Ahnenforschung des Homo sapiens So sieht der DNA-Stammbaum der Menschheit aus

Mit Genomdaten von rund 3.600 Individuen haben Forscher den bisher umfassendsten Stammbaum der Menschheit erstellt – inklusive Neandertaler-Erbe. Er zeigt auch: In Amerika lebten Menschen womöglich schon viel früher als gedacht.
In Genen verstecken sich Erkenntnisse darüber, wie der moderne Mensch sich auf der Welt ausgebreitet hat

In Genen verstecken sich Erkenntnisse darüber, wie der moderne Mensch sich auf der Welt ausgebreitet hat

Foto: Andrew Brookes / Cultura RF / Getty Images

Alle Menschen dieser Welt sind miteinander verwandt. Wie genau, das zeigt ein neuer Stammbaum des Homo sapiens, den Wissenschaftler an der Universität Oxford entwickelt haben. Sie nennen ihn die »Genealogie des Menschen«.

Vorgestellt wurden die Arbeit in der Fachzeitschrift »Science« .

»Die Geschichte der Menschheit ist in unseren Genen geschrieben«, sagte der Hauptautor der Studie, Anthony Wilder Wohns vom Massachusetts Institute of Technology und der Harvard University. »Und die Rekonstruktion unserer Genealogie ermöglicht es uns, diese Geschichte zu lesen.«

Dieser Stammbaum des modernen Menschen sei der umfassendste, der je erstellt wurde. Er basiert auf modernen und teils uralten Genomdaten von mehr als 3.600 Menschen aus der ganzen Welt. Und er soll helfen zu verstehen, wie sich der moderne Mensch auf dem Planeten ausgebreitet hat.

Genetische Spuren vom Homo erectus

Die Wurzeln des Homo sapiens reichen demnach in den Nordosten Afrikas zurück – und in eine Zeit, weit bevor von einem ersten modernen Menschen die Rede sein konnte. »Die frühesten Vorfahren, die wir identifizieren konnten, gehen auf einen geografischen Ort im heutigen Sudan zurück«, sagte Wohns. Diese Vorfahren hätten zu einer Zeit gelebt, die bis zu einer Million Jahren und noch weiter zurückreiche. »Das ist viel älter als die derzeitigen Schätzungen für das Alter des Homo sapiens.«. Das Alter des modernen Menschen schätze man auf 250.000 bis 300.000 Jahre. Daraus folge, so Wohns: »Teile unseres Genoms wurden also von Individuen geerbt, die wir nicht als moderne Menschen erkennen würden.«

Vermutlich stamme der Millionen Jahre alte genetische Beitrag von der Spezies Homo erectus, erklärte der Wissenschaftler weiter. Der Homo erectus, der vor etwa 1,9 Millionen Jahren bis vor rund 110.000 Jahren lebte, war die erste Spezies in der menschlichen Evolutionslinie, deren Körperproportionen unseren eigenen ähneln.

»Große Mengen an Denisova-Vorfahren«

Die Studie, die vom Big Data Institute der Universität Oxford geleitet wurde, zeige auch, wie ausgestorbene Menschenarten genetische Nachkommen unter den heutigen Menschen auf der ganzen Welt hinterlassen haben. So finde sich ein genetisches Erbe der Denisova-Menschen und der Neandertaler in den Genomdaten, allerdings nicht in Afrika. »Zum Beispiel haben Menschen in Papua-Neuguinea und Ozeanien ziemlich große Mengen an Denisova-Vorfahren«, sagte Wohns. Aber auch Menschen, die in Europa leben, hätten einige Vorfahren, die wie diese alten Menschen aussähen.

Die Forscher wollten bei ihrer Arbeit nachvollziehen, wie genetische Mutationen, die bei Vorfahren des modernen Menschen auftraten, und über die Generationen bis zum heutigen Tag weitergegeben wurden. Auch die Teile des Genoms, in denen diese Mutationen vorkommen, ließen sich zurückverfolgen.

Die Erkenntnisse könnten dazu beitragen, zu klären, wann und wo sich in der Vergangenheit wichtige Bevölkerungsentwicklungen vollzogen hätten – wie die große »Out of Africa«-Migration, die den Homo sapiens in entfernte Gebiete außerhalb des afrikanischen Kontinents führte: Die bedeutendste Abwanderung fand vermutlich vor etwa 72.000 Jahren statt. Andere Studien hatten bereits gezeigt, dass Gruppen von Homo sapiens Afrika zu verschiedenen Zeiten in der Vergangenheit verlassen hatten.

Wann erreichte der Mensch Amerika?

Die Studie lasse zudem vermuten, dass bestimmte Menschenarten Amerika und Ozeanien deutlich früher besiedelt hatten, als man aus den frühesten archäologischen Nachweisen menschlicher Anwesenheit in diesen Regionen schließen könnte: Möglicherweise gab es bereits vor 56.000 Jahren Vorfahren in Amerika. Auch in Ozeanien – insbesondere in Papua-Neuguinea – habe schon vor 140.000 Jahren vermutlich eine »signifikante Anzahl menschlicher Vorfahren« gelebt.

Der Wissenschaftler Wohns wies allerdings darauf hin: Eindeutige Beweise liefere die Methode der Untersuchung nicht.

vki/Reuters
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