Abgeschrieben Ökonom fliegt nach 14 Jahren mit Plagiat auf

Ein Fachaufsatz mit geklauten Passagen wurde ihm zum Verhängnis: Nach 14 Jahren ist der Ökonom Hans-Werner Gottinger öffentlich als Plagiator enttarnt. Ermittler werfen ihm Unglaubliches vor: Er soll jahrelang kopiert, sogar Institute erfunden haben - und machte trotzdem Karriere.
Von Stefan Schmitt

Plagiate, Fälschungs- und Abschreibevorwürfe: Für den Ruf eines Wissenschaftlers sind solche Vergehen desaströs - wenn sie entdeckt werden. Jetzt geschah das einem deutschen Forscher. Der soll sich nicht nur mit fremden Federn geschmückt haben, sondern auch bei Angaben zu Positionen und Instituten gemogelt haben.

Im Zentrum steht Hans-Werner Gottinger, ein 63-jähriger Ökonom aus Ingolstadt. Am morgigen Donnerstag wird die Fachzeitschrift "Research Policy" einen Fachbeitrag von Gottinger zurückziehen, den dieser vor 14 Jahren veröffentlicht hatte. Jetzt habe sich herausgestellt, "dass der Artikel von 1993 einen klaren und ernsten Fall von Plagiat darstellt", werden die Herausgeber der Zeitschrift in einem Editorial erklären, das SPIEGEL ONLINE vorab vorliegt.

"Es mag da einen Mangel an ausreichender Sorgfalt bei der Überprüfung der Vollständigkeit von Quellen und Referenzen gegeben haben", sagte der Beschuldigte zu SPIEGEL ONLINE. Gottinger spricht aber von Reviews (Besprechungen oder Überblicksarbeiten), die keinen Anspruch darauf erhoben hätten, "neue Ergebnisse über die bereits bekannten hinaus zu präsentieren".

Text und Formeln identisch

Ben Martin von der britischen University of Sussex widerspricht dem vehement. "Ich bin der Herausgeber einer Fachzeitschrift, ich kenne den Unterschied zwischen einem Überblicksartikel und einem Beitrag, der versucht, eigenen Erkenntnisfortschritt beizutragen", sagte er zu SPIEGEL ONLINE.

Martin hat für "Research Policy" die Plagiatsvorwürfe gegen Gottinger untersucht. Und tatsächlich heißt es in der Einleitung des strittigen Artikels des Ingolstädters: "Ein konzeptioneller Rahmen soll entwickelt werden, um die Beziehung zwischen Verbreitungsraten, Lernkurven und Nachfrage in Hinsicht auf SDI-bezogene Spin-Off-Technologien zu untersuchen." Das mag für Laien verwirrend klingen, erscheint aber doch klar wie ein Forschungsaufsatz. Nur dass Textteile darin absatzweise "und fast Wort für Wort" aus einem Beitrag des Forschers Frank Bass aus dem Jahr 1980 stammen - so hat es die Untersuchung von "Research Policy" ergeben. Auch Formeln seien fast identisch gewesen, und mehr noch: "Daten scheinen gefälscht worden zu sein."

Schon einmal war Gottinger mit einem Plagiatsvergehen aufgefallen: 1999 bemerkten die Herausgeber der wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschrift "Kyklos", dass der Ingolstädter in einer drei Jahre alten Arbeit einen anderen Fachbeitrag von 1992 abgekupfert hatte. Er habe ausführlich erklären können, was da passiert sei, sagte Gottinger, doch die Herausgeber hätten seine Erklärung unterdrückt. "Kyklos" zog den Beitrag deshalb zurück.

Plagiate viel weiter verbreitet, als gedacht?

Ben Martin fand weitere Ungereimtheiten. "Gottinger scheint ein Serien-Plagiator zu sein", sagt er. Nur einmal, so scheint es, ist Gottinger selbst zum Opfer geworden: Einer seiner Aufsätze aus dem Jahr 1992 sei 2005 von einem Kollegen aus Zimbabwe abgekupfert worden zu sein. Ironie der Forschungsgeschichte - oder ein düsteres Zeichen?

"Eine Schockwelle könnte durch die üblicherweise ruhigen Wasser der Sozialwissenschaften rollen", prophezeit die Wissenschaftszeitschrift "Nature". Denn eine Regel ist im wissenschaftlichen Publizieren ehern: Wer Texte und Angaben anderer Forscher übernimmt, muss dies entsprechend kennzeichnen.

"Es erscheint ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Plagiator unwissentlich eine Veröffentlichung eines anderen Plagiators aufgreift, um daraus abzuschreiben", betonen die Herausgeber von "Research Policy" - und fragen, ob betrügerisches Abschreiben nicht viel weiter verbreitet ist als bisher angenommen. Martins Ermittlungen lassen diesen Verdacht plausibel erscheinen - und wirken wie ein Krimi.

Lesen Sie die Details, die die Ermittler Gottinger vorwerfen:

Ermittlungen nach 14 Jahren

Ein aufmerksamer Leser war es, der im Juni 2007 den Stein ins Rollen brachte: Gottingers Fachbeitrag "Estimating demand for SDI-related spin-off technologies" über die wirtschaftlichen Aspekte von Ronald Reagans Star-Wars-Programm kam ihm komisch vor. Schon 1980 hatte Frank Bass im "Journal of Business" anscheinend ganz ähnliches geschrieben. Der Forscher alarmierte den Verlag Elsevier, zu dem die Fachzeitschrift "Research Policy" gehört.

Zwei Gutachter sahen sich die Aufsätze an. Herausgeber Ben Martin begann, sich Veröffentlichungen und Vita des Beschuldigten genauer anzusehen. Das Team stieß auf einen dritten Beitrag ("Paper"), in dem Gottinger offenbar aus einer anderen Arbeit abgeschrieben hatte, ohne dies anzugeben. Auch hier beruft sich der Ingolstädter darauf, dass es sich um eine Review-Arbeit handele.

"Normalerweise übergibt man in so einem Fall die Resultate der Nachforschungen der Institution, bei welcher der Autor beschäftigt ist, so dass diese weitere Nachforschungen anstellen kann", erläutert das Team von "Research Policy". Doch das, so stellte sich heraus, war im Fall Gottinger gar nicht so einfach.

Fiktives Institut

Das Institute of Management Science (IMS) an der niederländischen Universität Maastricht - diese Adresse fand Ben Martin in vielen Aufsätzen und Büchern Gottingers vor. Darum versuchte der Schotte, den gegenwärtigen Leiter des Instituts zu kontaktieren. Wie sich bald herausstellte, existierte es jedoch gar nicht. Kein IMS, kein Vorgesetzter - was hatte der Ingolstädter überhaupt mit der Hochschule zu tun? "Aufgrund unserer Nachforschungen hat die Universität Maastricht den Autor nun aufgefordert, nicht weiter zu behaupten, dass er in irgendeiner Weise der Universität angehört", heißt es im Editorial von "Research Policy". Eine Sprecherin der Hochschule bestätigte gegenüber "Nature": Gottinger war nie dort angestellt.

Er sei in den späten neunziger Jahren an einem Projekt des European Institute of Public Administration in Maastricht beteiligt gewesen, teilte Gottinger SPIEGEL ONLINE mit. "Das ist irreführenderweise, aber unbeabsichtigt in einigen Papers mit der Universität Maastricht in Verbindung gebracht worden, was falsch ist". Er habe sich dafür aufrichtig entschuldigt, erklärte der Forscher. Er räumte auch ein, dass es zu einer ähnlichen Verwechslung im Zusammenhang mit der Universität Osaka in Japan gekommen sei.

"Nature" berichtet indessen, man habe an weiteren Kontaktadressen nachgeforscht, die Gottinger zu unterschiedlichen Zeiten angegeben habe - viele hätten sich als falsch herausgestellt. Aus den Unterlagen von "Research Policy", die SPIEGEL ONLINE vorliegen, geht hervor, dass die Herausgeber mehrere wissenschaftliche Verbindungen zu unterschiedlichen Universitäten und Forschungsinstituten anzweifeln, ebenso wie die Mitgliedschaft Gottingers in wissenschaftlichen Beiräten mehrerer Fachzeitschriften. Gesichert sind diese Vorwürfe nicht. Allerdings steht fest, dass der nun erneut Beschuldigte im Jahr 2003 aus dem Beratergremium der Zeitschrift "Technology Forecasting and Social Change" ausschied - offenbar infolge des "Kyklos"-Plagiats.

Lange Karriere mit Zweifeln

Zwei zurückgezogene Papers und viele offene Fragen: Handelt es sich bei alledem um Missverständnisse, Verwechslungen und Nachlässigkeiten? "Er galt als hochintelligent, aber reserviert", sagte ein ehemaliger Kollege von der Universität Bielefeld zu "Nature". Ein anderer Weggefährte, der heute an einer Berliner Fachhochschule arbeitet, sagte, es sei schwer gewesen, mit Gottinger zusammenzuarbeiten, da er "nicht sehr kommunikativ" gewesen sei. Nichts davon ist verwerflich oder gar verboten.

Doch alleine die nachgewiesenen Plagiate stellen schwerwiegende Verstöße gegen die wissenschaftlichen Gepflogenheiten dar. Weitere Verdachtsmomente gibt es in großer Zahl.

1979, berichtet "Nature", sei Gottinger beim GSF Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit in München (mittlerweile ist es nach Neuherberg umgezogen) entlassen worden. Der Pressesprecher des Instituts, Heinz-Jörg Haury, sagte: "Es hat Unregelmäßigkeiten bei einem EU-Projektantrag gegeben." 1984 habe man sich daher von Gottinger getrennt. Der Forscher selbst teilte mit, er habe vielmehr gekündigt, weil die mündlich zugesagte Finanzierung eines Drittmittelprojekts geplatzt sei.

1988 wurde Gottinger dann aber Direktor des Fraunhofer-Instituts für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen in Euskirchen. Uwe Wiemken, der heutige Direktor des Instituts, sagte "Nature", die Berufung habe "nicht friedvoll geendet". Zu SPIEGEL ONLINE sagte er: "Erkennbar war, dass es Differenzen gab." Dies gehe ja auch aus der Tatsache hervor, dass Gottinger das Institut bereits nach kurzer Zeit wieder verlassen habe. Wiemken sagte auch, dass seines Wissens Plagiatsvorwürfe damals keine Rolle gespielt haben. In Österreich wäre Gottinger dann 1995 beinahe Rektor einer Hochschule geworden: An der Universität Klagenfurt fehlten ihm im entscheidenden Wahlgang nur wenige Stimmen.

Heute nennt der Forscher, der gegenüber SPIEGEL ONLINE eingeräumt hat, an keinem Institut und keiner Universität mehr angestellt zu sein, noch das International Institute for Technology Management and Economics (IITME) als Kontakt. Als Adresse nennt er dieselbe, unter der er und seine Frau auch im Ingolstädter Telefonbuch stehen. Wer das Institut mit dem wohlklingenden Namen mit der Internet-Suchmaschine Google sucht, findet lediglich drei Einträge - sie verweisen auf Fachaufsätze Gottingers.

Mit Material von dpa

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