AKW-Informationspanne Kieler Ministerium und Vattenfall beschuldigen sich gegenseitig

Eine Woche nach den Zwischenfällen in den Kernkraftwerken Brunsbüttel und Krümmel werfen sich Aufsichtsbehörde und Vattenfall gegenseitig mangelhafte Informationspolitik vor. Greenpeace behauptet, es gebe Hinweise auf Bedienfehler des Krümmels-Personals.


Kiel - Wegen der schleppenden Informationsweitergabe nach dem Brand im AKW Krümmel geraten Schleswig-Holsteins Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) und Betreiber Vattenfall Europe immer mehr unter Druck. Die FDP bezeichnete Trauernicht am Donnerstag als "nur noch schwer tragbar". Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisierte die Ministerin scharf. Trauernicht, deren Ministerium für die Reaktoraufsicht zuständig ist, wies vor dem Sozialausschuss des schleswig-holsteinischen Landtages Vertuschungsvorwürfe entschieden zurück und machte dem Kraftwerksbetreiber ihrerseits schwere Vorwürfe.

Greenpeace-Protest vor AKW Krümmel (am 30. Juni): Bedienfehler vom Personal?
DPA

Greenpeace-Protest vor AKW Krümmel (am 30. Juni): Bedienfehler vom Personal?

Die Sozialministerin rechtfertigte ihre Informationspolitik damit, dass sie angesichts negativer Erfahrungen mit Vattenfall keine ungeprüften Informationen habe weitergeben wollen. Das Ministerium habe von dem Unternehmen am Freitag "lediglich Stichworte" über die Störungen bei der Abschaltung bekommen, sagte Trauernicht. Nach Angaben eines Ministeriumssprechers enthielt das Vattenfall-Schreiben folgende beiden Zeilen, die sich auf Probleme am Reaktor selbst beziehen:

  • Ausfall RL-Speisewassersystem
  • 2S/E-Ventile - abblasen in Kondkammer
Der Leiter der Reaktorsicherheitsabteilung im Ministerium, Wolfgang Klosters, sagte im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Auf Basis dieser Informationen war eine Einschätzung der Abläufe nicht möglich." Als am Dienstag Einschätzungen durch Gutachter vorgelegen hätten, habe ihr Ministerium noch am selben Tag die Öffentlichkeit informiert, erklärte Trauernicht. Wenn es Hinweise gegeben hätte, dass die Sicherheit der Bevölkerung gefährdet gewesen wäre, hätte sie diese auch ungeprüft weitergegeben.

Vattenfall weist Vorwürfe zurück

Trauernicht kündigte an, die ohnehin für August geplante Jahresrevision des AKW Krümmel vorzuziehen. Außerdem wolle sie mit dem Betreiber über die notwendige Form der Informationspolitik sprechen. Der Reaktor selbst gehe erst nach Klärung aller Sicherheitsfragen wieder ans Netz. Notfalls behalte sie sich weiterhin atomrechtliche Anordnungen vor.

Vattenfall reagierte umgehend auf die Vorwürfe der Ministerin. Bruno Thomauske, Geschäftsführer der Vattenfall Europe Nuclear Energy, sagte: "Wir haben die Aufsichtsbehörde frühzeitig, kontinuierlich und umfassend informiert." Die erste Information an das Ministerium sei am Donnerstag (28. Juni) um 15.30 Uhr telefonisch erfolgt, 28 Minuten nach Ausbruch des Feuers im Trafo. Die erste schriftliche Zusammenfassung der Ereignisse sei dem Ministerium am Donnerstagabend um 21.18 Uhr per Fax zugegangen. Dass Vattenfall selbst die Öffentlichkeit nicht über die "Auffälligkeiten" am Reaktor informiert hat, erwähnte Thomauske nicht.

Der stellvertretende FDP-Landtagsfraktionschef Heiner Garg warf Trauernicht eine "Salamitaktik" vor. Es sei "ungeheuerlich und unverantwortlich, dass die Ministerin die ganze Wahrheit der Öffentlichkeit fünf Tage lang verschwieg", betonte Garg. Er bezweifle, ob Trauernicht "selbst noch die nötige Zuverlässigkeit aufbringen kann, um weiterhin die oberste Aufsicht über die Sicherheit an den schleswig-holsteinischen Kernkraftwerken auszuüben".

Druckabfall von 65 auf 20 bar

Nach Angaben der Umweltorganisation Greenpeace hat es bei den Zwischenfällen in Brunsbüttel und Krümmel Bedienungsfehler des Betriebspersonals gegeben. Darauf habe die Gesellschaft für Reaktorsicherheit hingewiesen, sagte Greenpeace-Physikerin Oda Becker am Donnerstag. "Das lässt Rückschlüsse auf die Sicherheitskultur bei Vattenfall zu." Laut Berechnungen im Auftrag von Greenpeace habe der Stromkonzern das Personal in Krümmel von 1996 bis 2005 um rund zwölf Prozent verringert. Darüber hinaus sei die Leistung des Kraftwerks 2006 um sieben Prozent erhöht worden, schilderten die Umweltschützer.

Der "Tagesspiegel" berichtet unter Hinweis auf die der Zeitung vorliegende Ereignismeldung von einem dramatischen Druckabfall in Krümmel. Demnach sei bei der Schnellabschaltung eine Wasserpumpe des Speisewasserkreislaufs nach vier Sekunden ausgefallen. Nach der Öffnung zweier Sicherheitsventile sei der Druck im Reaktorkern von 65 auf 20 bar abgestürzt und der Wasserfüllstand im Siedewasserreaktor auf unter 11,6 Meter gesunken. Er habe deshalb durch ein Sicherheitssystem wieder auf 14,07 Meter aufgefüllt werden müssen.

hda/ddp/dpa



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