Aids Mitochondrien könnten Erkrankungszeitpunkt beeinflussen

Eine HIV-Infektion bedeutet nicht gleich das Todesurteil. Bis zum Ausbruch der Krankheit Aids vergehen einige Jahre. Wie lange es dauert, ist sehr unterschiedlich. Wissenschaftler haben nun einen möglichen Faktor gefunden, der das beeinflusst: die Gen-Ausstattung der Mitochondrien.


Die Behandlungsmöglichkeiten von HIV-Infizierten haben sich seit den ersten Fällen von Aids stark verbessert. Dank ausgeklügelter Medikamentencocktails und konsequenter Behandlung ist die Lebenserwartung HIV-Positiver im Schnitt um durchschnittlich 13 Jahre gestiegen.

Dennoch: Irgendwann hat das Virus das Immunsystem lahmgelegt, und die Krankheit Aids bricht aus. Wie schnell das passiert, ist individuell sehr unterschiedlich. Ein unbehandelter HIV-Positiver stirbt im Schnitt rund elf Jahre nach der Infektion mit dem Virus an Aids.

Nun haben Wissenschaftler einen Faktor gefunden, der den Zeitpunkt des Krankheitsausbruchs möglicherweise beeinflusst: die Mitochondrien - Organellen im Inneren der Körperzellen, die ihnen Energie bereitstellen. Unabhängig vom Erbgut im Zellkern besitzen die Mitochondrien eigene DNA.

Stephen O'Brien vom National Cancer Institute im US-Bundesstaat Maryland hat gemeinsam mit seinen Kollegen fünf Langzeitstudien an insgesamt 1833 HIV-Infizierten ausgewertet, die während der achtziger und neunziger Jahre beobachtet wurden. Damals wurde noch keine antiretrovirale Therapie eingesetzt, die die Ausbreitung der HI-Viren im Körper unterdrückt. Die Wissenschaftler konnten somit den unbeeinflussten Krankheitsverlauf analysieren.

Als sie die Zeitverläufe bis zum Ausbruch von Aids mit dem Erbgut der Patienten in Verbindung brachten, zeigte sich eine interessante Korrelation: Patienten mit raschem Krankheitsausbruch hatten Mitochondrien mit bestimmten Genvarianten namens U5a1 und J, berichten die Wissenschaftler im Fachmagazin " Aids". Diese Patienten entwickelten doppelt so schnell Aids-Symptome wie andere Infizierte ohne diese Genvarianten. Die Variante H3 hingegen erwies sich offenbar als vorteilhaft. Patienten mit dieser Genvariante in ihren Mitochondrien entwickelten Aids-Symptome doppelt so langsam wie andere.

Nach Ansicht der Forscher stütze dies Theorien, dass die Mitochondrien an der Ausbreitung der Viren beteiligt sind. Das HI-Virus veranlasst Immunzellen zum Selbstmord - offensichtlich finde dies leichter in Zellen statt, die weniger Energie produzieren. "Weniger Energie zur Verfügung zu haben, scheint die Effekte der Krankheit zu verstärken", sagte Sher Hendrickson dem Wissenschaftsmagazin "New Scientist". U5a1 und J, so glauben die Forscher, scheinen für diesen Energiemangel verantwortlich zu sein.

Die Erkenntnisse der Wissenschaftler könnten auch bei der Entscheidung helfen, wann ein Patient mit der nebenwirkungsreichen Therapie beginnen sollte. Zudem könnten Ärzte bei der Wahl der Medikamentenkombination die individuelle mitochondriale DNA eines Patienten berücksichtigen.

lub



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