AKW-Pannenserie Leck in Krümmel - Gabriel will Anfahren blockieren

Erneut muss Vattenfall der Atomaufsicht ein "meldungspflichtiges Ereignis" im Pannenreaktor Krümmel beichten. Diesmal ist ein Stutzen des Wasserdampf-Kreislaufs undicht. Bundesumweltminister Gabriel droht: Wenn Kiel ein Wiederanfahren erlaubt, wird der Bund das blockieren.


Hamburg - Nach Angaben des Betreibers haben Mitarbeiter des Kraftwerks ein Leck im Turbinenbereich festgestellt. Es handele sich dabei um ein etwa zwei Millimeter großes Loch an einem Entlüftungsstutzen, teilte Vattenfall mit. Die zuständige Atomaufsichtsbehörde, das schleswig-holsteinische Sozialministerium, sei informiert worden.

Kernkraftswerk Krümmel: In einem Entlüftungsstutzen im Wasserdampf-Kreislauf fanden Techniker ein zwei Millimeter großes Loch
AP

Kernkraftswerk Krümmel: In einem Entlüftungsstutzen im Wasserdampf-Kreislauf fanden Techniker ein zwei Millimeter großes Loch

Der Stutzen ist Teil des Wasserdampf-Kreislaufs im Kernkraftwerk. An der Stelle, an welcher der Schaden gefunden worden ist, wird kondensierter Wasserdampf aufgewärmt, bevor er zurück in den Reaktor geleitet wird. In dem Kernkraftwerk erhitzt die im Reaktor freigesetzte Energie Wasser, das in Form von Dampf die Turbinen zur Stromerzeugung antreibt. Die radioaktiven Auswirkungen hätten unter der Messgrenze gelegen, hieß es.

Das schadhafte Stück soll nun ausgetauscht werden, alle vergleichbaren Stutzen würden untersucht, teilte Vattenfall mit. Der Reaktor im betreffenden Kernkraftwerk Krümmel an der Elbe bei Geesthacht steht seit dem 28. Juni still. Damals hatte ein Trafo-Brand auf dem Gelände des Kraftwerks erhebliche Schäden angerichtet. Wegen Pannen am Tag der Abschaltung und Kommunikationsfehlern in den folgenden zwei Wochen steht der Betreiber in der Kritik.

Für noch mehr Verwirrung sorgte, dass es zum Zeitpunkt des Brandes ein merkwürdiges Gedränge im Kontrollraum gegeben hatte. Voraussichtlich am Freitag wird der Stromkonzern der Aufsichtsbehörde in Kiel einen Zwischenbericht vorlegen, teilte ein Sprecher von Ministerin Gitta Trauernicht (SPD) mit. Darin sollen alle bisher bekannten Vorfälle in der Anlage zusammengefasst werden.

Leitstand-Mitarbeiter werden befragt

Am kommenden Montag soll es dann ein Gespräch mit den zuständigen Mitarbeiten aus dem Krümmel-Leitstand geben. Das kündigte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) an. Er hatte, ebenso wie Trauernicht, Vattenfall dafür kritisiert, dass der Konzern die Betreffenden bislang abgeschirmt hatte. "Das muss man sehr präzise aufklären", sagte Gabriel. Er und Trauernicht hatten dem Betreiber mit Entzug der Betriebsgenehmigung gedroht. Außerdem deutete Gabriel nun die Möglichkeit einer Blockade an: Die Bundesaufsicht könne die schleswig-holsteinische Atomaufsicht anweisen, einem Wiederanfahren nicht zuzustimmen, sagte der Minister.

Gabriel zeigte sich aber überzeugt, dass die Kieler Atomaufsicht kein Wiederanfahren vor Klärung aller Fragen erlauben werde. Notfalls werde der Bund dies mit einer atomrechtlichen Weisung "selbstverständlich" verhindern. In diesem Fall trage der Bund auch das Prozessrisiko, falls Vattenfall Schadensersatz geltend mache.

Die Kieler Aufsichtsbehörde prüft weiterhin die rechtlichen Möglichkeiten eines Entzugs der Betriebserlaubnis. Ein Ergebnis werde "eher Wochen als Tage" dauern, sagte Ministeriumssprecher Oliver Breuer. Er betonte, das Ministerium wolle neben dem Reaktorfahrer und dem Schichtleiter zwei weitere Mitarbeiter befragen. "Wir wollen uns ein Gesamtbild machen." Nach dem Brand Ende Juni war auch das Kieler Ministerium in die Kritik geraten - Informationen über den Reaktor-Zwischenfall waren zurückgehalten worden.

stx/AP/dpa

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