liefern. Denn nie zuvor wurde ein so intakter Überrest eines Wesens gefunden, welches kein Affe mehr war, aber auch noch kein Mensch.

Vor dreieinhalb Millionen Jahren war die Kreatur durch einen schmalen Spalt 22 Meter tief gefallen. Panisch muss sie nach einem Ausgang gesucht haben, ehe sie verendete. Der Sturz selbst sei nicht tödlich gewesen, versichert Clarke. Denn dort, wo das Skelett gefunden wurde, könne es nicht hingeschlagen sein. Die feinen Kalkablagerungen, die sich zwischen Fels und Knochen schoben, verraten dem Urmenschenforscher

* Oben: Bei Ausgrabung in der Sterkfontein-Höhle; unten: Knöchelfragmente des »Little Foot«.

zudem: »Es war noch Fleisch auf den Knochen, als Geröllmassen den Körper unter sich begruben.«

Der Affenmensch liegt, eingebettet in einen steilen Hang, auf der rechten Gesichtshälfte. Ober- und Unterkiefer sind zum makaberen Totenkopf-Grinsen erstarrt, die Zähne zusammengebissen. Sein linker Arm ist über den Kopf gestreckt. Das deutet darauf hin, dass er ins Rutschen geraten war und dann versucht hat, sich an einem Felsvorsprung festzuhalten. Beim Sturz in die Tiefe muss er sich den linken Unterarm gebrochen haben, denn Elle und Speiche weisen beide an der gleichen Stelle Brüche auf. Der Rest seines Körpers, Rippen, Wirbelsäule und auch das Becken, sind noch von Fels umschlossen.

Seit mehr als zehn Jahren sucht Clarke, 55, nun schon in Südafrikas fossilreicher Sterkfontein-Höhle nach Überresten aus einer Zeit, als der erste Mensch noch nicht geboren war. Die Ausbeute aus den grundwasserreichen unterirdischen Kammern füllt ganze Wandschränke der Universität Witwatersrand im 50 Kilometer entfernten Johannesburg; und in einer unscheinbaren Wellblechhütte am Rande der Ausgrabungsstätte lagern weitere Kisten voller Jahrmillionen alter Relikte: mineralisierte Schädel Blatt fressender Affen, Lianenfossilien, Skelettfragmente ausgestorbener Raubkatzen.

Hätte der Anthropologe nicht vor fünf Jahren in einem dieser Kartons vier kieselsteingroße Vormenschenknochen entdeckt, er wäre vermutlich als erfolgloser Knochensucher in die Annalen seiner missgünstigen Zunft eingegangen. Noch Ende vergangenen Jahres schalt ihn sein neuer ehrgeiziger Forschungsleiter als »Mann ohne besondere Fähigkeiten«.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Clarke seinen Jahrhundertfund längst gemacht. Doch wollte er den Fundort und sich selbst vor einem Ansturm Neugieriger schützen. Und so wussten nur seine beiden Assistenten und seine Frau davon.

Den Weg zu dieser größten Entdeckung seiner Karriere hatte Clarke indes schon im September 1994 gebahnt. Damals hatte er Kisten und Kästchen in der Wellblechhütte durchforstet. Er stieß dabei auf vier kleine Knöchelchen, die das Etikett als Antilopenfossilien auswies. Neugierig drehte und wendete er seinen Fund und erkannte plötzlich, dass er versteinerte Knöchel eines linken Vormenschenfußes in Händen hielt.

Seine Erkenntnis sollte die gängige Lehrmeinung hinfällig machen, nach welcher der Urmensch erst in der Steppe das aufrechte Laufen erlernte. Der Fuß besaß zwar den für Klettertiere typischen abgespreizten großen Zeh; doch ließ er zugleich den federnden Spann eines Zweibeiners erkennen. Er musste demnach einem Zwitterwesen gehört haben, das sich sowohl von Ast zu Ast schwingen konnte, als auch auf zwei Beinen ging. Und weil die Vegetation an der Fundstelle vor über drei Millionen Jahren eindeutig einer Waldfauna entsprach, bewiesen die »Little Foot« getauften Knöchel: Dieser Affe war schon im Dschungel gut zu Fuß.

Der Coup war nicht der Erste, bei dem sich Clarke als Meister des Knochenpuzzles erwies. Selbst unauffällige Besonderheiten an Schädeln, Wirbeln, Beckenknochen brennen sich in sein Gedächtnis ein wie Feuerzeichen. Immer wieder gelang es ihm, Knochenfragmente zusammenzufügen, von denen niemand sonst vermutet hätte, dass sie ineinander greifen.

Dieser Fähigkeit und dem fast zwanghaften Bedürfnis, Ordnung in eine nur noch bruchstückhaft erhaltene Vergangenheit zu bringen, verdankte der gebürtige Brite erste bahnbrechende Erfolge, als er noch ein Neuling auf dem Gebiet der Urmenschenforschung war. Erstmals hatte sich Clarke vor 30 Jahren nach einem Besuch im Transvaal-Museum in Pretoria einen Namen gemacht. In einer Zunft, in der der Weg zum Ruhm normalerweise über ebenso teure wie rare Schürfrechte führt, erregte dies einige Aufmerksamkeit.

Dem jungen Mann mit dem Faible für uralte Knochen war aufgefallen, dass es sich bei einem als »Nussknackermann« (Paranthropus robustus) ausgezeichneten Exponat tatsächlich um den Schädel eines sehr viel jüngeren Verwandten des Menschen handelte. Und nicht nur das: Clarke sichtete ein paar Vitrinen weiter ein Stück Oberkiefer, das perfekt in den falsch bezeichneten Schädel passte. 20 Jahre lang waren die beiden Fragmente getrennt ausgestellt worden. Scharen von Wissenschaftlern hatten sie betrachtet. Niemandem war etwas aufgefallen. »Die meisten Menschen glauben, was man ihnen vorsetzt«, sagt Clarke. »Sie können Form und Gestalt einfach nicht sehen.«

Das Sehen hat Clarke bei dem Entdecker des Nussknackermanns selbst, bei Louis Leakey, gelernt. Von einem Vortrag Leakeys über dessen Fund in der tansanischen Olduvai-Schlucht fasziniert, brach er sein Archäologie-Studium in London ab und folgte dem Forscher in die Steppe Ostafrikas. Leakeys Hominiden-Truppe war berühmt für ihren trainierten Blick; sie stand im Ruf, eine Art »geistiges Radar« zu besitzen, einen seherisch anmutenden Spürsinn, den bald auch Clarke erwarb.

Puzzleaufgaben haben den britischen Anthropologen seither immer wieder fasziniert. Und so ließ ihm auch »Little Foot« keine Ruhe. In der Hoffnung, weitere Vormenschenüberreste zu finden, durchstöberte er beharrlich sämtliche Kisten mit Fossilientrümmern aus jenem Winkel der Sterkfontein-Höhle, aus dem der Zwitterfuß stammte - lange vergebens.

Erst zweieinhalb Jahre später stieß er aus purem Zufall auf weitere Knöchel und ein Wadenbeinstück sowie ein Stück Schienbein, das nahtlos an den »Little-Foot«-Fund passte. Auch ein rechter Unterschenkelknochen stammte offensichtlich von demselben Exemplar.

Damit wurde Clarke schlagartig klar: Eine Beute von langbeinigen Jagdhyänen oder Säbelzahnkatzen konnte dieser Menschenaffe nicht geworden sein, denn ein Raubtier hätte als erstes Hände und Füße verspeist. Und weil das rechte Schenkelstück eine relativ frische Bruchstelle aufwies, musste der Rest der Leiche noch im Fels der Grotte eingeschlossen sein. Die Füße waren offenbar Ende der zwanziger Jahre weggesprengt worden, als in der Höhle Kalk gebrochen wurde. Der Detektiv im Forscher erwachte.

Mit dem aberwitzigen Auftrag, die passende Bruchstelle in einer der Höhlenwände zu finden, schickte Clarke seine Assistenten Stephen Motsumi und Nkwane Molefe in das 80 Quadratmeter große Gewölbe. Nach nur anderthalb Tagen wurden die beiden fündig. Seither verbringt Clarke seine Zeit am liebsten unter Tage.

Behutsam und präzise wie ein Zahnarzt bei einer Wurzelbehandlung hat er inzwischen eine Gelenkpfanne des Unterarms freigelegt. Sie ist anders gewölbt als die aller bisher bekannten Vormenschenarten. Möglich, dass er eine neue Spezies entdeckt hat. Und weil er gern querdenkt, hofft Clarke, am Ende des Arms »eine Hand mit langen Fingern« zu finden, wie sie ein Orang-Utan hat. Das würde seiner Detektivarbeit »besondere Würze« verleihen.

Clarke weiß, dass er mit solchen Vermutungen den Spott vieler Kollegen auf sich zieht. Denn falls der Affenmensch am Grunde der Sterkfontein-Höhle tatsächlich dem langarmigen, rotzotteligen Wesen aus Borneo ähnelt, so müsste die Vorgeschichte des Menschen wohl neu geschrieben werden. Der Puzzler Clarke fühlt sich von dieser Vorstellung inspiriert - zumal noch Zeit bleibt für Spekulationen: Es werden Jahre vergehen, bis die unbekannte Leiche vollständig geborgen ist und Clarke das letzte Kapitel seines prähistorischen Krimis schreiben kann. BIRGIT SCHWARZ

* Oben: Bei Ausgrabung in der Sterkfontein-Höhle; unten:Knöchelfragmente des »Little Foot«.

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