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27. September 2004, 15:05 Uhr

Airbus-Pannen

Jet-Triebwerke in der Luft entblättert

Von Joachim Hoelzgen

In Chaträumen und Internet-Foren werden die unglaublichsten Geschichten erzählt. Unglaublich, aber echt ist das Bild, das ein Fluggast schoss und in einem Forum für Berufspiloten veröffentlichte: Ein mitten im Flug enthülltes Triebwerk. Seither brodelt es im "Professional Pilots Rumour Network".

Passagier-Foto eines nackten Airbus-Triebwerks (Screenshot): Angstvolle Momente für Passagiere und Besatzung

Passagier-Foto eines nackten Airbus-Triebwerks (Screenshot): Angstvolle Momente für Passagiere und Besatzung

Ein beklemmender Anblick bot sich am 13. Juli dieses Jahres den Insassen eines Airbus A320, der gerade vom Großflughafen in Atlanta (US-Staat Georgia) abgehoben hatte: An einem Triebwerk löste sich die Verkleidung aus Metall. Die Ummantelung brach ab und flog davon, wobei Teile der Triebwerksaufhängung und auch der Flügel-Vorderkanten schwer beschädigt wurden.

Dem Flugkapitän fiel das Fehlen der Triebwerksverkleidung nicht auf, wohl aber den Passagieren, die das Kabinenpersonal verständigten. Daraufhin machte der Pilot der amerikanischen Gesellschaft Ryan International Airlines das einzig Richtige: Er kehrte zum Hartfield Jackson International Airport zurück und setzte dort sicher auf. Warum die Triebwerksverkleidung abgebrochen war, wird derzeit vom National Transportation Safety Board, der Flugsicherheitsbehörde in Washington, geprüft.

Nachzulesen war die Schreckgesichte im "Professional Pilots Rumour Network" (PPRuNe), eine Internet-Plattform für Berufspiloten. "Unser Beruf verhindert, dass wir den Büroalltag leben, der für die meisten Menschen normal ist", heißt es auf der Webseite. "Den üblichen Klatsch bekommen wir nicht mit." Das Internet sollte Abhilfe schaffen, und das funktioniert offenbar bestens: Seit sieben Jahren diskutieren Berufsflieger in dem Forum über Sicherheitsfragen, Flugtechnik und haarsträubende Zwischenfälle wie den Turbinen-Striptease des Airbus im Juli 2004.

"Aussteigen und nach Hause gehen"

Das Foto des entblätterten Triebwerks erhitzte die Gemüter bei PPRuNe. "What would you do?" (Was würden Sie tun?) fragte der User namens "Ultralights", der das Foto ins Netz gestellt hatte. Antworten ließen nicht lange auf sich warten. "Wer hat den Dosenöffner am Sicherheits-Check vorbeibeschmuggelt?", lautete der launige Kommentar eines Users. Ein anderer Diskussionsteilnehmer empfahl: "Den Höhenmesser auf Null stellen, aussteigen und nach Hause gehen." Ein Pilot riet zu folgender Durchsage aus dem Cockpit: "Meine Damen und Herren, hier spricht ihr Kapitän. Wir beginnen jetzt mit der Lektion darüber, wie das Innere eines Jet-Triebwerks funktioniert."

Das Missgeschick war nicht das erste seiner Art. Das National Transportation Safety Board verweist auf einen weiteren Zwischenfall, der sich schon am 13. September 2000 in Kanada ereignete, als die Triebwerksverkleidung eines Airbus A320 nach dem Start vom Lester B. Pearson International Airport in Toronto weggeflogen war.

Mechaniker hatten damals nach Wartungsarbeiten am Triebwerk den Schließmechanismus nicht richtig angezogen. Andere Bodenwarte hatten den Fehler nicht bemerkt - und auch nicht der Flugzeugführer der Gesellschaft Skyservice Airlines, der die Maschine vor dem Start noch inspizierte.

Sicherheitsbehörde verlangte Nachbesserung

Dabei hätte es zu dem jüngsten Malheur in Atlanta nicht kommen müssen. Denn bereits im Oktober letzten Jahres, so berichtet nun die Zeitschrift "Aviation Week & Space Technology", hatte die gestrenge Flugaufsichtsbehörde Federal Aviation Authority (FAA) eine Nachbesserung an den Triebwerksverkleidungen verlangt: An den Riegeln, die sie zusammenhalten, solle die Vorspannung erhöht werden, und die Verschlüsse selber müssten eine Sicherung erhalten, so dass sie sich im Flug nicht öffnen können, wünschte die FAA in einer für alle Luftlinien verbindlichen Erklärung.

Die Aufseher der FAA haben die Nachrüstung der Triebwerkshauben sogar ausgedehnt. Sie muss bei allen Jets der Typenreihen Airbus A319, A320 und A321 vorgenommen werden, die mit Triebwerken des US-Herstellers International Aero Engines ausgestattet sind.

Bei der Lufthansa habe man in der Sache allerdings schon vorgesorgt, erklärt Bernd Habbel, Sprecher der Lufthansa Technik in Hamburg. Nur die Airbus-A321-Flotte sei mit solchen Strahltriebwerken ausgerüstet. Und diese Maschinen seien schon seit dem Jahr 2000 auf den jetzt geforderten Standard gebracht worden, versichert er.

Die Ryan International Airlines in Wichita (US-Staat Kansas) nehmen es inzwischen ganz genau. Sie haben die Verschlussriegel auch noch mit grellen Farben angemalt: Nun sind sie leichter zu erkennen, wenn sie aus der Triebwerksverkleidung herausragen - der Beleg dafür, dass sie nicht vollständig geschlossen sind.

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