Spektakulärer Schädelfund Forscher rekonstruieren Gesicht des ältesten Vormenschen

In Äthiopien haben Forscher einen außergewöhnlich gut erhaltenen Schädel entdeckt. Der fast vier Millionen Jahre alte Fund verändert den Blick auf die Evolution des Menschen.

Matt Crow/ Cleveland Museum of Natural History/ AFP

Gute Wissenschaftler brauchen Scharfsinn, aber auch ein wenig Glück - vor allem solche, die in der Erde nach allerlei alten Dingen suchen. Das zeigt auch ein aktueller Fund aus Äthiopien.

Forscher haben dort einen außergewöhnlich gut erhaltenen Schädel entdeckt. Das Stück ist rund 3,8 Millionen Jahre alt und gibt Einblick in die bislang rätselhafte Evolution unserer Vorfahren, schreibt das Team um Yohannes Haile-Selassie vom Cleveland Museum of Natural History im US-Bundesstaat Ohio im Fachblatt "Nature".

Mit Hilfe des Schädels konnte auch erstmals ein Gesicht der Art Australopithecus anamensis rekonstruiert werden. Diese gilt als frühester eindeutiger Ahne der Menschheit.

Schädelfund in Ostafrika
Bence Viola/ Cleveland Museum of Natural History/ AFP

Schädelfund in Ostafrika

A. anamensis ist die früheste bekannte Art der Gruppe Australopithecus. Bisher gab es nur spärliche Funde dieser Spezies, die wohl vor etwa 4,2 Millionen bis vor 3,8 Millionen Jahren in Ostafrika existierte. Darauf folgte der Australopithecus afarensis, der bis vor etwa drei Millionen Jahren lebte und vor allem mit dem berühmten Skelett von Lucy berühmt wurde.

Zum Vergleich: Die frühesten Funde des modernen Menschen Homo sapiens sind etwa 300.000 Jahre alt.

Den nun untersuchten Schädel mit dem Kürzel MRD hatten die Forscher 2016 in der Afar-Region entdeckt, etwa 550 Kilometer nordöstlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. An der Fundstelle Miro Dora wurden Tausende Fossilien von mehr als 80 Säugetierarten ausgegraben. Darunter sind etwa 230 Funde, die zu mehr als drei Millionen Jahre alten Vormenschen gehören. Das Areal ist nur etwa 50 Kilometer vom jenem Ort entfernt, an dem 1974 die etwa 3,2 Millionen Jahre alten Rest von Lucy entdeckt wurden.

Der jetzt untersuchte Schädel stammte wohl von einem erwachsenen männlichen Australopithecus. Entscheidende Informationen über den Fund lieferten den Forschern die Zähne.

"Es ist gut, dem Namen nun endlich auch ein Gesicht geben zu können."

"Die Beschaffenheit des Oberkiefers und eines Eckzahns waren ausschlaggebend dafür, den Schädel der Art A. anamensis zuzuordnen", sagt Co-Autorin Stephanie Melillo vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Es ist gut, dem Namen nun endlich auch ein Gesicht geben zu können."

Der Schädel des Vormenschen weist bereits komplexe Merkmale späterer Arten auf, trägt aber auch noch Eigenschaften, die an frühere und primitivere menschliche Vorfahren wie Ardipithecus und Sahelanthropus erinnern. Ardipithecus lebte vor rund fünf Millionen Jahren, Sahelanthropus sogar vor bis zu sieben Millionen Jahren.

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Anthropologie: Bekanntschaft mit Folgen

Der Schädel stellt bisherige Annahmen zur Evolution der Vormenschen infrage. Bislang gingen Forscher davon aus, dass sich A. afarensis - die Art, zu der Lucy zählt - allmählich aus A. anamensis entwickelt hat. Doch nach der Analyse des nun gefundenen Schädels ordnen die Forscher einen 1981 entdeckten und bislang rätselhaften Schädelknochen, der 3,9 Millionen Jahre alt ist, der jüngeren Art A. afarensis zu.

Das bedeutet, dass beide Arten mindestens 100.000 Jahre nebeneinander existiert haben müssen. Demnach hätte der jüngere A. afarensis den älteren A. anamensis nicht direkt abgelöst. "Das verändert unser Verständnis der menschlichen Evolution während des Pliozäns grundlegend", sagt Forscher Haile-Selassie. Das Pliozän reicht grob von vor gut fünf Millionen bis vor 2,5 Millionen Jahren.

Yohannes Haile-Selassie mit dem Fund
Cleveland Museum of Natural History

Yohannes Haile-Selassie mit dem Fund

Das Alter des Schädels haben Forscher um Beverly Saylor vom Case Western Reserve University in Cleveland in einem zweiten "Nature"-Paper anhand der umliegenden Schichten von Vulkangestein datiert und kamen auf 3,8 Millionen Jahre.

Zudem hat das Forscherteam aus versteinerten Pflanzenresten die damalige Landschaft und Vegetation rekonstruiert. Demnach mündete an der Fundstelle ein Fluss in einen See. Das Areal war zumindest teilweise bewaldet. Der Fluss entsprang wahrscheinlich im trockenen Hochland. Im Laufe der Zeit wurde die Gegend dann vollständig von Asche und Lava überformt.

Begeistert vom Fund des Schädels zeigt sich Fred Spoor vom Natural History Museum in London in einem Kommentar zu den Studien. "Dieser Schädel könnte eine weitere berühmte Ikone der menschlichen Evolution werden", schreibt er. "Bisher war A. anamensis nur durch Teile des Ober- und Unterkiefers, isolierte Zähne, einen kleinen Teil der Hirnschale und wenige Knochen bekannt."

Ob die computergestützte Rekonstruktion des Gesichts zu hundert Prozent stimme, wisse allerdings niemand. Trotzdem zeige die Arbeit, wie wichtig ein einzelnes Fossil für die Paläontologie sein könne.

joe/dpa

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