100 Jahre Nobelpreis In Ehren verstaubt - Teil 2

Von Alexander Stirn


Industrieller Nobel: Keine Rücksicht auf die Nationalität
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Industrieller Nobel: Keine Rücksicht auf die Nationalität

Auch wenn die finanziellen und ideologischen Probleme heute gelöst sind, die Kritik an der verstaubten Institution Nobelpreis hat sich in den vergangenen Jahren eher noch verstärkt - nicht zuletzt auf Grund der medialen Auswirkungen der Verleihung. Die höchste Auszeichnung der wissenschaftlichen Welt kann aus einstmals grauen Forschern mit einem Schlag Talk-Show-Stars machen, Experten für alles und jeden. Zuvor unbekannte Friedensaktivisten erfahren auf einmal eine Aufmerksamkeit, von der sie zuvor nie zu träumen wagten. Und die Bücher frisch gekürter Literatur-Laureaten erklimmen umgehend die Bestsellerlisten.

Der Preis kann - oftmals zum Unwillen der Betroffenen - einzelne Wissenschaftler über Nacht zu Wissenschaftsikonen werden lassen. Dabei sieht die Realität ganz anders aus: In Zeiten, in denen nur noch weltweite Kooperationen und interdisziplinäre Arbeit zum wissenschaftlichen Erfolg führen, treten einzelne Forscher immer stärker in den Hintergrund. Der Nobelpreis, in seinem Glauben an den tatsächlichen Nutzen einer bestimmen Forschungstätigkeit gegründet, setzt aber auf Persönlichkeiten. Maximal drei Preisträger können pro Jahr und Disziplin ausgezeichnet werden, für Forscherteams lassen die Statuten keinen Platz.

Mehr noch: Nur Forscher, die im zurückliegenden Jahr erstaunliche Wirkung erzielt haben, sollen laut Nobels Testament ausgezeichnet haben. Doch die Verleihung des Nobelpreises gerät immer mehr zu einer Würdigung des Lebenswerks. Das Durchschnittsalter liegt weit über 60 Jahre. Mitunter, so der Spott mancher Forscher, könne der Preis als guter Indikator für ein baldiges Ableben angesehen werden.

Hinzu kommen Geheimniskrämerei, Gerüchte über Klüngeleien im Komitee und ein eklatanter Mangel an Transparenz. Erst 50 Jahre nach der Entscheidung können laut einer Statutenänderung aus dem Jahr 1974 die jeweiligen Dokumente veröffentlicht werden - mit Genehmigung des Komitees und primär zu Zwecken historischer Forschung.

Resistent zeigen sich die Verwalter des Nobelvermögens auch gegenüber Veränderungen. 1968 kam durch eine milde Gabe der schwedischen Reichsbank zu den klassischen fünf Preisen die Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaften hinzu. Im Anschluss aber werde es, so das unmissverständliche Statement der Verantwortlichen, keine weiteren Preise geben.

Dabei ist es bis heute geblieben. Alle Bestrebungen, angesichts der heutigen Bedeutung des Themas auch einen Ökologie-Nobelpreis zu verleihen, wurden von offizieller Seite abgeschmettert - entgegen des öffentlichen Interesses: Nicht verwunderlich, dass sich der "alternative Nobelpreis", eigentlich nicht mehr als eine Privatinitiative des Journalisten und Briefmarkensammlers Jakob von Uexküll, derart großer Aufmerksamkeit erfreut.

Egal wie stark die Kritik an Nobels Nachfolgern ausfällt, am Prestige des Preises ändert sie auch im 100. Jahr seiner Verleihung wenig. Dabei treibt das Renomée mitunter seltsame Blüten. Immer wieder tauchen Länderlisten auf, die die Nationalitäten der Nobelpreisträger auflisten, vergleichbar mit einem olympischen Medaillenspiegel.

Von vielen wird die Zahl der Preise als Indikator für die Leistungsfähigkeit einer Nation angesehen, selbst über quantitative Nobelpreis-Vorgaben von Seiten der Regierung an finanziell abhängige Wissenschaftler in manchen Ländern wird spekuliert. Alfred Nobel würde eine derartige Sichtweise sicherlich nicht gefallen. "Es ist mein ausdrücklicher Wille", schrieb der Industrielle in seinem Testament, "dass bei der Verleihung des Preises die Nationalität der Kandidaten keine Rolle spielt."

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