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05. März 2014, 13:47 Uhr

AKW-Sicherheit

Umweltaktivisten besetzen Reaktorgelände

Atomkraftgegner sind in Frankreich und der Schweiz auf Gelände von Atomkraftwerken gelangt. Nach einer Greenpeace-Studie zur Sicherheit alter Reaktoren fordern sie die Abschaltung der Meiler. Einige Aktivisten wurden festgenommen.

Parallel zur Veröffentlichung einer Studie zur Reaktorsicherheit in Europa haben Atomkraftgegner in Frankreich und der Schweiz Kernkraftwerke besetzt. Im schweizerischen Beznau im Kanton Aargau und im französischen Bugey im Département Ain gelangten am Mittwoch Greenpeace-Aktivisten auf die Gelände der AKW, wie die Umweltorganisation mitteilte. Im nordfranzösischen Gravelines wurde eine Aktion von der Polizei verhindert, wie das Innenministerium in Paris bekanntgab.

In Beznau drangen rund hundert Atomkraftgegner aus mehreren europäischen Ländern - darunter aus Deutschland, Österreich und Frankreich - auf das Gelände des Kraftwerks vor und entrollten mehrere Spruchbänder mit dem Slogan "The End". Sie forderten die Abschaltung des Kraftwerks. Laut Polizei war die Lage unter Kontrolle, der Protest friedlich. Mit 45 Jahren Laufzeit ist Beznau-1 das älteste Atomkraftwerk der Welt, das noch in Betrieb ist.

Festnahmen nach gescheitertem Kletterversuch

In Bugey blockierten dutzende Aktivisten mit zwei Kleinlastwagen die Zufahrt zum AKW. Sie forderten dessen Abschaltung bis 2018. Bugey ist nach den Anlagen in Fessenheim das älteste Atomkraftwerk Frankreichs und wird 2018 40 Jahre in Betrieb sein. Die Betreibergesellschaft teilte mit, der Betrieb des Kraftwerks sei durch die Aktion nicht beeinträchtigt worden.

In Gravelines scheiterten etwa 20 mutmaßliche Greenpeace-Aktivisten mit dem Vorhaben, an einer Fassade der Anlage hochzuklettern. Die Aktivisten - unter ihnen neben Franzosen auch Deutsche, Dänen, Briten und Kanadier - seien vorübergehend festgenommen worden, teilte das Innenministerium mit.

AKW deutlich länger in Betrieb als vorgesehen

Die vom Öko-Institut in Freiburg für Greenpeace verfasste Studie zur Reaktorsicherheit warnt vor Gefahren durch veraltete AKW. In vielen europäischen Ländern seien Reaktoren viel länger in Betrieb als ursprünglich geplant, erklärte das Institut. Zugleich müssten die Alt-AKW mehr Strom produzieren.

Die insgesamt 152 Reaktoren in der EU, der Schweiz und der Ukraine seien technisch für eine Lebensdauer von 30 bis 40 Jahren ausgelegt. Die durchschnittliche Betriebszeit liege inzwischen bei 29 Jahren. Oftmals seien aber Laufzeit-Verlängerungen auf 50 bis 60 Jahre geplant.

Ausgerechnet die ältesten Akw in Europa müssten zugleich ihre Produktion erhöhen, kritisierte Simone Mohr, Nukleartechnik-Expertin am Öko-Institut. In einigen Fällen liege die Produktion bereits 20 Prozent über der ursprünglich geplanten Leistung.

Als Beispiele für Alt-Meiler nannte Mohr die Anlagen Beznau-1 und -2 sowie Mühleberg in der Schweiz und Fessenheim in Frankreich. Bei einem Atomunfall wie im japanischen Fukushima würden "Millionen Menschen" in der Region um Bern, Basel und Zürich betroffen sein. Bauliche Alterungsprozesse, überholte technische Ausstattungen und der Verlust von Fachwissen durch ausscheidende Mitarbeiter führten zu einer Erhöhung des Risikos eines Atomunfalls.

Der Kampf von Umweltverbänden gegen Atomenergie stößt allerdings zunehmend auf Unverständnis ausgerechnet unter Klimaforschern. Deren Argument: Nuklearstrom sei ein wichtiges Instrument im Kampf gegen die Treibhausgas-Emissionen, und insbesondere die Kohleverstromung sei für die Gesundheit der Menschen wesentlich gefährlicher als die Atomenergie.

jme/afp

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