AKW-Abschaltung Stade liefert den letzten Strom

Dreieinhalb Jahre nach der Einigung auf den Atomausstieg wird es erstmals ernst für einen regulär betriebenen deutschen Reaktor. Am Freitag wird das AKW Stade nach fast 32-jähriger Betriebszeit abgeschaltet.

Die Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Betreibern hatte bislang nur zum endgültigen Aus für das AKW Mülheim-Kärlich geführt, das aber über 13 Monate Probebetrieb in den achtziger Jahr nie hinaus gekommen war. Nun geht der erste regulär betriebene Reaktor vom Netz: Am frühen Freitagmorgen wollen E.on-Vorstandsmitglied Walter Hohlefelder und der niedersächsische Umweltminister Hans-Heinrich Sander die vorzeitige Stilllegung des Kraftwerks bekannt geben.

Im Kreishaus in Stade werden vom heutigen Dienstag an auch elf Einwendungen erörtert, die Anwohner gegen die Genehmigung für den Abriss des Kraftwerkes erhoben haben. Die Genehmigung für den schrittweisen so genannten "Rückbau", die der Betreiber E.on Kernkraft im Sommer 2001 beantragt hatte, will das Umweltministerium in Hannover nach eigenen Angaben dann im nächsten Jahr erteilen.

Anwohner-Protest gegen Abriss

Der Rückbau des nuklearen Teils der Anlage könne ohnehin erst im Jahre 2005 nach dem Abtransport aller abgebrannten Brennelemente beginnen, sagt Ministeriumssprecherin Jutta Kremer-Heye. Die elf Anwohner, die zum Teil umfangreiche Einwendungen vorgelegt hätten, befürchteten etwa Strahlenbelastungen durch den Abriss. Außerdem soll mit dem Abriss auch der Bau eines Zwischenlagers auf dem Kraftwerksgelände genehmigt werden, das radioaktiv belastete Komponenten des Kraftwerks bis zu 40 Jahre lang aufnehmen soll. Radioaktiver Abfall seien aber nur zwei bis drei Prozent der gesamten Kraftwerksmasse, versichert Kremer-Heye.

Das AKW Stade ging am 8. Januar 1972 offiziell in Betrieb und speiste drei Wochen später den ersten Strom ins Netz ein. Nach dem AKW Obrigheim, das schon seit 1968 läuft, ist es das zweitälteste kommerzielle Atomkraftwerk in Deutschland. Obrigheim, dessen Laufzeit nach der Ausstiegsvereinbarung schon im Dezember 2002 zu Ende gehen sollte, hat mit Zustimmung der Bundesregierung eine Betriebsverlängerung bis 2005 bekommen. Dem Reaktor mit 360 Megawatt Leistung wurde ein Teil der Reststrommenge des AKW Philippsburg II übertragen, das dafür etwas früher als 2017 vom Netz muss.

E.on: Abschaltung hat wirtschaftliche Gründe

Die im Atomkonsens vorgesehene Regellaufzeit von 32 Jahren, bei der bestimmte Stillstandszeiten etwa für Reparaturen nicht mitzählen, ist bei Stade erst in einem Dreivierteljahr erreicht. Da das Kraftwerk nun schon früher abgeschaltet wird, darf E.on ein anderes AKW länger laufen lassen. Nach Angaben der Sprecherin der E.on Kernkraft, Petra Uhlmann, wird diese "Reststrommenge" derzeit noch errechnet.

E.on hat diese Woche die vorzeitige Stilllegung seines 660-Megawatt-Reaktors ausdrücklich noch einmal betriebswirtschaftlich begründet. Sinkende Erlöse auf Grund der Liberalisierung des Strommarktes, eine drastische Erhöhung des Wasserentnahmegeldes in Niedersachsen und das Verbot der Auslandswiederaufbereitung ab 2005 hätten das Kraftwerk unwirtschaftlich gemacht, teilte das Unternehmen mit.

Schröder wollte schon 1987 Stilllegung von Stade

Allerdings wurde das vorzeitige Abschalten des Kraftwerkes, das unter AKW-Gegnern lange Jahre als "Schrottreaktor" galt, schon in den Konsensverhandlungen zwischen Bundesregierung und Betreibern abgemacht. Gerhard Schröder erklärte schon 1987, als er noch SPD-Oppositionsführer im niedersächsischen Landtag war, dass der Reaktor die Nummer eins auf der Abschaltliste sei. Als Schröder 1990 niedersächsischer Ministerpräsident wurde und Trittin als Bundesratsminister in seinem Kabinett saß, war die schnelle Stilllegung des AKWs ein vordringliches Ziel der rot-grünen Landesregierung.

AKW-Gegner und Wissenschaftler hatten schon in den achtziger Jahren immer wieder Sicherheitsmängel, vor allem einen spröden Reaktordruckbehälter, kritisiert. Die Überprüfung der Mängel durch Gutachter verschiedener Landesregierungen führte letztlich nur zu einer gründlichen Nachrüstung des Kraftwerkes. 360 Millionen Mark kostete der Bau des Atommeilers. Insgesamt 1,7 Milliarden Mark hat der Betreiber nach Angaben von Petra Uhlmann später ausgegeben, um die Technik des Reaktors an neue sicherheitstechnische Standards anzupassen. Für den Rückbau des AKWs, der bis zum Jahr 2015 dauern soll, hat E.on 500 Millionen Euro zurückgestellt. Rund 150 der nicht mehr ganz 300 Kraftwerksmitarbeiter werden bei der Demontage des Kraftwerks weiter beschäftigt. Ein Teil der Belegschaft geht in den Ruhestand, die übrigen sollen in andere E.on-Kraftwerke wechseln.

Jürgen Voges, AP

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