Zufallsfund bei Studie Aggressivere Variante von HIV in den Niederlanden entdeckt

Bei einer Langzeitstudie sind Wissenschaftler einer bisher unbekannten Variante des HI-Virus auf die Spur gekommen. Sie ist wohl leichter übertragbar. Dennoch geben Experten Entwarnung.
Blutentnahme für HIV-Test

Blutentnahme für HIV-Test

Foto: Klaus-Dietmar Gabbert / dpa

Offenbar war es ein Zufallsfund während einer Langzeitstudie: Forscherinnen und Forscher haben eine bislang unbekannte, wohl ansteckendere Variante des HI-Virus in den Niederlanden entdeckt. Die sogenannte VB-Variante von HIV Typ 1, jener Form des Virus, die 1983 erstmals beschrieben wurde, weise eine etwa 3,5 bis 5,5 Mal höhere Viruslast auf, sei leichter übertragbar und habe das Potenzial, größere Schäden am Immunsystem anzurichten, schreiben die Wissenschaftler um Chris Wymant von der britischen Universität Oxford im Fachjournal »Science« .

Für Infizierte, die regelmäßig medizinisch kontrolliert werden, besteht der Studie zufolge wohl keine größere Gefahr. Auch scheint diese neue Variante andere nicht massiv zu verdrängen. »Die Beobachtung von solchen übertragbareren HIV-Varianten wird keine Krise für die öffentliche Gesundheit nach sich ziehen«, schreibt der nicht an der Studie beteiligte Wissenschaftler Joel Wertheim in einem Begleitbeitrag.

Nach Beginn der Behandlungen hatten die VB-Patienten demnach ähnliche Verläufe wie andere Patienten. Die Ergebnisse machten es umso wichtiger, dass Menschen mit einem gewissen HIV-Risiko Zugang zu regelmäßigen Tests haben, um frühzeitige Diagnosen und Behandlungen zu ermöglichen, heißt es in der Studie. »Das begrenzt die Zeit, in der HIV das Immunsystem schädigen und die Gesundheit gefährden kann«, sagte einer der beteiligten Forscher aus Oxford, Christophe Fraser, einer Mitteilung zufolge.

Die VB-Variante wurde erstmals bei Patienten eines langfristig angelegten Monitoring-Projekts nachgewiesen. Für die Beehive (Bridging the Epidemiology and Evolution of HIV in Europe) genannte Kampagne werden Proben aus Europa und Uganda gesammelt und analysiert. Dabei fielen 17 Fälle der Variante auf, 15 davon stammten aus den Niederlanden. In Tests von weiteren Tausenden in den Niederlanden getesteten Patienten fand man 92 weitere Infizierte mit der VB-Variante. Diese soll sich bereits während der Achtziger- und Neunzigerjahre in dem Land verbreitet haben. Seit etwa 2010 soll sich die Verbreitung den Forschern zufolge jedoch wieder verlangsamt haben.

Warum die neue Variante ansteckender ist, können die Forscher noch nicht sagen. Genanalysen zeigten, dass die VB-Variante bei fast 300 Aminosäuren verändert ist. Das macht es schwierig, den Grund herauszufinden.

»Die Studie ist ein weiteres Puzzlestück für unser Verständnis der Evolution von HIV«, sagte der Virologe Maximilian Muenchoff von der Ludwig-Maximilian-Universität München der Deutschen Presse-Agentur. Der Experte macht sich jedoch wenig Sorgen darum, dass die Variante der HIV-Epidemie neuen Schwung verleihen könnte.

»Die Effekte sind zwar statistisch signifikant, aber im großen epidemiologischen Kontext eher nebensächlich.« Das sehe man auch daran, dass die Variante schon seit Jahrzehnten zirkuliere, ohne andere Varianten verdrängt zu haben. Für behandelte Patienten seien ohnehin die Therapie und ein gesunder Lebensstil entscheidender als die virologischen Faktoren.

Der Virologe Hans-Georg Kräusslich von der Universität Heidelberg rechnet auch nicht damit, dass die entdeckte Variante zu einem schnelleren Verlauf der HIV-Infektion hin zu einer Aids-Erkrankung führen wird. »Angesichts des langen Zeitraums und der recht geringen Zahl spricht nichts für eine rasche Ausbreitung«, sagte er.

Ursprung im Tierreich

HIV wird unterschieden in HIV-1 und HIV-2, die jeweils weiter in verschiedene Subtypen unterteilt werden. Der Typ 1 wurde 1983 zum ersten Mal am Institut Pasteur in Paris beschrieben – zwei Jahre, nachdem die ersten Fälle von Aids von Medizinern registriert worden waren. Das verwandte HIV-2 wurde 1986 aus westafrikanischen Aids-Patienten isoliert.

Aber Studien hatten gezeigt, dass das Virus weit älter ist. Die älteste gesicherte HIV-1-Infektion stammt aus dem Jahr 1959 und wurde bei einem afrikanischen Patienten entdeckt. Möglicherweise trat das Virus, das als sogenannte Zoonose von Affen auf den Menschen übergegangen ist, bereits im frühen 20. Jahrhundert erstmals bei Patienten und Patientinnen auf.

Derzeit leben rund 38 Millionen Menschen weltweit mit dem Virus.

joe/dpa

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