Aggressives Virus WHO geht von H5N1-Fund in Rumänien aus

Die Hinweise verdichten sich, dass der für den Menschen bedrohliche Vogelgrippe-Erreger endgültig nach Europa vorgedrungen ist. Das in Rumänien gefundene Virus gehört nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation wahrscheinlich zum gefährlichen Typ H5N1.

Berlin/Brüssel - "Die Untersuchungen laufen noch, aber wir müssen davon ausgehen, dass es sich wahrscheinlich um einen H5N1-Stamm handelt", sagte Klaus Stöhr, Leiter des Influenza-Programms der Weltgesundheitsorganisation (WHO), im Deutschlandfunk. Eine weitere Verbreitung des Virus' durch Zugvögel sei zu befürchten. Mit dem Näherkommen der Seuche müssten die europäischen Länder ihre Gegenmaßnahmen überdenken, forderte Stöhr.

Letzte Sicherheit, ob es sich bei dem in Rumänien entdeckten Vogelgrippe-Virus tatsächlich um H5N1 handelt, wird es aber erst am morgigen Samstag geben. Wie die EU-Kommission mitteilte, werde sich die Untersuchung um einen Tag verzögern, da die Proben wegen Zollbestimmungen verspätet in dem Speziallabor in Großbritannien eintreffen würden.

Erst am Donnerstag hatte die EU-Kommission bestätigt, dass in der Türkei das aggressive Virus H5N1 aufgetreten ist. Am kommenden Dienstag sollen die EU-Außenminister in Luxemburg zu einer Sondersitzung zusammenkommen, um auch über die Ausbreitung der Vogelgrippe zu beraten. Dies teilten Diplomaten in Brüssel mit.

Kein Grund zur Entwarnung

Unter den Experten und auch innerhalb der WHO gibt es allerdings unterschiedliche Meinungen, wie die Gefahr zu bewerten sei. "Wir stehen keiner menschlichen Seuche gegenüber, und die Tatsache, dass das Virus H5N1 an den Toren Europas angekommen ist, bedeutet nicht, dass man die Strategie ändern müsste", sagte der Leiter des europäischen Ablegers der WHO, Roberto Bertollini, gestern in Rom. Bislang werde der Erreger immer noch von Tier zu Tier weitergegeben, und dass die Epidemie sich unter Tieren verbreite, heiße nicht unbedingt, dass sie sich auch beim Menschen massenhaft ausbreiten werde.

Die Vogelgrippe

WHO-Experte Stöhr sieht dagegen keinerlei Grund für eine Entwarnung. Er wiederholte die Warnung vor einer verheerenden Seuche unter Menschen. Sowohl die WHO als auch die Vereinten Nationen betonen seit Monaten, dass H5N1 mutieren und eine Grippewelle mit Millionen von Toten auslösen könnte. H5N1 sei "ein möglicher Kandidat, der die nächste Grippe-Pandemie verursachen" könne, sagte Stöhr. Auch wenn man mit der Impfstoffproduktion erst beginnen könne, wenn die Seuche aufgetreten sei, müsse jetzt die Impfstoffentwicklung vorangetrieben werden.

Es sei wahrscheinlich, dass sich die Vogelgrippe weiter ausbreite, sagte Stöhr. Er warnte vor einer Grippe-Pandemie in Deutschland. In den vergangenen Monaten habe sich das Virus offenbar durch Zugvögel von China in die Mongolei, nach Kasachstan, Russland und "nun ganz schnell in die Türkei und vielleicht auch nach Rumänien ausgebreitet".

Man müsse vom schlimmsten Fall ausgehen, sagte der Generalsekretär des Bauernverbandes, Helmut Born, im Deutschlandfunk. Das Virus sei bei den Tieren sehr aggressiv, daher müssten Tiere und Tierhalter geschützt werden. "Die Tiere müssen in den Stall." Der Krisenstab der Bundesregierung müsse seine Haltung zur Stallpflicht überdenken. Bisher hat Berlin kein generelles Verbot der Freilandhaltung von Geflügel ausgesprochen.

Gefahr durch illegalen Handel

Der amtierende Verbraucherschutzminister Jürgen Trittin (Grüne) betonte, die Ausbreitung dieser Tierseuche in die EU und nach Deutschland müsse nach Kräften unterbunden werden. Nur so sinke die Gefahr, dass Menschen ebenfalls erkrankten, sagte er im ZDF-"Morgenmagazin".

Trittin kündigte für den Nachmittag ein Treffen mit den Bundesländern an. Dort solle darüber geredet werden, ob große Geflügelbestände, die noch im Freien sind, in den Stall gebracht werden müssen. Das müsse aber auf der Basis regionaler Einschätzungen geschehen.

Experten schätzen die Gefahr durch Zugvögel geringer ein als die Bedrohung durch illegalen Handel mit Geflügelprodukten aus Rumänien und der Türkei. In seiner jüngsten Risikobewertung bezeichnet das Friedrich-Loeffler-Institut, das zuständige Bundesinstitut für Tiergesundheit, die Gefahr einer Einschleppung durch illegalen Handel als "hoch", während von Zugvögeln nur eine "geringe bis mäßige" Gefahr ausgehe.

Trittin hat Reisende aus der Türkei und Rumänien zur Vorsicht aufgerufen. Wer aus diesen Ländern nach Deutschland zurückreise, dürfe keine Lebensmittel, keine Tiere oder keine Tierbestandteile wie Federn mitnehmen. Schon jetzt sei der Import von Lebensmitteln aus der Türkei und Rumänien verboten. Es werde alles unternommen, die Ausbreitung der Vogelgrippe zu unterbinden.

Dass die EU-Kommission für Rumänien erst Entwarnung gegeben habe und dann wieder aufgehoben habe, bewertete der Minister als "nicht glücklich". Trittin sagte: "Wenn man Entwarnung gibt, muss das auch stimmen."

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