Philip Bethge

Folgen der Schweinepest in Deutschland Schweinehalter haben unser Mitgefühl nicht verdient

Philip Bethge
Ein Kommentar von Philip Bethge
Kann man dem Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland auch etwas Gutes abgewinnen? Ja. Die Seuche könnte Anlass sein, endlich die industrielle Massentierhaltung zu beenden.
Schweinestall in Osnabrück: Wer so etwas tut, ist ein schlechter Mensch

Schweinestall in Osnabrück: Wer so etwas tut, ist ein schlechter Mensch

Foto: Countrypixel / imago images

Von Dieselgate, immer schärferen CO2-Grenzwerten und der Coronakrise gebeutelt, liegt die Autoindustrie schon am Boden. Und jetzt geht es der nächsten Erfolgsbranche der deutschen Exportwirtschaft an den Kragen: den Schweinehaltern.

Vergangene Woche ist die für Wild- und Hausschweine meistens tödliche Afrikanische Schweinepest in Deutschland ausgebrochen. In Brandenburg wurden mehrere infizierte Wildschweinkadaver gefunden. China, Südkorea und Japan haben bereits einen Importstopp verhängt. Für die deutschen Schweinehalter ist das eine Katastrophe.

Verdienen die Mitarbeiter dieses Industriezweigs, die von vielen immer noch euphemistisch "Bauern" genannt werden, nun unser Mitgefühl? Das kann man spontan bejahen - aber ebenso schnell wieder verneinen, wenn man nur die jüngste Pressemitteilung des "Deutschen Tierschutzbüros" liest .

Die Aktivisten berichten von Videoaufnahmen aus einem Schweinebetrieb im emsländischen Sustrum, die zeigen, wie dicht gedrängte Schweine in ihrem eigenen Kot stehen müssen, wie viele der Tiere zum Teil sehr schwere "unbehandelte, blutige Verletzungen" aufweisen. "Riesige Tumore und Abszesse" seien zu sehen.

Quälerei mit Vorsatz

Teilweise könnten die Tiere nur noch humpeln. Auch seien tote zwischen den lebenden Tieren zu sehen. In den zwei von den Tierschützern dokumentierten Nächten sei zudem das Trinkwasser "offenbar bewusst" vom Betreiber abgestellt worden, eine bei Schweinemästern angeblich "beliebte, wenn auch gesetzlich verbotene Methode, damit die Tiere am nächsten Morgen schneller einen hochkalorischen Futterbrei aufnehmen". Die Tierschützer haben Strafanzeige gegen den Betrieb gestellt.

Das zeigt wieder einmal: Schweine werden in der industriellen Massentierhaltung gequält, seit Jahren, mit Vorsatz und toleriert von der Öffentlichkeit. Nach jedem neuen Skandal wird ein paar Tage lang über Haltungsbedingungen diskutiert, doch in den Ställen ist von Verbesserung kaum etwas zu sehen.

Noch immer fußt der Profit der konventionellen Schweinezucht auf einem Regime des Terrors für die Tiere. Wer für hochintelligente Lebewesen ein System der Ausbeutung erschafft, um sich daran persönlich zu bereichern, darf auf menschliches Mitgefühl in wirtschaftlichen Notlagen nicht hoffen. Wer so etwas tut, ist ein schlechter Mensch. Das ist eine altmodische Weise, die Dinge zu beschreiben. Aber Moral und Ethik dürfen nicht immer die letzten Kategorien sein, nach denen wir handeln. Das Schwein möchte anders leben, daran gibt es nicht den geringsten Zweifel.

Wir sollten aufhören, die konventionelle Bratwurst zu verteidigen

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich esse Schweinefleisch. Ich finde es in Ordnung, wenn Schweine geschlachtet und von Menschen als Koteletts mit Zwiebel-Rahm-Soße genossen werden. Aber sie müssen vorher ein Leben leben dürfen, das hohen ethischen und tierrechtlichen Standards genügt. All jenen, die diesen Text nun kopfnickend lesen, sei deshalb gesagt: Wir alle sind verantwortlich für die Schweinerei. Wer bessere Schweineleben fordert, muss mehr Geld für sein Fleisch bezahlen und weniger davon kaufen. Es ist höchste Zeit, sich diesen Luxus zu erlauben. Der Biofleischanteil in Deutschland liegt immer noch bei unter zwei Prozent. 

Die Schweinepest bietet nun die Chance, innezuhalten und die eigenen Essgewohnheiten infrage zu stellen. Es ist Zeit, die konventionell produzierte Bratwurst nicht weiter zu verteidigen. Auch den Schweinehaltern wünsche ich eine möglicherweise heilsame Verschnaufpause. Vielleicht wird es Zeit, auf eine ethischere Haltung umzustellen. Biobauern erzählen mir, dass eine höhere Wertschöpfung die Folge sein kann. Besser schlafen lässt es sich dann allemal.

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