95 Prozent weniger CO2 bis 2050 So teuer wird das GroKo-Klimaziel
Windenergieanlagen in Brandenburg: Grüner Strom ist die Voraussetzung
Foto: Patrick Pleul/ picture alliance/dpaDas Ziel ist ambitioniert: 80 bis 95 Prozent seiner Treibhausgasemissionen will Deutschland bis zum Jahr 2050 einsparen, Vergleichszeitpunkt ist das Jahr 1990. So steht es seit rund drei Jahren im "Klimaschutzplan 2050 " der Bundesregierung. Das Papier soll die Frage beantworten, wie eine der größten Industrienationen der Welt eine entscheidende Vorgabe des Klimavertrags von Paris umsetzen will: ab der zweiten Hälfte des Jahrhunderts klimaneutral zu wirtschaften.
Die gigantische Aufgabe lässt sich nur lösen, wenn es massive Veränderungen in allen Bereichen der Wirtschaft sowie des öffentlichen und privaten Lebens gibt. Doch wie könnten diese im Detail aussehen? An einer Antwort haben sich nun Experten des Forschungszentrums Jülich versucht. Am Donnerstag stellten sie in der Bundespressekonferenz in Berlin ihre Studie "Wege für die Energiewende - Kosteneffiziente und klimagerechte Transformationsstrategien für das deutsche Energiesystem bis zum Jahr 2050" vor.
80 oder 95 Prozent weniger CO2 - "wir haben uns angeschaut, wie eine kostenoptimale Lösung für die beiden Szenarien aussähe", sagt Detlef Stolten vom Forschungszentrum Jülich, einer der Autoren der Studie, im Gespräch mit dem SPIEGEL.
Wechsel zwischen den Strategien schwer möglich
Die Wissenschaftler haben ein Computermodell mit den zu erwartenden technologischen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen gefüttert und wieder und wieder laufen lassen. Das Modell konnte jeweils entscheiden, welche einzelnen Technologien es nutzt, um in Richtung 80 oder 95 Prozent Einsparung zu kommen. Ziel war es dabei, die Kosten so niedrig wie möglich zu halten.
Die Kernaussage nach zahllosen Modelldurchläufen aus Sicht der Forscher: Die Ziele des Klimaschutzplans sind zu schaffen - allerdings muss bereits heute entschieden werden, ob am Ende eine Minderung von 80 oder 95 Prozent herauskommen soll. Denn um das ambitionierte 95-Prozent-Ziel zu erreichen, ist eine grundsätzlich andere Strategie nötig als für die weniger hohe Marke von 80 Prozent. Ein Wechsel von weniger zu mehr Klimaschutz erst in einigen Jahren ist nicht ohne Weiteres möglich, jedenfalls nicht ohne hohe zusätzliche Kosten.
Welche Rolle spielt Erdgas noch?
Dabei geht es unter anderem um die Frage, welche Rolle Erdgas in Zukunft noch im Deutschen Energiemix spielen kann. Bei 80 Prozent Einsparung ist es als Energieträger noch sehr gut im Rennen, ergänzt durch die zusätzliche Nutzung von Wasserstoff. Beim 95-Prozent-Ziel sieht das grundsätzlich anders aus, hier spielt im Gassektor nur noch Wasserstoff eine Rolle. Er wäre nicht nur für die Mobilität wichtig, sondern zum Beispiel auch in der Industrie, etwa zur Stahlherstellung. Investitionen in Erdgas-Anlagen wären in solch einem Szenario verschwendetes Geld.
Unterschiede gibt es auch beim Anteil erneuerbarer Energien in der Stromerzeugung. Er liegt heute bei etwa 38 Prozent. Bei einem Ziel von 80 Prozent weniger Treibhausgasen müsste der Anteil im Jahr 2050 immer 90 Prozent betragen. Wenn Deutschland sogar 95 Prozent weniger CO2 ausstoßen will, dürfte quasi nur noch grüner Strom genutzt werden.
Massiv steigender Stromverbrauch
Besonders herausfordernd ist das, weil gleichzeitig der Stromverbrauch massiv steigen dürfte. Das hat etwa mit der zunehmenden Elektrifizierung des Autoverkehrs zu tun, mit der energieintensiven Herstellung synthetischer Treibstoffe zum Beispiel für den Luftverkehr, aber auch mit dem prognostizierten Wirtschaftswachstum bis 2050.
"Im Szenario 95 erreicht der Nettostromverbrauch in 2050 einen Wert von 1008 Terawattstunden", schreiben die Forscher. Das entspreche einem Anstieg von mehr als 80 Prozent gemessen am heutigen Wert. Um das zu schultern müsse vor allem die Windkraft massiv ausgebaut werden. Sie sei "das Rückgrat der zukünftigen Stromversorgung".
In einem Szenario mit 95 Prozent CO2-Reduktion bis zur Mitte des Jahrhunderts müsste die Windkraftkapazität demnach jedes Jahr um etwa 6,6 Gigawatt steigen. Aktuell lassen die sogenannten Ausbaukorridore der Regierung allerdings noch nicht einmal 3 Gigawatt zu. Diese Regelungen seien "zu modifizieren und anzupassen", so die Wissenschaftler. Abstandsregelungen für den Bau von Windparks in der Nähe von Gebäuden müssten geprüft und gegebenenfalls überarbeitet werden.
Mehrkosten relativieren sich
Politisch dürften solche Forderungen heikel sein. Andererseits: Die Fachagentur Windenergie an Land hat erst am Mittwoch die Ergebnisse ihrer jährlichen Akzeptanz-Umfrage veröffentlicht. Demnach finden 82 Prozent von mehr als tausend repräsentativ Befragten die Nutzung und den Ausbau der Windenergie "wichtig" oder "sehr wichtig". Und vielleicht noch interessanter: 70 Prozent der Befragten, bei denen es bisher keine Windenergieanlagen im Wohnumfeld gibt, bekunden keine großen Bedenken, falls dort mal welche gebaut werden.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie hat der Regierung bereits im vergangenen Jahr geraten, das 95-Prozent Ziel besser gleich aufzugeben. Die dafür nötigen gesellschaftlichen und industriepolitischen Einschnitte seien einfach zu groß. Aber vielleicht ist das eine zu negative Sicht der Dinge.
Die Jülicher Forscher haben errechnet, dass die jährlichen Mehrkosten für die deutsche Volkswirtschaft in einem 80-Prozent-Szenario bei 49 Milliarden Euro im Jahr 2050 liegen würden. Das entspräche 1,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bei einer CO2-Einsparung von 95 Prozent läge der zusätzliche Finanzbedarf sogar bei 128 Milliarden Euro pro Jahr beziehungsweise 2,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Dieser Betrag sieht auf den ersten Blick ziemlich beeindruckend aus. Er relativiere sich aber, so die Wissenschaftler, wenn man sich ansehe, wie viel Geld Deutschland aktuell für den Import von Energieträgern wie Öl und Gas ausgebe: Das seien aktuell etwa 63 Milliarden Euro pro Jahr beziehungsweise etwa 1,9 Prozent der Wirtschaftsleistung.
"Eine Transformation zu 95 Prozent weniger Treibhausgasausstoß ist volkswirtschaftlich leistbar", bilanziert Forscher Stolten. Eine andere Frage ist, ob der politische Wille dafür existiert. Das deutlich kurzfristige Klimaziel für 2020 hat Deutschland bekanntermaßen krachend verfehlt.