Spektakulärer Fund in Ägypten Die versunkene Stadt am Nil

Bei Luxor haben Archäologen eine fast komplette Stadt entdeckt. Kann der Fund nahe dem berühmten Tal der Könige eine uralte Frage beantworten?
Die Straßen des Ortes sind von Häusern flankiert, einige ihrer Mauern sind bis zu drei Meter hoch, sagt der bekannte Ägyptologe Zahi Hawass

Die Straßen des Ortes sind von Häusern flankiert, einige ihrer Mauern sind bis zu drei Meter hoch, sagt der bekannte Ägyptologe Zahi Hawass

Foto: Zahi Hawass Center for Egyptolog / via REUTERS

Beinahe täglich überqueren in Luxor Touristen aus aller Welt den Nil. Auf einer viel befahrenen Straße auf dem Westufer, vorbei an Hotels und Andenkenshops, nehmen sie Kurs auf das berühmte Tal der Könige und den Totentempel der Hatschepsut. Allein diese Fahrt offenbart, welch gewaltiges archäologische Erbe die Stadt bereithält.

Es geht vorbei an Tausende Jahre alten Monumenten des alten Ägypten, zuerst kommen die Memnonkolosse, zwei rund 14 Meter hohe Statuen. Dann der riesige Totentempel von Amenophis III. Und wenn die Straße einen Knick gemacht hat, erscheinen irgendwann die mächtigen Säulen des Ramesseums, ein für Ramses II. errichteter Kultbau.

Ein paar Hundert Meter südöstlich liegt der Totentempel für Ramses III. Ganz in seiner Nähe begann ein Team um den bekannten Ägyptologen Zahi Hawass im vergangenen September zu graben. Ursprünglich waren sie auf der Suche nach dem Totentempel von Tutanchamun. Aber sie fanden etwas ganz anderes. Zuerst tauchten Lehmziegel aus dem Boden auf, heißt es in einer Mitteilung des ägyptischen Ministeriums für Tourismus und Altertümer. Dann Mauern, Räume, ganze Häuser und Gebäude.

Der Fundort am Westufer des Nils nahe dem Tal der Könige

Der Fundort am Westufer des Nils nahe dem Tal der Könige

Foto: - / AFP

Wie sich herausstellte, lag hier eine ganze Stadt etwa 3000 Jahre unberührt im Boden versteckt. »Die Straßen des Ortes sind von Häusern flankiert, einige ihrer Mauern sind bis zu drei Meter hoch«, so Hawass. Bis an den Rand der berühmten Arbeitersiedlung Deir el-Medina, wo die Spezialisten für die Gräber im Tal der Könige untergebracht waren, und den Totentempel von Ramses III. zog sich die Siedlung. Es soll die größte Stadt sein, die in Ägypten jemals gefunden wurde, heißt es in einem Artikel der ägyptischen Zeitung »Al Ahram«. Und die größte Siedlung in der Zeit des ägyptischen Reiches am Westufer von Luxor.

Hervorragend konserviert

Noch sind die Informationen aus Ägypten zu der Ausgrabung überschaubar. Aber offenbar konnte die Zeit dem Ort nicht viel anhaben, alles soll in dem trockenen Boden hervorragend konserviert sein. Die Ausgräber entdeckten eine Menge an Alltagsgegenständen der damaligen Menschen, darunter Werkzeuge wie Gussformen zur Herstellung von Amuletten oder zur Textilherstellung. Dazu Keramikgefäße, Ringe, bearbeitete Steingegenstände.

Im südlichen Teil lagen eine Bäckerei und große Kochstellen für die Essenszubereitung – mit Öfen und Aufbewahrungskeramik. Möglicherweise wurden hier sehr viele Menschen versorgt. Sogar ein Gefäß für Fleisch wurde gefunden, der Name des Metzgers stand noch lesbar darauf. Zudem ist von einem Verwaltungs- und Wohnviertel mit größeren und übersichtlichen Einheiten die Rede, das bereits teilweise freigelegt wurde.

Keramik vom Fundort: Ein altägyptisches Pompeji?

Keramik vom Fundort: Ein altägyptisches Pompeji?

Foto: Zahi Hawass Center for Egyptolog / via REUTERS

Die Funde sind derart gut erhalten, dass manche Ägyptologen schon von einem altägyptischen Pompeji schwärmen und bereits jetzt fordern, das Gebiet unter besonderen Schutz zu stellen. Hawass, ehemals Antikenminister des Landes, spricht von einer verlorenen Stadt aus der goldenen Epoche der Pharaonenzeit.

Nun ist Ägypten nicht gerade verlegen, wenn es gilt, neue archäologische Entdeckungen medienwirksam zu präsentieren. Der pompös inszenierte Umzug der Mumien aus dem alten ägyptischen Museum in Kairo in eine neue Ausstellung vergangene Woche ist das beste Beispiel dafür, was die ägyptische Regierung auf die Beine stellt, wenn es um die ruhmreiche Vergangenheit des Landes geht. Für Außenstehende ist es nicht immer leicht, den wahren Wert eines Fundes zu beurteilen, wenn er in Ägypten präsentiert wird. Vieles ist dann noch nicht wissenschaftlich publiziert.

Doch auch der Ägyptologe Richard Bußmann von der Universität Köln, der nicht an der Grabung beteiligt war, hält die Entdeckung für »unglaublich interessant und vergleichsweise sensationell«. Sie hat das Potenzial, neue Erkenntnisse in die Ägyptologie zu befördern.

Die altägyptische Stadt Theben auf dem Westufer des Nils, auf dessen Gebiet der Fund gemacht wurde, war über tausend Jahre lang bis ins dritte Jahrhundert vor Christus das religiöse Zentrum des altägyptischen Reiches. Viele ihrer Monumentalbauten sind ausgegraben und gut erforscht. Dadurch weiß die Wissenschaft viel über die Gewohnheiten in den Palästen, über Dynastien und Bestattungsrituale oder Jenseitsvorstellungen. »Aber wir wissen immer noch sehr wenig über das Leben der einfachen Menschen aus dieser Zeit«, sagt Bußmann.

Mühsame Ausgrabungen

Die Wohnsiedlungen von damals sind entweder den Veränderungen des Nilbetts zum Opfer gefallen oder sie wurden von anderen Siedlungen überbaut. Hinzu kommt, dass die Siedlungsarchäologie lange vernachlässigt wurde – die meisten Archäologen interessierten sich bis vor wenigen Jahrzehnten eher für die prunkvollen Überbleibsel der Mächtigen und erhalten für solche Grabungen auch leichter Fördergelder. Zudem ist das Ausgraben von Städten mühsam. Die Grabungen und Dokumentationen mit den vielen Bodenschichten brauchen Zeit, der Ertrag ist überschaubar. »Es dauert einfach, bis man eine Stadt wirklich verstanden hat«, sagt Bußmann.

Im Fall der nun entdeckten Ortschaft könnte sich das aber lohnen. Über Hieroglypheninschriften von Weingefäßen konnte sie in die Zeit von Amenophis III. in die 18. Dynastie datiert werden. Er regierte von 1391 bis 1353 vor Christus. Sein Totentempel befindet sich sehr nahe am Ausgrabungsort. Zu dieser Zeit leitete der Vater des berühmten Pharao Echnaton eine elementare Bauphase ein. Theben wurde regelrecht zu einem monumentalen Zentrum aufgepumpt. Der Tempel von Karnak auf dem anderen Nilufer wurde erweitert und dort entstand die größte Statue, die es je in Ägypten gab. Wer lebte zu dieser Zeit in der Siedlung?

Überreste eines Menschen nahe Theben

Überreste eines Menschen nahe Theben

Foto: Zahi Hawass Center for Egyptolog / via REUTERS

Bußmann hat Zweifel, dass es tatsächlich nur einfache Menschen waren und der Fund die Frage beantworten kann, wo das Volk von Theben eigentlich gewohnt hat. Es könnte überwiegend eine Produktionsstätte gewesen sein. Glasreste, die das Team von Hawass fand, deuten eher auf einen höheren Grad der Spezialisierung und damit auf Handwerker hin. Und die gehörten im alten Ägypten keinesfalls zum Fußvolk, sondern waren hoch angesehene Experten.

Auch Tarek Tawfik, Professor an der Cairo University, hält eher eine Versorgungssiedlung für wahrscheinlich. »Der Ausgrabungsort liegt auf dem Westufer des Nils. Auf dieser Seite finden wir üblicherweise die Stätten der Toten. Die Siedlungen der Lebenden befanden sich meist auf dem Ostufer«, sagt der Archäologe. Zudem deuten die archäologischen Befunde auf Arbeiter, Künstler und Beamte, die sich in dem freigelegten Areal aufgehalten haben. Sie waren wohl eher an der Fertigung des Grabes von Amenhotep III und dem Totentempel beteiligt, glaubt Tawfik, der ehemalige Generaldirektor des im Bau befindlichen Grand Egyptian Museums in Kairo.

Lehmsiegel mit Verbindung nach Karnak

Außerdem wurden auch die Überreste einer Bestattung gefunden. Dabei setzte man die Menschen damals eigentlich auf Friedhöfen bei. Vielleicht steht der Fund auch im Zusammenhang mit einem anderen Palast. Denn auch ein Lehmsiegel mit einer Inschrift wurde bei den Ausgrabungen entdeckt. Es liest sich »gm pa aton« und bezieht sich womöglich auf einen Tempel, den Echnaton in Karnak erbauen ließ. »Vielleicht war die Verwaltung der gefundenen Siedlung an diesen Tempel gebunden«, vermutet Bußmann.

Mit Echnaton befand sich das Reich in einem Umbruch. Der Pharao, der die Religion revolutionierte und Aton zum Gott über allen Göttern machte, verlegte die Hauptstadt von Theben nach Amarna in Mittelägypten. Obwohl die Siedlung bei Theben noch zur Zeit von Echnaton Nachfolger Tutanchamun und dessen Nachfolger König Eje II. besiedelt war, finden sich auch Spuren des Niedergangs. Der Ort wurde offenbar plötzlich verlassen. »Möglicherweise hat die religiöse Ausrichtung von Echnaton zum Untergang der Siedlung geführt«, so Tawfik .

Wer wirklich vor mehr als 3.000 Jahren in der Stadt gewohnt hat, wird erst die Zeit zeigen. Die Ausgrabungen sind längst noch nicht abgeschlossen.

Update: Dieser Text wurde nach seinem Erscheinen mit weiteren Statements von Professor Tarek Tawfik versehen.

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