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07. Juli 2009, 12:14 Uhr

AKW-Störfall

Vattenfall räumt Versäumnisse in Krümmel ein

Die Betreiberfirma Vattenfall hat eine neue Panne bei der Sicherheitstechnik des defekten Atomkraftwerks Krümmel eingestanden. Ein vorgeschriebenes Messgerät sei nicht installiert gewesen. Der bisherige Kraftwerkschef hat inzwischen seinen Posten aufgegeben.

Kiel - Drei Tag nach der Notabschaltung des Atomkraftwerks Krümmel hat die Betreiberfirma Vattenfall neue Versäumnisse eingestanden: Das Unternehmen erklärte, ein vorgeschriebenes Überwachungsgerät sei am betroffenen Transformator nicht installiert gewesen. Konkret habe es sich um die sogenannnte Teilentladungsmessung gehandelt.

Wegen der Vorkommnisse sei der bisherige Kraftwerkschef Hans-Dieter Lucht nach Vattenfall-Angaben auf eigenen Wunsch von seinen Aufgaben entbunden worden. Der Reaktor war am Samstagmittag per Schnellabschaltung vom Netz genommen worden. Aus bislang unbekanntem Grund war es zu einem Kurzschluss in einem Maschinentransformator gekommen.

Der Unfall hatte Ähnlichkeit mit dem schweren Unfall vor zwei Jahren, als nach einem Brand an einem baugleichen Transformator der Reaktor für zwei Jahre stillstand. Erst am 19. Juni 2009 hatte die Atomaufsicht das Wiederanfahren genehmigt. Die Parallelität der Ereignisse hat zwei Grünen-Politiker nun zu einer Anzeige motiviert: Der schleswig-holsteinische Grünen-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl, Konstantin von Notz, und der Hamburger Grünen-Bundestagsabgeordnete Manuel Sarrazin stellten bei der Staatsanwaltschaft Lübeck Strafanzeige gegen die Verantwortlichen der Anlage.

"Ein fast identischer Störfall"

"Die Störfälle der letzten Tage und die Parallelität der Geschehnisse zum Transformatorbrand vor zwei Jahren haben die Menschen stark beunruhigt und das Vertrauen in Vattenfall, so es denn je vorhanden war, zerstört", sagte Notz.

Dass sich zwei Jahre nach dem Trafobrand "ein fast identischer Störfall" an einem Transformator ereignet habe, begründe den Verdacht einer groben Verletzung von verwaltungsrechtlichen Vorschriften, sagte Notz. Sarrazin betonte, "das Krümmel-Risiko ist für die Metropolregion Hamburg untragbar geworden". Aufgrund dessen Nähe zur Hansestadt sei es wichtig, "dass dieser Pannenreaktor endlich vom Netz geht".

Die schleswig-holsteinische Atomaufsicht will die Zuverlässigkeit des AKW-Betreibers Vattenfall prüfen lassen. Das Unternehmen hat angekündigt, dass der Reaktor in jedem Fall monatelang abgeschaltet bleiben wird. Bevor das Kraftwerk wieder ans Netz gehen könne, würden beide Transformatoren des Kraftwerks durch neue ersetzt. Die Gesamtkosten dafür lägen bei rund 20 Millionen Euro, wie eine Unternehmenssprecherin sagte.

Schleswig-Holsteins für Atomaufsicht zuständige Sozialministerin Gitta Trauernicht (SPD) begrüßte die Entscheidung. Der Austausch der Transformatoren beende "jedoch nicht die grundsätzliche politische Debatte über eine Stilllegung von Krümmel", sagte sie.

"Krümmel ist ein Kraftwerk mit Zukunft"

Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger hat unterdessen für den Fall eines schwarz-gelben Wahlsieges unbegrenzte Laufzeiten für Atommeiler in Aussicht gestellt. "Für alle Kernkraftwerke, die dem Stand der Technik entsprechen, werden wir die Laufzeitbeschränkungen aufheben", sagte der CDU-Politiker dem "Hamburger Abendblatt". Die Reaktoren müssten in Betrieb bleiben, solange sie zuverlässig Strom lieferten. Dies gelte auch für Krümmel: "Wenn die technischen Voraussetzungen stimmen, ist Krümmel ein Kraftwerk mit Zukunft."

Damit geht Oettinger über die bisherigen Ankündigungen von CDU und CSU hinaus. In ihrem Wahlprogramm zur Bundestagswahl bezeichnet die Union die Kernenergie lediglich als "Brückentechnologie". Die Laufzeiten sicherer Kernkraftwerke sollen demnach verlängert werden, bis es genügend klimafreundliche und kostengünstige Alternativen gibt. Ein Termin dafür wird allerdings nicht genannt.

SPD-Fraktionschef Peter Struck warf Bundeskanzlerin Angela Merkel, der Union und der FDP unterdessen vor, sie seien mit ihrer "sturen Forderung nach längeren Laufzeiten auf einem hochgefährlichen Kurs". Nach der Pannenserie in Krümmel müssten selbst die verbohrtesten Kernkraftbefürworter einsehen, dass Laufzeitverlängerungen oder gar der Neubau von Atomkraftwerken der falsche Weg sei, sagte Struck der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". "In Wirklichkeit knickt Frau Merkel hier vor der Atomlobby ein." Abgeschriebene Kernkraftwerke seien Gelddruckmaschinen für die Betreiber. "Es geht um Profit und um sonst nichts", sagte Struck.

chs/AP/ddp/dpa

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