Archäologie Älteste Hochgebirgssiedlung der Menschheit entdeckt

Dünne Luft, schweres Gelände: Das Hochgebirge ist kein Ort, an dem sich Menschen gern aufhalten. Doch bereits in der Steinzeit lebten sie in Afrika auf 3500 Metern. Forscher spekulieren über den Grund.

Götz Ossendorf/ DPA

Wenn der Mensch Berge besteigt, muss sich sein Organismus erst den Höhenbedingungen anpassen. Der Sauerstoff in der Luft wird knapper, das führt zu größerer Anstrengung für den Körper. Zudem ist es in der Höhe kälter. Deshalb wundert es nicht, dass sich Menschen im Laufe der Geschichte meist nicht in den Höhenlagen von Gebirgen niederließen.

Dennoch zog es sie manchmal dorthin. Frühe Höhensiedlungen kennen Forscher aus dem Andengebiet oder aus dem Hochland von Tibet. Aber in Afrika haben Archäologen nun die älteste Siedlung der Menschheit in so einer Lage entdeckt. Schon vor 47.000 Jahren lebten demnach Jäger und Sammler im Bale-Gebirge im heutigen Äthiopien. Der Fundort Fincha Habera liegt auf etwa 3500 Meter Höhe.

"Sie haben dort nicht nur lange Zeit verbracht, haben gegessen, gekocht, Fäkalien hinterlassen und Werkzeuge hergestellt, sondern die Ressourcen des Hochgebirges wiederholt, über viele Jahrtausende hinweg, genutzt", sagte Hauptautor Götz Ossendorf von der Universität Köln. Die Arbeit der Forscher ist im Fachblatt "Science" erschienen. An dem interdisziplinären Forschungsprojekt unter Leitung der Universität Marburg waren Wissenschaftler der Universitäten Köln, Bern, Halle-Wittenberg, Rostock, Bayreuth und Addis Abeba beteiligt.

Vom Basiscamp der Steinzeitmenschen aus unternahmen die damaligen Siedler Streifzüge in die Umgebung. Es handelte sich vermutlich um eine kleine Gruppe von 20 bis 25 Leuten. Die Wissenschaftler fanden zahlreiche Artefakte, darunter Steinwerkzeuge aus Obsidian. Aus diesem Naturglas, das durch vulkanische Aktivitäten entsteht, lassen sich sehr scharfe Klingen herstellen. Auch die Mayas und Azteken nutzten solche skalpellscharfen Werkzeuge bei Opferungen. In Fincha Habera besorgten sich die Siedler das Vulkanglas aus noch größeren Höhen von über 4200 Metern.

Das Obsidian könnte auch ein Grund gewesen sein, warum es die Menschen in diese unwirtliche Gegend zog, so Bruno Glaser, einer der Co-Autoren. Doch das bleibt Spekulation. Zunächst dachten die Forscher, schlechtere Lebensbedingungen in den eiszeitlichen Tallagen hätten die Menschen in die Berge getrieben. Doch dafür entdeckten sie keine Belege. Die Menschen fanden in jedem Fall genug zu essen und zu trinken und passten sich den Gegebenheiten des alpinen Hochgebirges an.

Sie tranken ganzjährig abschmelzendes Gletscherwasser und jagten die dort zahlreich vorkommenden Riesenmaulwurfsratten (Tachyoryctes macrocephalus). Dadurch konnten sie in der Höhenlage sowohl den größeren Kalorienbedarf decken, als auch übermäßige körperliche Anstrengungen vermeiden. Für geübte Jäger seien diese Tiere nicht schwierig zu erlegen gewesen, sagt Ossendorf.

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Bei den Siedlern handelte es sich um Homo sapiens. "Die haben keine Smartphones gehabt, aber kognitiv gibt es keinen grundsätzlichen Unterschied zu heutigen Menschen. Darüber hinaus zeichnet sich immer deutlicher ab, dass der prähistorische Homo sapiens schon früh in der Lage war, dauerhaft alle ökologischen Nischen erfolgreich zu besiedeln, darunter auch sehr unwirtliche Regionen."

Die Wissenschaftler fanden auch ein Straußenei. "Strauße kommen dort oben nicht vor, das heißt also, dass die Menschen in einem Austausch mit Leuten aus den Ebenen standen. Sie waren also Teil eines Netzwerks."

joe/dpa



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